Perfekt versteckt

2 04 2015

Er starrte konzentriert die Wand an, die Couchgarnitur und den Tisch, dann den Teppich, die Schrankwand, die Terrassentür und das Regal vor der Rasenkante. „Ich weiß es doch nicht mehr!“ Herr Breschke war sichtlich verzweifelt. „Irgendwo muss es doch sein, aber ich weiß es doch nicht!“

Bismarck guckte etwas sparsam in die Gegend; normalerweise wäre dieser dümmste Dackel im weiten Umkreis seinem Herrchen zwischen den Beinen herumspaziert und hätte ihn mit der Leine zu Fall gebracht, doch trug er gerade keine. Ohne jedes Verständnis für die mittlere Katastrophe drehte sich der Hund um und trottete durch den Vordereingang in den Garten. „Ich hatte ja seit letzten September diese Gedächtnismethode aus der Zeitschrift, dieser… na! meine Frau weiß schon, die liest sie immer beim Zahnarzt, nein: Friseur, in der Schillerstraße ist ja der Friseur, oder war das am Kleistplatz? Jedenfalls muss sie diesen Artikel weggeschmissen haben, und ich hatte ihn doch extra auf den Küchentisch gelegt.“ Der pensionierte Finanzbeamte war sichtlich verzweifelt. Er konnte sich in jede Lebenslage auf seine Frau verlassen, die ihm den Tee kochte, Hemden, die nicht mehr zu tragen waren, einfach aus dem Verkehr zog, statt sie erneut zu bügeln – nach einer schweren Krise hatte er sich sogar daran gewöhnt – und mit Rat und Tat zur Seite stand. „Ich kann ihr nicht einmal eine Osterüberraschung bereiten“, schluchzte der alte Mann. „Was wird sie von mir denken?“

Natürlich hatte er ihr in den letzten Jahren nie eine Osterüberraschung bereitet, bis auf das eine Mal, als das von Breschkes Tochter aus dem Internet besorgte Zuchtkaninchen, tiefgekühlt sowie aus der Kalmückischen SSR, sich beim Öffnen der Packung als Ansammlung lustig gekringelter Würmer entpuppte; auch die durch den Zoll geschmuggelten Eier mit Goldbemalung hatten ihre Aufmerksamkeit erregt, wenn auch nicht wegen des Goldes und nicht nur ihre, denn die ägyptischen Grenzbehörden fanden angetrocknete Embryonen von Krokodilen schon etwas gewöhnungsbedürftig als Urlaubssouvenirs. Im Hause Breschke feierte man das traditionelle Frühlingsfest gerne etwas außerhalb der Norm.

„Denken Sie nach“, schärfte ich Horst Breschke ein. „Wo haben sie das Netz zuletzt gesehen?“ „In der Küche“, sinnierte er, „da habe ich es ja dekoriert, und dann muss es plötzlich…“ „Sie haben keine Erinnerung mehr, wo Sie es versteckt haben könnten?“ Mein Ton musste ein bisschen scharf geworden sein; er zuckte merklich zusammen. Bismarck schubberte seine Schnauze an Breschkes Hosenbein; der aber schob ihn beiseite. „Ich muss mich konzentrieren“, ächzte der Amtsrat a. D., „wo habe ich das nur hingelegt? Oder ist es vielleicht auch noch im Einkaufskorb?“ Da war nichts, zumindest fanden wir den Einkaufskorb bereits nach einer halben Stunde unter der Küchenbank, wo er laut Frau Breschke seit Jahren stand (sie befand sich gerade im Chamissoweg bei Claudette, um ihre Wasserwelle aufzufrischen). „Dann war es sicher im Schlafzimmer“, beeilte er sich. „Oder ich habe es unten stehen lassen.“

Doch da war nichts. Kopflos ging Breschke die Treppe hinab, und fast wäre er über Bismarck gestolpert, wie er mit vorwurfsvollem Blick auf den Stufen saß, noch immer ohne Leine, doch inzwischen zielsicher zwischen den Beinen des Herrchens. „Du bist mir auch nicht gerade eine große Hilfe“, nörgelte Breschke, „kannst Du mir nicht wenigstens zeigen, wo… – Ach nein, Du kannst es ja nicht.“

Dabei hatte er einen größeren Stapel an Sauerampfer- und Süßholz-, Ginkgo- und ähnlichen Pillen auf dem Küchenschrank gestapelt, die allesamt Vergesslichkeit, Konzentrationsschwäche und mangelnde Aufmerksamkeit bekämpfen, ihrem Produzenten ein gutes Auskommen sichern sollten, und etwas anderes war noch dabei, es musste mir entfallen sein. „Ich wollte mir das längst aus der Apotheke mitgebracht haben“, verkündete er in selbstmitleidigem Ton. „Aber ich habe es wohl in der Zwischenzeit einfach nicht mehr im Gedächtnis gehabt. Werden Sie nicht alt, sage ich Ihnen, werden Sie bloß nicht alt!“ Wie aus heiterem Himmel fing er an, die ganze Küchenbank zu durchwühlen. Immerhin fand er hier ein Album mit Rabattmarken einer seit gut vierzig Jahren nicht mehr tätigen Supermarktkette, aber das Osternest? „Konzentrieren Sie sich“, ermahnte ich ihn. „Wo haben Sie dieses Ding gesehen? Und was war eigentlich drin in diesem Ding?“ „Wie immer“, sagte er. „Wir haben ja so unsere Traditionen, und da weiß ich, dass…“ „Was denn“, entfuhr es mir, „haben Sie wieder eine Dose Handcreme gekauft?“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Auf gar keinen Fall, es waren… – “

Zwei Ansagen hatten Bismarck gereicht. Mit glasigen Augen, wie im Vollrausch und sichtlich erregt tapste er zur Terrassentür hinein, schnaufte ein wenig und wankte sofort in Richtung Körbchen. Hatte er am Ende auf seine alten Tage noch einmal seinen Dackelcharme spielen lassen und ein junges Tierchen vor dem Zaun beschnuppert? Breschke guckte ihm entgeistert nach. Der Hund drehte sich noch einmal um, man meinte, ein leises Rülpsen zu vernehmen. Breschke klammerte sich an der Stuhllehne fest. „Schokoladeneier“, japste er. „Natürlich Schokoladeneier!“


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