Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXIX): Die Lebensmittelallergie als Lifestyleaccessoire

13 03 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war kurz nach der Erschließung der großen Rotbeere als Dessertfrucht, als Uga in einem Anfall von Gier eine Handvoll der süßsauren Dinger in den Schlund schob. Simultan. Der einsetzende Hustenkrampf versetzte einige Mitglieder des Clans nördlich der großen Felswand in hektische Aktivität und helle Angst – würde der Anführer der Rotte das Abendessen nicht mehr rechtzeitig erlegen können? muss man seine sterblichen Überreste längs oder quer auf dem Scheiterhaufen drapieren? wer würde nun seine Frau übernehmen, und wenn ja, welche Kinder? – bis die Hälfte der Obstgrütze wieder aus seinem Schlund kam. Es war kein schöner Anblick, weshalb sich der Vorsitzende hinter die Vorsehung flüchtete. Die Beeren waren schuld. Schicksalhafte Gegenanzeigen hatten dafür gesorgt, dass Uga die wilden Früchte nicht mehr vertrug. Dies aber war der Beginn einer langen Geschichte.

Denn jeder, der auf sich hält, besitzt inzwischen mindestens eine vorzeigbare Lebensmittelallergie – vorzeigbar, weil niederes Blütenpollengeschmeiß dem elitären Empfindsamen längst nicht mehr das links gerührte Informationswasser reichen kann. Heerscharen ansonsten unauffälliger Biotrullas geraten beim Anblick ungeschälter Nüsse und konventionell erzeugter Sprossen in hysterisches Geschluchz, sabbern beim Sellerie, murren bei Möhren, kreischen bei Kefir: die Wahrscheinlichkeit für einen Nervenzusammenbruch beim Anblick des Fotos eines Zuckerwürfels liegt bei knapp über 1−ε, aber wen interessiert das. Wir haben ein handfestes Argument für die Unverträglichkeit von Butter bei Vollmond, wenn mehr als eine Patientin pro Woche sich beim Internisten über nervöse Zuckungen beschwert. Dass sie am sukzessive eingefüllten Schnaps liegen könnten, wen interessiert’s?

Die tollwütige Selbstwahrnehmung der letzten Jahrzehnte, in denen sich jeder Depp selbst der nächste war, machte den Sack endgültig zu. Jedes kleine Magendrücken nach einem Kilo zu viel Kalbsbraten mündete schnurstracks in einem wirren Selbstdiagnose, die der Verdübelte mit Hilfe von Apothekenzeitschrift und Hilfsmittelwerbung an Ort und Stelle leistete: die Milch macht’s, notfalls Muskat oder Zucker, Hauptsache ist, dass sich aus dem Ding ein hübsches Konversationsstück popeln lässt.

Weil sonst nichts mehr hülft, schwiemelt sich die Pharmabranche Wehwehchen aus den Rippen, Grübelzwang und Fußnagelversalzung, Ohrenbiss und nächtliches Aufstoßen und Morbus Aua. Das aber macht sich prächtig auf der Stehparty – Scheuermann und Wurmscher Nabelinfarkt sind längst zum Volksleiden degeneriert – und erhöhen den Marktwert immens. Schwuppdiwupp lassen sich neue Diagnosen aus der Luft leiern, Symptome erfinden und Leiden erzeugen, Qual ohne Ende, die so herrlich hip macht.

Das greift tief in den Alltag des Beknackten ein. Hätte man jedem Unbekannten von der Straße früher arglos Käsehäppchen unter die Nase gerieben, so ist gefühlt jeder zweite Depp heute zur Laktoseintoleranz konvertiert, darf keine Pilze oder nasse Hunde in Blätterteig und flieht aus Prinzip vor Blätterteig. Wer ohne zu zögern zulangt und sich ein belegtes Brot von der Platte hebelt, löst Alarmstufe Rot aus: vermutlich ein Hinterwäldler, der noch nie von Erdnusspest oder Glutamatkrebs gehört hat. Am Ende frisst so etwas Schnitzel, ohne tot umzukippen. Bäh!

Seltener sind Fälle, in denen gezielte Unverträglichkeiten für Jahrgangsbordeaux oder Kalbsbries auftraten. Ansonsten wird jedes noch so okkult anmutende Objekt Gegenstand von Siechtum und Verpickelung. Dass jeder fleißig mittun darf, dafür sorgt der demokratische Ansatz des Gebrechens: wo früher der Bescheuerte noch ehrlich Abscheu bekundete und sein Gemüse auf dem Tellerchen ließ, kreiert er heute flugs eine Rosenkohlallergie und ist endgültig raus aus der Nummer. Soll sich der Gastgeber doch merken, dass man das Zeug nicht abkann.

Und schon wird der Pfirsich im Supermarkt als histaminfrei und ohne tierische Eiweiße verscherbelt, kauft der gemeine Knallschädel in bester Absicht glutenreduzierte Wurst und sensibilisiert sich dank Putzlumpen ohne Gene nebst Tafelwasser light – was Argwohn in der Folge sämtlicher Lebensmittelskandale nicht schaffen konnte, erledigt die Werbung. Und so feiert sich der Hypochonder selbst mit veganem Eisbein an fruktosearmem Toastbrot, lutscht Daumen und hofft, dass er sich nicht an sich selbst vergiftet. Er hätte allen Grund dazu. Falls ihn nicht vorher der Skorbut zur Strecke bringt. Oder was in dieser Saison sonst so angesagt sein sollte.

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2 responses

13 03 2015
lamiacucina

Seit Molières „Malade imaginaire“ haben Hypochonder nichts an ihrer unfreiwillig komischen Wirkung eingebüsst.

13 03 2015
bee

Wobei Argan auch noch den Fehler begeht, selbst einer der Ärzte werden zu wollen, die ja gegen seine Krankheit nichts ausrichten können. Welch garstige Dialektik.

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