Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXII): Der Neoneandertaler

10 04 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alle machten bei der Evolution mit. Die Nggrs lernten Weben und Nähen, bei Uga-Ugas gehörte das Feuermachen zum täglichen Umgang, und beide fanden diese praktischen neuen Feuersteine zum Schneiden sehr hilfreich. Nur Rrt, der nach Sonnenuntergang die Höhle nie mehr verließ und Grillspießchen als neumodisches Zeug ablehnte, blieb konservativ. Generationen von Bewohnern der östlichen Höhlenkette neben dem Bach, so Rrt, hatten ihre Wurzeln roh gekaut und das Korn zwischen zwei Steinen gemahlen statt auf diesen neumodischen Scheuerplatten – Schnickschnack, denn irgendwann wurde jedes Gras zu Mehl, man musste sich nur ein bisschen anstrengen. Und wozu sollt man die kleine dörfliche Gemeinschaft je verlassen, wo es auf der Steppe nicht mehr gab als ein paar wilde Bisons, Früchte und Brennholz, kurz: Überflüssiges im Überfluss. Er bleib hart. So wie die Zeiten für den Neoneandertaler.

Er neigt zu einer leicht eingeschränkten Weltsicht; wenn er das mit dem Feuer bisher nicht auf Reihe gekriegt hat, brauchen das die anderen auch nicht. Überhaupt bevorzugt er die praktikablen Lösungen, und sollte sich etwas nicht als Problem darstellen, dann sorgt er schon dafür, dass es in seine Lösung passt. Wir verdanken der Sache Ländergrenzen, die Moraltheologie und mindestens einen Bundeskanzler.

Denn es geht ihm um Werte. Der Beknackte der Vorzeit war schon immer dafür, dass Mädchen keine Berufe wie Glöckner, Staatsanwalt oder Stenotypistin ergreifen, also will er es von den anderen auch nicht. Dass er dabei leicht zum Übergeneralisieren neigt, sei ihm verziehen. Immerhin verhindert es damit, dass die jungen Frauen professionell Kochen, Metall verarbeiten oder Atome spalten, und wenn sie Kinder erziehen, dann sollen sie es wenigstens nicht für Geld tun, und wenn für Geld, dann nur, bis sie selbst Kinder in die Welt gesetzt haben, und wenn nicht: Rübe ab. Und die Landesgrenzen sind immer noch heilig, und wer das mit dem Feuer macht, lebt sowieso nicht gerne in seiner Gegenwart.

Das gilt selbstverständlich für Zugewanderte, für Nachbarn und Fremde oder Einheimische, wenn der Neoneandertaler selbst gerade einmal neue Gebiete erschließt. Der andere ist anders, also liegt er falsch, und damit basta. Dass man die Sache eine Zeit lang als Brauchtum, Tradition oder Moral bezeichnen kann, ohne übermäßig unangenehm aufzufallen, erleichtert die Sache ungemein. Schließlich kann man sie nach Ablauf einer Schamfrist von wenigen Jahrzehnten als etablierte Form der geistigen Verwirrung in den Diskurs überführen, vulgo: das war schon immer so, und wen es stört, der hat gefälligst die Fresse zu halten.

Da der andere Kram sowieso vorrangig ist, ordnet er seiner Vorstellung auch sämtliche Lebensbereiche unter. Die Landsmannschaft der Berufsgrunzer nimmt das klaglos hin, schließlich arbeiten sie schon ein bisschen länger auf dem Niveau. Einige wenige Kräfte befürchten Nachteile für die Wirtschaft, da sie mit Völkern zu tun haben, die den aufrechten Gang bereits seit Jahrhunderten zum Allgemeingut zählen, doch werden die bodenständigen Vertreter nicht müde, ihr Verhalten als notwendige Folge aus der schleichenden, inzwischen auch immer offener praktizierten Überfremdung des eigenen Lebensraumes zu erklären. Fremde Sitten und Gebräuche sind ihm fremd, deshalb lehnt er sie ab, und er begründet dies damit, dass seine eigenen Gebräuche dem Fremden auch fremd sein müssen, sonst würde er sie sich ja bereits vorher angeeignet haben.

In wenigen, aber ausgesuchten Fällen neigt der Neoneandertaler zur spontanen Gruppenbildung. Zieht eine neue Sippe in die Nachbarschaft, die möglicherweise schon über Erkenntnisse aus Hüttenwesen, Philosophie oder Quantenmechanik verfügt, so wartet die Gruppe der Betroffenen gar nicht erst auf die Gründung eines eingetragenen Vereins, sondern schlägt direkt zu. Natürlich lehnt er grobe Gewalt entschieden ab, allerdings nimmt er es gleichmütig hin, wenn sich Gleichgesinnte oder Gesonnene finden, die die Sache oder die Zugewanderten in seinem Sinne erledigen. Seine Empörung darüber ist grenzenlos, nicht gerade klammheimlich, aber wenigstens dekorativ.

Auf der anderen Seite würden Neoneandertaler, die ihre Kultur und Herkunft für klar überlegen halten, es sich nie nehmen lassen, diese Wesensmerkmale bei der Besiedelung fremder Gebiete als klares Alleinstellungsmerkmal zu verteidigen und, wenn möglich, auch auf die minderbemittelte, daher stets als erlösungsbedürftig anzusehende Bevölkerung im Zuge einer mehr oder weniger missionarischen Tätigkeit zu übertragen. Am Neoneandertalertum, so lautet seine Botschaft, soll die ganze Welt dereinst genesen, und sind die bisherigen Entwicklungen anderer Stämme immer nur als Vorstufen zum Neoneandertalertum zu betrachten. Er verteidigt seine Zugehörigkeit zum Neoneandertal über die kollektive Bildung, und sei es die Einbildung.

Sowieso, die Bildung. Als wichtiges Instrument der Indoktrination nutzt der Neoneandertaler seinen Bildungsauftrag, der ihm die Vorherrschaft über Generationen von Gehirnen sichert, die da denken: alle stinken, nur man selbst nicht. Die jeweils gültigen Gottheiten, das Große Mammut, der große Mammon oder die Arbeitszeitverlängerung, sie mögen wechseln wie austauschbare Feindbilder, weil letztlich alles irgendwann einmal zum Feind taugen wird, aber das wird nicht verdecken, dass es dem zentral verdummten Steppendeppen auch um ein Kernanliegen geht: kritische Auseinadersetzung mit der Evolution, durchaus tolerant formuliert, doch bei näherem Hinschauen nicht viel mehr als das Gewimmer einiger Dumpfdüsen, die sich an der Realität mittelschwere Sehnenzerrungen zugezogen haben.

Vermutlich ist es genetisch bedingt. Niemand hört das gerne, aber das Leben ist halt kein Wunschkonzert. Nicht mal im Neandertal.

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