Kinderleicht

17 03 2015

Sie zeigte erhebliche Anzeichen von körperlicher Deformation, offensichtlich hervorgerufen von idealisierender Magersucht, dazu das debile Grinsen einer Frau, die ab Werk knapp über dem Status eines Haustiers gehandelt wird. Eine an die 1950-er Jahre angelehnte Langhaarfrisur mit leicht angedeuteter Außenwelle, stark blondiert, gab dem äußeren Erscheinungsbild den Rest. „Die kleinen Mädchen werden den Scheiß lieben“, seufzte Herbinger, „sie kennen ja nichts anderes mehr.“

Sie sah also dem Original täuschend ähnlich, was in Anbetracht ihres Innenlebens sicher nicht einfach gewesen sein dürfte. „Ach was.“ Herbinger winkte ab, beinahe wegwerfend sogar. „Die meisten Sachen kriegen Sie heute auf einen Mikrochip, und wenn das Ding sich ins lokale Netzwerk reinhackt, zeichnen wir das sowieso auf.“ Ich kratzte mich, Übersprungshandlung hin oder her, gründlich am Kinn. „Und Sie finden es nicht verwerflich, die Töchter Ihrer Zielpersonen mit diesen Puppen zu verwanzen?“ Er sah mich an, nein: er sah mich nicht an, sondern eher durch mich hindurch, als läge die Antwort irgendwo außerhalb dieses kleinen, muffigen Lagerraums mit den vielen Pappkartons, irgendwo da draußen im Abstrakten. „Nein.“ So einfach war das also. Ich hätte selbst darauf kommen können.

„Betrachten Sie es als Notwehr.“ Er schraubte eine der Puppen auseinander, pfriemelte ein paar Kabel aus dem Rumpf und zog einen Draht aus dem Schädel. „Sie kriechen zwar noch nicht selbst in unsere digitalen Endgeräte, aber sie bedienen sich an den Daten, die andere widerrechtlich abschöpfen.“ Die beiden Chips zeigten sich als recht robust; eine motorisch motivierte Dreijährige, die ihren Modepüppchen noch nicht aus sozial bedingten Gründen die Birne abdreht, würde das Innenleben des Spielzeugs nicht zerstören, und wenn doch, so bliebe kaum etwas, was sie nicht rückstandsfrei verschlucken könnte. „In anderen Teilen Ihres Herrschaftsgebiets schicken sie die kleinen Mädchen erst auf den Strich und dann in die Fabriken – je nach Produktionsbedarf, Schuhe oder Teppiche, verläuft das auch in umgekehrter Reihenfolge – und dann erledigt die Lebenserwartung in den Zeiten der Globalisierung den Rest. Da ist ein ungeschützter Kontakt mit chinesischen Spielwaren aus Weichmacherplastik doch nicht schlimmer, oder?“ Der Kopf ließ sich selbstverständlich auch wieder mit einer wie zufälligen Bewegung auf den Körper drücken. Als wäre nichts geschehen. Kinderleicht.

„Ich möchte mit Ken in meinem Cabrio spazieren fahren“, krähte das Stück Kunststoff. „Logisch.“ Herbinger schüttelte das Püppchen. „Dazu muss man ja auch erst einen Ken und das passende Cabrio kaufen. Wie das die Konsumelite nicht früh genug trainieren kann. Aber hören Sie mal weiter.“ „Was wählt denn Pappi? Und was wählt denn Mammi?“ Mir stockte der Atem. „Ja, da kann man schon skeptisch werden.“ Herbinger grinste. „Aber ich habe viel zu lange für den Geheimdienst gearbeitet, als dass mich das noch schockieren könnte.“ „Sie meinen also, dass diese Puppen von offizieller Seite manipuliert wurden, um…“ Er nickte. „Vermutlich so eine Art von falsch verstandenem Nudging, was die Regierung da ausprobiert. Dem Wähler einen kleinen Stups geben, indem man die Kinder infiltriert. Aber für uns ist das normal. Naja, fast.“ Ich stutzte. „Bis auf diesen Konsumscheiß halt“, murmelte er.

Der Produktvorteil lag demnach nicht in der technisch so gut wie ausgereiften Sprechpuppe, sondern in der Aufnahmefunktion. „Und genau hier haben wir auch die Industrie auf unserer Seite“, erzählte Herbinger. „Der politisch-industrielle Komplex hatte zunächst nur für den Nachschub geplant, aber wir nutzen die Technik nicht nur aus, wir verstehen sie auch.“ Akkurat und ohne jede falsche Vorsicht packte er die Puppe zurück in die Schachtel. „Der Geheimdienst hat mich gefragt, ob ich die Dinger nicht zu Staatsfeinden einschleusen könnte.“ Er grinste. „Und, können Sie?“ In einem Briefumschlag hatte er einige Chips gesammelt. Offenbar wusste er, dass man die als Mittel gegen den Terrorismus gedachte Informationskontrolle nie würde überwinden können, es sei denn, man hatte grobe Vorstellungen davon, wie Terrorismus funktioniert. „Mehr brauchen wir nicht. Sicherlich ein merkwürdigen Zufall, dass ausgerechnet dieser Rucksack mit dem Umschlag bei einem Überfall gestohlen wird, aber Sie wissen ja. Geheimdienst.“ Es sollte noch eine Bedienungsanleitung für technische Pannen geben, wie ich mir hatte sagen lassen, aber das war schon nicht mehr nötig. „Diese hier sind unser großer Coup. Wir werden vorerst nicht viel damit erreichen, aber wir haben trotzdem mehr in der Schublade, als wir brauchen können.“ Es waren ganz normale Puppen, natürlich in der schönsten Geschenkverpackung. Aber natürlich sonst ganz normale Puppen. „Und Sie denken“, fragte Herbinger, „Politiker schenken sich nichts zu Ostern?“

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s