Hauptsache würdevoll

20 04 2015

„Ja, da muss man den Dingen ins Auge blicken. Das ist manchmal das Schwerste, wissen Sie, und unserer Erfahrung nach kommt das immer auch ganz plötzlich. Auch und gerade dann, wenn man sich lange und intensiv gedanklich auf den Abschied schon vorbereitet hat, gedanklich und im Gespräch, wenn man seine eigene Perspektive auch ein Stück weit überdacht hat und sich denkt, man hätte in der Vergangenheit vielleicht vieles ganz anders gemacht – aber wenn es dann so weit ist, das ist natürlich immer noch ein eigenartiger Moment.

Wobei, es soll jetzt um Himmelswillen nicht herzlos klingen, aber oft ist es doch auch so, dass man im zweiten Augenblick sagt: es ist doch besser so. Das Leiden, das so lange Kraft geraubt und die Situation hoffnungslos gemacht hat, es ist jetzt vorüber. Hat sich, wenn Sie so wollen, an einen anderen Ort transformiert, und wir können nur jetzt nicht erkennen, ob es da ein Fortleben gibt, eine Form von Fortbestehen, wofür man gelebt hat und geliebt und gestritten, wissen Sie, das muss dann jeder mit sich selbst ausmachen, da kann man keinem eine endgültige Botschaft mitgeben. Es kommt da sehrt auf das Individuelle an, wissen Sie, und unserer Erfahrung nach entdeckt man dann in der Vergangenheit plötzlich auch Dinge, die einem plötzlich sehr wichtig scheinen und die man vorher gar nicht so bedacht hatte. Was man besser noch gesagt hätte, bevor es zu spät war, oder vielleicht auch, was man besser noch verschwiegen hätte. Was man nicht mehr ändern kann, wissen Sie, und das ist unserer Erfahrung nach manchmal auch sehr viel. Wichtige Dinge, und die trägt man dann mit sich, auch wenn man weiß, dass es eine zusätzliche Last ist, von der man sich befreien muss.

Die Trauerarbeit können Sie gerne auch in den kommenden Wochen und Monaten dazubuchen, dann kostet das nichts extra. Wichtig ist jetzt erst mal, dass wir die richtigen Schritte gemeinsam gehen, in ein neues Leben, wenn Sie so wollen ist das der Gang, den die Verwaltung oder die öffentliche Hand auch vorgesehen hat, wir leben nun mal in einem Staat, in dem sehr wenig Rücksicht auf unsere tiefsten Gefühle genommen wird, aber unserer Erfahrung nach findet sich dadurch auch oft schnell eine neue Perspektive, eine Orientierung, wie das Leben weiterläuft, weil man nicht einfach die Hände in den Schoß legen kann. Sie werden sehen, das hilft.

Natürlich würdevoll, Hauptsache: in Würde. Man kann da ja auch schon für den kleinen Geldbeutel ein paar schöne Sachen tun, es muss nicht immer so groß und pompös sein, wissen Sie, unserer Erfahrung nach kommen doch gerade die kleinen Dinge von Herzen. Also Blumenschmuck würde ich uni nehmen, maximal zwei Farben, und nicht mehr als drei Stiele pro Trauergast. Naja, dann machen wir ein Gesteck mehr. Platz ist ja, der Sarg ist nicht gerade schmal. Wenn Sie mich fragen, klassische Form. Das ist dann auch schnell wieder entsorgt.

Nehmen Sie lieber das Kondolenzbuch hier. Abwaschbar, man weiß ja nicht, was man bei der Gelegenheit alles anfasst. Oder wen. Wissen Sie, unserer Erfahrung nach kommt es nur auf ganz wenige Dinge an, die man von so einem Abschied auch behält. Vieles lässt man doch zurück, weil man sich in so einer Situation nicht mehr mit den jüngsten Erinnerungen belasten will, mit den schweren Stunden, in denen man immer noch versucht, ein Lichtlein zu sehen in der Ferne, und dann ist man natürlich verzweifelt, wissen Sie, und unserer Erfahrung nach sind es dann diese ganz starken Symbole, Dinge für die Ewigkeit, die mit der Zeit auch ein eigenes Gesicht bekommen, einen eigenen Wert, und ich würde durchaus Granit empfehlen, der ist wetterfest. Die Vogelscheiße können Sie ganz einfach mit einem Papiertuch abwischen, etwas lauwarmes Wasser, oder notfalls eine milde Scheuermilch. Braun? Gute Wahl, das wird gerne genommen. Dies ist ja auch besonders schmuck, da ist so dunkel, man denkt sofort, dass es Schwarz ist. Ist aber Braun.

Lassen Sie sich damit noch ein bisschen Zeit, man ist da im ersten Augenblick immer etwas überstürzt, wissen Sie, und unserer Erfahrung macht man im unmittelbaren Abschiedsprozess auch die Fehler, die man hinterher am ehesten bereut. Es häuft sich in den vielen Jahrzehnten nun mal eine Menge Zeugs an, manches davon auch nicht unbedingt geschmackvoll und viele Dinge sicher auch von eher fragwürdiger Art, aber so ist das nun mal, wenn man ein Gesamtbild vor sich sieht – da soll man dann nichts beschönigen, das rächt sich sowieso, dann kommt man irgendwann mit einem objektiven Bild aus der Trauerarbeit wieder raus und kann auch wieder positive Gefühle zulassen. Ein bisschen bleibt immer, wissen Sie, und unserer Erfahrung nach ist das gerade mit dem Erbe so eine Sache. Man sollte sich immer auch fragen, was würde man selbst wollen, dass es nun in andere Hände fällt, und was möchte man dann für die eigene Nachfolge lieber ausschließen, und dann sollte man sich immer überlegen, wo ist denn das Eigentum am besten bewahrt, wer kann damit überhaupt etwas anfangen, wer möchte nur aus Eigennutz etwas besitzen?

Also nur eine Schleife? Gerne. Wir würden das gerne auf Naturmaterial arbeiten, das ist dann schneller wieder – haben Sie schon? Liebe SPD, es war besser so. Na, meinethalben. Wenn’s denn würdevoll aussieht.“





Hausputz

19 04 2015

Keiner – keiner? natürlich nicht, absolut keiner – hatte ahnen können, dass die SPD bei der Vorratsdatenspeicherung genauso umkippen würde wie bei der Autobahnmaut, dem Betreuungsgeld, den Ausnahmen vom Mindestlohn, den Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, der Abschaffung des Asylrechts, den mehrfachen Verschärfungen der Hartz-Gesetze, TTIP, CETA, NSA, you name it. Keiner hätte es ahnen können? Wir wollen doch die Tradition dieser soi-disant Volkspartei nicht außer acht lassen. Schließlich war sie mal die Hälfte der damaligen SED. Was man beispielsweise immer dann merkt, wenn ihr Justizminister vorher laut und hysterisch ankündigt, sich an geltendes Staatsrecht zu halten. Sachdienliche Hinweise, wie man für eine schöne Zukunft den Dreck der Vergangenheit wirkungsvoll loswird, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • handschrift nachmachen kontakte: Der erste Ganzkörperkontakt dürfte der Staatsanwalt sein.
  • taxischein entzug wegen augenmigraene: Vierzig Dioptrien bei nur zwei Volumenprozent?
  • gendefekt wellensittich halb mann halb frau: Haben Sie Ihre Harpyien aus Altmaterial gezüchtet?




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXXXVIII)

18 04 2015

Man sagt, Shannon wohne in Taos
in einem kaum tragbaren Chaos.
Man sah dieses Hausen
im Städtchen mit Grausen.
Für sie war’s normal. Wie in Laos.

Ezechiel fragte in Melfi
das Freizeitorakel Miss Delphi,
wo er fänd die Schönen,
die ihn bald verwöhnen.
Sie gab ihm aus Selbstsucht ein Selfie.

Es plagte sich Sheldon in Cayce
mit Spuren im Innern des Schnees,
ob’s Eulen, ob Hunde
mit Füchsen im Bunde
es waren. „Ich denke, ich seh’s!“

Es spielt sich Blagoj in Marten
um Kragen und Kopf mit den Karten.
Beim Pokern, da rollt er
die Augen. Dann schmollt er.
So ist auch kein Glück zu erwarten.

Es radelte Jerrold in Sumter
betrunken. Schon stürzt er. Da schrammt er
dem Nachbarn am Wagen.
Der Lack, alle Lagen,
ist ab. So ein Mist, ein verdammter!

Kafoumba, der wählt in Lakota
zur Tarnung weit rechts. Denn ein Roter
ist dort recht verdächtig,
die Feindschaft ist mächtig,
und er wäre rot bald ein Toter.

Es wartete Deenah in Denton
samt Schwestern auf den Präsidenten.
Da sie ihn erkannte
und sah, wie man rannte,
war’s klar, dass sie ihn glatt verpennten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXIII): Das aufgeräumte Haus

17 04 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie illusorisch war die Idee, Haken in den Fels zu kloppen, damit der Troglodyt seinen Übergangspelz aufhängen konnte. Die Serienreife des Kleiderbügels ließ aus naheliegenden Gründen auch auf sich warten. Nicht viel besser ging es dem Erfinder der Schrankwand. Die Sippe hockte wie immer auf dem Boden, Küchengerät und Abfälle, Sommerkleidung und Wertgegenstände stets in Reichweite und also ebenfalls ebenerdig gelagert – die Innenarchitektur der Altsteinzeit konnte leichte Mängel nur unzulänglich kaschieren. Noch empfand es der Sippenkasper als normal, sein bisschen Besitz kaum aus der Hand zu legen, denn wie oft überfiel einen der feindliche Stamm, während man sich gerade Mammut à la crème reinpfiff, und da war die Axt gerne schnell bei der Hand. Mit dem Anbruch der Zivilisation jedoch, lange vor der Erfindung von Nagel und Schublade, schwand diese Neigung. Was blieb, war das quasi eidetische Gedächtnis, wo die Axt lag. Und der komplementär dazu aufkeimende Aufräumwahn.

Fünf von drei Wohnungen sind im Status einer permanenten Benutzung begriffen, was heißt: die Zeitschriften liegen auf der Couch, dahinter die Turnschuhe, eine Hundedecke, Hausaufgaben, die Chipstüte von letzten Donnerstag, dazwischen das Bernsteinzimmer, ein Oberhemd und die Batterie, die damals in der Küche heruntergefallen war. Der durchschnittliche Spießer rümpft einmal die Nase, sammelt allenfalls die Hausaufgaben auf, kümmert sich jedoch nicht um den Rest, während der eher atavistisch denkende Zeitgenosse zielsicher und unüberlegt nach dem Bernsteinzimmer grabbelt, weil er es nie in der Schreibtischschublade im Aktendeckel „Ba–Bl“ vermuten würde. Denn Wohnen – von Leben sprechen wir erst, wenn es den Nachbarn wumpe ist, was sich auf dem Wohnzimmertisch stapelt, weil sie sowieso schnell wieder herausgebeten werden – war und ist zum größten Teil die geordnete Existenz um die weniger geordneten Dinge herum, die sich im mehrdimensionalen Kontinuum eine eigene Absicht zu schaffen scheinen. Wir besitzen die Sache nicht, wir werden und sind zunehmend von ihr besessen. Zwar braucht der Hominide Bleistift und Bohrer, Teppichschaum und Luftpumpe samt der mühsam aus Tibet herausgeschmuggelten Mumien, ohne die er nie eine Vierzimmerwohnung gemietet hätte, aber wann braucht er sie? und wie oft? Und wozu gibt es eigentlich seit der Erfindung der Hausmauer Haken, an die man Kleiderbügel hängen kann?

Das Ideal eines zur Schau gestellten Reichtums ist seit jeher die repräsentativ leere Behausung, die zu wichtig ist, als dass man einen Schirmständer in die Bude schwiemeln könnte. Außerdem wäre das in Sichtweite eines kleinen, aber unverkennbar echten Picasso sicher nicht geschmackvoll genug. Dass die anderen Zimmerchen der Butze mit dem übrigen Zeug gepfropft sind, kann sich der geneigte Betrachter an seinen elf Fingern abzählen, tut es aber nicht. Prompt verfällt der Bescheuerte in den Wahn, die materielle Leere, mithin eine milde Form des Kontrollzwangs, in jedem seiner Zimmer zu replizieren. Oberhemden in den Korb, Hundedecke zum Hund, die Turnschuhe in den Beutel, die Hausaufgaben ins Reservat, wo die Wilden noch Chaos nach eigenen Regeln erproben dürfen. Wer mit einer unbedachten Handbewegung die minutiös arrangierte Zen-Anordnung der drei Teelichte auf dem Esszimmertisch stört, lebt spontan mit dem Kopf im Aquarium ab.

(Das nervöse Leiden, Einfamilienhäuser mit Duftkerzen, tönernen Dackeln und Plastegebömmel vollzuschippen, ist ein hübsches Anzeichen von Komorbidität sowie ein klarer Beweis, dass die Evolution einen erkennbar brachialen Humor hat.)

Die Industrie unterstützt den Irrsinn nach Kräften. Mit Kisten und Kästen, Schub- und Stopf-, Hänge-, Falt-, Zieh- und Drehmechanismen und allem dazwischen, was ein Schlafzimmer angenehm und übersichtlich erscheinen lässt, während sich in der Staulösung zehn Hosen, drei Paar Schuhe und eine halbe Milliarde Socken befinden. Der Raum ist durch den Kruschtcontainer zwar nur noch so groß, dass man die Tür gerade eben noch siebzig Grad weit aufklappen kann, was regelmäßige Diät erfordert, um an die Socken zu kommen, aber immerhin sind diese Socken aus dem Rest der Wohnung verbannt. Komplett und bis in alle Ewigkeit.

Die Herausforderung liegt jedoch nicht allein in der halbwegs sinnvollen Aufbewahrung, nicht in der Anordnung von Socke, Bratpfanne und Kant-Gesamtausgabe im Räumlichen, so wie es sich die liebe Seele vorstellt. Die Herausforderung der eigenen Art, vulgo: der Horror entsteht in dem Moment, wo der Besuch vor der Tür steht und man, barfuß und unrasiert, den Gästen schnell etwas braten muss. Der zielgerichtete Griff ist hier alles, und schnell zeigt sich wieder die existenzielle Erfahrung aus der Zeit der Unordnung: es ist nicht erheblich, wo ein Ding sich zu einem Zeitpunkt befindet, erheblich ist nur, dass man es in der angemessenen Zeit zur Hand hat. So schlägt auch hier der beherzt in die Materie langende Chaot den Fanatiker des rechten Winkels, der die Fundorte seiner Staubkörner vorab indiziert, um sie auch für Momente der Unschärfe an den Quanten festzunageln.

Eine chaotische Umgebung, sagen Psychologen, sei Ausdruck eines chaotischen Geistes, eine aufgeräumte spräche für eine ebenso geordnete Psyche. Was ihnen zu einer gähnend leeren Kammer einfällt, ist nicht verbürgt. Vielleicht haben sie auch alle nur zu lange Tetris gespielt.





Wenn das der Führer wüsste

16 04 2015

Ich kam gerade ungelegen. Oder das Telefonat. Während das Gemurmel im Großraumbüro langsam zu einem konturlosen Einerlei zusammenschmolz, jodelte das Telefon der Chefredakteurin schrill in die elegante Sachlichkeit des Büros. Noch immer hatte sie sich nicht daran gewöhnt. „Hitler TV“, schnurrte sie in den Hörer, „Heil?“

„Lassen Sie mich raten“, fragte ich mit sanfter Ironie, „Ihre Anwälte sind die Kollegen Sturm, Stahl und Heer?“ Ärgerlich wischte sie es weg. „Ich hätte auch den Mädchennamen behalten können, ja. Aber das war eben vor diesem Karriereschritt.“ „Immerhin gutes Marketing“, fügte ich trocken an. „Ihre Corporate Identity geht bis in die Führer-, nein: Führungsetage.“ Beate Heil biss die Zähne zusammen, ihre Stirnader schwoll merklich. Aber was kümmerte mich das.

„Wir haben irgendwann einfach eine große Chance gesehen.“ Der Sendeplan gab ihr recht. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr flimmerte der Irre mit dem Zahnbürstenbärtchen über die Mattscheibe. „Das Gute ist ja, dass man diese alten Materialien ganz nach Belieben neu recyceln kann, in jeder Reihenfolge, in jedem Zusammenhang.“ Und manchmal ganz ohne einen solchen. Das zeigte ihr neues Exposé. Hitler mit zwei Damen der Halbgesellschaft, lachend, scherzend, ernst und in einer Studie für einen inszenierten Wutanfall. „Wir würden gerne eine dreiteilige Charakterstudie über ihn als Mann machen.“ Ich runzelte die Stirn. Sie musste es bemerkt haben. „Natürlich als Mann im Sinne von Männlichkeit aus der heute gültigen gesellschaftlichen Perspektive“, schob sie hastig nach. „Machen Sie einen Aufsteiger aus ihm“, riet ich ihr. „Vom Männerwohnheim direkt in den Olymp der politischen Verantwortung, wo seine Sorge um das Reich zunächst nur sehr exklusiv bemerkt wurde.“ „Das hatte ich auch schon erwogen“, antwortete Heil gedankenverloren. „Man müsste nur mal sehen, ob es das nicht schon gibt.“

Das Logo des Senders bestand, verständlich, aus jenem bartförmigen Nasenauswuchs und der schräg hinabrinnenden Scheitelsträhne. Ein bisschen albern sah das schon aus, vor allem während der Nachrichtenmagazine. „Dabei berichten wir streng neutral“, betonte die Chefin. „Wenn irgendwo Flüchtlingsunterkünfte brennen, bringen wir das als erste Meldung, und wir finden es natürlich ganz schlimm.“ „Verstehe“, nickte ich. „Erst beim Reichtagsbrand wird’s dann patriotisch.“

„Aber vielleicht sind Sie ja doch interessiert, uns ein wenig kreativ unter die Arme zu greifen.“ Ich stellte mir gerade vor, sie bekäme den rechten nicht mehr schräg in die Höhe – eine leicht abgewinkelte Geste ad usum Adolfini wäre mit großer Mühe noch drin – und müsste sich stützen lassen. Aber es handelte sich dann doch nur um ein mehrteiliges Skript über die alltäglichen Gewohnheiten des Gröfatzke. „Sie kennen sich doch damit aus“, lockte sie. „Vegetarische Ernährung, Mehlspeisen, Pudding – ich möchte damit nicht etwa ein neues Feindbild aufbauen, aber es dürfte für zwei bis drei Folgen schon so aussehen.“ „Gandhi“, gab ich zurück, „war übrigens auch Vegetarier.“ Sie schüttelte es ab. „Aber das ist nun mal nicht unsere Zielgruppe. Hier will der deutsche Spießer seine Faszination für Hitler ausleben, notfalls auch unter Schmerzen.“

Die Tür quiekte. „Die Serie mit den Autos wäre dann fertig.“ „Vier Folgen“, informierte Heil. „Viermal fünfzig Minuten. Das wird natürlich kein Zuckerschlecken, denn welcher Autohersteller wird schon sein Fabrikat mit Adolf bewerben wollen?“ Ich kratzte mich am Kinn. „Da fiele mir spontan der eine oder andere ein.“ Sie winkte ab. „Keine Chance. Dazu sehen die uns als Spartensender.“ Die Auflistung der Geldgeber belehrte mich rasch eines Besseren. „Wir hängen es nicht so an die große Glocke, aber es gibt noch ein paar national gesinnte Konzerne in Deutschland.“ Sogar die vegetarischen Lebensmittel dürften für vier Folgen reichen.

„Wir sehen uns als Gesamtkunstwerk“, dozierte sie. „Hier mal ein bisschen Fernsehen, da das ehemalige Nachrichtenmagazin – die Deutschen wollen nicht immer nach den Inhalten suchen. Wir bieten den gebündelten Hitler, und ich möchte das nochmals in aller Deutlichkeit sagen, dass…“ „Ich weiß.“ Sie versuchte es gar nicht erst. Da sich der Sender größtenteils über den Devotionalienhandel finanzierte, erübrigte sich die Diskussion.

Doch sie ließ nicht locker. „Wir wollten ja eigentlich eine echte Vorabendserie“, begann sie schmeichlerisch. „Und da hatten wir an Sie gedacht. Fällt Ihnen nicht etwas ein?“ „Eine Telenovela über diesen Psychopathen?“ Sie hob abwehrend die Hände. „Wir wollten vielleicht vorerst nur die Tagebücher verfilmen, aber wir haben noch keinen gefunden, der die Sache finanziert.“ Ein Fleischproduzent schwebte mir vor, oder aber ein Rüstungskonzern.

Im Großraumbüro murmelte es weiter vor sich hin, ein endloser Strom des Vergessens. Vielleicht würde es sich versenden. Oder Guido Knopp könnte seine Rente ein bisschen aufbessern. Eine leicht hysterische Stimme fragte, wer denn den totalen Krieg wolle. Aber da kam auch schon der Fahrstuhl.





Gelbfieber

15 04 2015

„Und das Bundesverfassungsgericht wird die Herdprämie natürlich nur prüfen, weil sie total grundgesetzkonform ist.“ „Sie mit Ihrem dämlichen Hurrapatriotismus!“ „Wieso Hurrapatriotismus?“ „Sie jubeln über alles, was diese Koalition mit den Heuschrecken von der FDP gemacht hat.“ „Und das ist Patriotismus? Ich finde nur, diese Koalition mit der SPD kommt unter dem Titel ‚mittelschwere Katastrophe‘ noch verdammt gut weg.“

„Sie finden also, dass diese Mövenpickdeppen vernünftige Politik gemacht haben? Lächerlich!“ „Und Sie finden, dass Merkel mit Gabriel eine handlungsfähige Regierung auf die Beine gestellt bekommt?“ „Sie sehen es doch – die greifen jetzt bei der Mietpreisbremse voll durch!“ „Weil die Mieten noch kurz vorher erhöht werden.“ „Und die Frauenquote! Wir haben endlich eine Frauenquote!“ „Dem Kapital ist es doch eh wumpe, welchen Chromosomensatz die Typen im Vorstand haben. Die Lohnungleichheit bleibt, und den kriegt Ihre SPD nicht weg, weil sie die nicht wegkriegen will.“

„Jetzt kommen Sie bestimmt gleich mit einem Loblied auf die Fortschritte in der sozialen Gerechtigkeit, die wir den Liberalen verdanken.“ „Beispielsweise die Praxisgebühr.“ „Das war keine soziale Gerechtigkeit, das war Bullshit!“ „Wie alles andere aus der Feder von Ulla Schmidt.“ „Aber Merkel hat die beibehalten!“ „Und deshalb sind die Sozialdemokraten an diesem Müll nicht mehr schuld? Interessante Logik. Ich wüsste gerne, wie Sie mir die Hartz-Gesetze schönreden wollen.“ „Das hatte sich ja schon abgezeichnet, dass die Zuzahlung auf Dauer nicht beibehalten wird.“ „Deshalb hat die SPD auch nie einen Versuch gemacht, sie abzuschaffen, und hat sich auf die FDP verlassen, dass die den Job übernimmt?“

„Sie sind ja völlig verblendet. Wenn ich mir vorstelle, was unter dieser Regierung an Bürokratie und Kokolores…“ „Sie meinen die Dokumentation, wer wann wie wo und wie weit den Mindestlohn unterläuft?“ „Zunächst mal hat diese Koalition eine erhebliche Stärkung der Bahn bewirkt, dieses komplett unbeweglichen Staatskonzerns.“ „Die haben den so weit gefestigt, die haben sogar die Fernbusse als Konkurrenzbranche ermöglicht.“ „Weil sie das mit dem freien Markt, und weil ja jeder Unternehmer auch eine AG, oder irgendwie so…“ „Hat sich der deutsche Verbraucher schon mal beschwert?“ „Die Leute merken doch nichts!“ „Stimmt, die sehen nur die fallenden Preise.“

„Aber hier, Deutschland hat viel zu wenig Soldaten.“ „Das kennen wir aus der Geschichte. Immer, wenn es in Deutschland ausreichend Soldaten gab, waren wir mittelfristig erfolgreich und angesehen.“ „Deshalb muss man doch nicht gleich die Wehrpflicht abschaffen.“ „Hat es denn je so etwas wie Wehrgerechtigkeit gegeben? Und was wollen Sie mit den jungen Leuten, die nach zwölf Monaten Anschnauzen gerade eben unfallfrei einen militärischen Gruß hinkriegen? In den Irak einfallen und Interviews mit Reinhold Beckmann führen?“

„Sie weichen mir aus. Diese Koalition hat doch den Turbokapitalismus und die marktkonforme Demokratie zu den Perversionen geführt, die uns heute noch das ganze Elend mit den Zockerbuden abbezahlen lassen.“ „Da klären Sie mich bestimmt gleich auf.“ „Diese Termingeschäfte, Sie verstehen schon – da pokern doch die Banker mit Wertpapieren, die sie überhaupt nicht haben.“ „Wer hat’s erfunden?“ „Waren das die Amerikaner?“ „Auf jeden Fall hat Ihr Zigarrenkanzler den Dreck auf dem Parkett verteilt. Verboten hat die ungedeckten Leerverkäufe jedenfalls Schwarz-Gelb, aber vielleicht hatte dem Finanzgenie Steinbrück nur nie jemand erklärt, worum es sich handelt.“

„Sie versuchen doch nur, sich herauszureden. Diese Investmentbanker, die anderer Leute Geld in Rauch aufgehen lassen, die haben das verschuldet. Und die weisen natürlich jede Verantwortung von sich, weil sie schließlich nur auf ihre Maschinen hören, die selbsttätig kaufen und abstoßen.“ „Genau deshalb hat das Kabinett Merkel II den Hochfrequenzhandel stark eingedämmt.“ „Ja, das wurde auch Zeit. Das ist richtig, das hätte aber Sigmar Gabriel auch gemacht, wenn er zu der Zeit schon Vizekanzler gewesen wäre.“ „Und ich bin mir sicher, er hätte damals auch sofort ein Gesetz gegen die Vorratsdatenspeicherung gemacht.“

„Bevor Sie mir wieder mit der typischen Hetzpropaganda kommen, von wegen einfache und niedrige und gerechte Steuern, was hat denn…“ „Abgesehen von der Erhöhung des Steuerfreibetrags und der Werbungskostenpauschale? Müsste ich mal nachdenken.“ „… Ihre Koalition sonst noch hingekriegt? Haben die einen Krieg verhindert?“ „Wenn Sie den deutschen Verbraucher als Maßstab nehmen, ja.“ „Es gab keine Pferdelasagne mit Analogkäse?“ „Sie haben endlich kostenlose Telefonwarteschleifen eingeführt.“ „Das war doch schon lange im Gespräch.“ „Richtig, Renate Künast hatte sie alle schon halb ins Koma gequatscht, und als sie wieder bei Bewusstsein waren, saß da Ilse Aigner und hat sie in zehn Punkten erledigt.“

„Meinen Sie nicht, dass jede Regierung das so hätte machen können?“ „Dass die keine Maut im Koalitionsvertrag hatten, stört Sie doch wohl nicht auch noch?“ „Sie immer mit Ihrer billigen Stichelei! Jeder hätte unter diesen Rahmenbedingungen so regieren können, auch die Sozialdemokraten.“ „Jetzt sagen Sie mir doch eine Sache, die die FDP gemacht hat, die der SPD auch gelingen könnte.“ „Den Sozialismus verhindern.“





Kulturschock

14 04 2015

„… sich gegen Ansiedelung von Flüchtlingen in Gnöbzschen ausgesprochen habe. Die Bevölkerung könne die in der Mehrheit katholischen Flüchtlinge nicht…“

„… warne die Landesregierung vor Hetze gegen Andersgläubige. Die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes sei durch Ausschreitungen stets in Gefahr, im Ausland einen negativen…“

„… empfinde es der Dorfrat als beleidigend, ständig mit vollständig verschleierten Frauen auf der Straße konfrontiert zu werden. Man toleriere zwar, dass die Ordensfrauen sich im Rahmen der Religionsfreiheit bewegen dürften, sehe diesen Grundrechtsmissbrauch jedoch als zutiefst im…“

„… zunächst die Sorgen der Anwohner ernst nehmen müsse. Das spontan gebildete Dorfbündnis Katholismus ist dem Untergang von die Deutschland Volk artikuliere sich zwar logisch sehr flexibel, habe aber eine durchaus dynamische…“

„… dass der Katholizismus historisch nicht zu Deutschland gehöre. Bis zum dritten oder vierten nachchristlichen Jahrhundert gebe es keinerlei nachweisliche…“

„… seien alle Proteste gegen die katholischen Flüchtlinge gewaltfrei geplant. Sollte es zu Übergriffen kommen, so würde es sich um bedauerliche Einzelfälle handeln, die im Vorfeld keinesfalls schon als…“

„… drohe die katholische Minderheit langfristig mit einem Kulturschock. Man habe sich inzwischen an Minarette und Funkmasten gewöhnt, das wöchentliche Glockengeläut sei jedoch eine nicht zur deutschen Leitkultur passende…“

„… die Bundesregierung darauf hingewiesen, dass sich unter den Kriegsflüchtlingen wie auch unter den Spätaussiedlern sowohl Katholiken als auch…“

„… könne man sich nicht mit der katholischen Minderheit anfreunden, solange diese insbesondere in ihren eigenen Ämtern sich so vehement gegen eine Gleichstellung der Frauen sträube. Da in der Bundesrepublik die Gleichberechtigung inzwischen vollständig verwirklicht sei, passe diese religiöse Gruppierung in keinster Weise in die modernen…“

„… nicht alle Katholiken über einen Kamm scheren wolle. Fakt sei jedoch, dass ihre Priester alle pädophil seien, wodurch sich die Neigung zum Kindesmissbrauch automatisch auf sämtliche…“

„… zündeten Katholiken beispielsweise zu Ostern ihre eigenen Gärten an. Da dies von der Lügenpresse standhaft verschwiegen werde, könne man sehr wohl von einer gleichgeschalteten…“

„… dass es sogar linke Katholiken gegeben habe. Man wolle sich dieser Bedrohung erwehren, da von Flüchtlingen immer die Gefahr einer Radikalisierung…“

„… noch schlimmer, dass vereinzelt katholische Familien in ganz normale deutschstämmige Wohngebiete ziehen könnten. Dies sei ein ernstes Anzeichen, dass die Politik nicht davor zurückschrecke, eine geplante Durchmischung und Durchrassung der…“

„… sich Gabriel angekündigt habe, um die Sorgen und Nöte der Bevölkerung von Gnöbzschen zu erfragen. Das sofort gegründete Bündnis gegen die SPD könne inzwischen landesweit über mehr als dreihundert besorgte…“

„… auch auf die sozialen Belange der Gesellschaft Rücksicht nehmen müsse. Es sei bekannt, dass die katholische Sexualmoral jede Art von Verhütung ablehne, weshalb diese religiöse Gemeinschaft Deutschland demnächst mit vielen Kruzifixmädchen…“

„… eine Straßenumfrage zunächst ergeben habe, dass die Mehrheit der Gnöbzscher keine Ahnung vom Katholizismus hätten. Die abendliche Demonstration hingegen habe mit der Parole Katolikhen geht Vatikanien! noch weitere, stark defizitäre…“

„… könne man jeden Katholiken, der nicht in Deutschland arbeiten wolle, als Sozialschmarotzer sofort aus dem…“

„… sei es nur logisch, alle Katholiken, die in Deutschland arbeiten wollten, als aus rein wirtschaftlichen Interessen migrierte…“

„… zusätzlich den Nebeneffekt, dass die biologische Eroberung der Republik durch Katholiken zu einem Ungleichgewicht bei der Vergabe von Kita-Plätzen führen müsse, für die die Flüchtlingsfamilien trotz fehlender Wartezeiten genau dieselben Rechte…“

„… eine geplante Fronleichnamsdemonstration der katholischen Gruppe als terroristischen Akt bezeichnet habe. Dies widerspreche klar der Erwartungshaltung der Bevölkerung, die für Multikulti und die öffentliche Zurschaustellung einer Parallelgesellschaft keinen…“

„… hätten die Bürgerinnen und Bürger von Gnöbzschen anlässlich ihres Fackelzuges betont, für sie gelte ebenfalls die Meinungsfreiheit, weshalb sie weiterhin gegen die katholischen Eindringlinge…“

„… habe die Einwohnerschaft mehr erwartet. Merkel sei zwar eindeutig protestantisch eingestellt, hege jedoch offenbar deutliche Sympathien für die Gruppe der…“

„… zu Mäßigung im Umgang miteinander aufgerufen habe. Man müsse alle humanitär vertretbaren Maßnahmen ergreifen, damit nicht noch mehr Katholiken in Deutschland Asylanträge…“

„… an der ausgebrannten Sammelunterkunft die Botschaft Kein Katholat in Gnöbzschen in roter Sprühfarbe…“





Ohne Gewehr

13 04 2015

„Verstehen Sie mich doch bitte auch! Ich verstehe Sie ja, aber Sie müssen mich doch auch… – Sicher, Sie wollen uns mehr verkaufen, ist auch in unserem Interesse, Jobwunder und so, aber wir müssen unseren Laden hier erst mal wieder einigermaßen in den Griff kriegen. Bis dahin ist Kaufstopp für Rüstungsgüter.

Natürlich sind wir an einer weiterhin guten Zusammenarbeit interessiert, das können Sie mir schon glauben. Nur eben nicht gerade jetzt, wo wir diverse Probleme mit den Ausrüstungsgegenständen haben, die unsere Ministerin so anschafft. Doch, hat sie als Sozial-, Arbeits- und Familienministerin auch schon gemacht. Die ganze Zeit. Immer bei befreundeten Unternehmen oder solchen im Familienkreis, die beispielsweise Chipkarten herstellen, die dann keiner braucht. Die geht oft Anschaffen.

Aber diese Schnürsenkel, die kann man echt nicht gebrauchen. Und diese Feldflasche – ganz ehrlich, das hatten wir uns ganz anders vorgestellt. Ganz anders! Nein, sie ist nicht zu schwer, und das mit der Thermoschutzfolie ist prinzipiell auch eine gute Idee, wenn man das Wasser kalt halten will. Und diese Gürtelhalterung, okay, kann man auch machen. Es ist aber… – Sie können die auch gerne in Schwarz-Rot-Gold liefern, aber das Problem ist doch, dass man das Ding nicht zuschrauben kann. Nein, kann man eben nicht! Die können Sie meinetwegen auch lila lackieren, aber wenn man diese blöde Flasche nicht verschließen kann, dann nützt sie uns nichts! Und Ihren Preisnachlass, den können Sie sich auch gerne sonst wo reinschieben! Wir brauchen keine Feldflaschen, die man nicht zuschrauben kann!

Hören Sie mal, das ist nun gar kein Argument. Wenn wir ein paar Hubschrauber gekauft haben, die nicht alleine fliegen können, dann bedeutet das erst mal überhaupt nichts für unseren geschäftlichen Kontakt mit Ihnen. Inkompetenz? Das lässt sich nicht abstreiten, aber wen genau meinen Sie damit eigentlich genau? Da müssen Sie schon auf Ihr Freihandelsabkommen warten, bis das funktioniert. Nur weil Sie genauso inkompetent sind wie wir oder wir genauso inkompetent sind wie Sie, müssen wir doch in Zukunft nicht exklusiv bei Ihnen… –

Wir haben die Testergebnisse nicht relativiert. Das ist in jeder Hinsicht falsch und wir verbitten uns dieses Anschuldigungen. Ersten haben wir da nichts beschönigt, sondern alles ist ignoriert worden, und zweitens war das de Maizière. Was Sie dem in die Hand drücken, Blumen, einen Koffer Schwarzgeld, Ihre Schwiegermutter, zack! alles futsch. Und Sie wissen, deutsche Schredder sind die besten Schredder.

Deshalb haben wir auch frühzeitig Abstand genommen von diesen Drohnen. Wir haben uns gar nicht erst die Papierschnitzel von den Testberichten besorgt, sondern die Sache gleich zu den Akten gelegt. Komplette Kampfunfähigkeit von Zimmertemperatur aufwärts, dass de Maizière sich so einen Schrott kauft, das wundert Sie doch nicht? mehr ist doch seine Regierung von ihm auch nicht gewohnt.

Gucken Sie mal, wir haben extra einen Banker als Experten berufen, der uns erklären soll, warum Ihr Sturmgewehr nicht ordentlich ballert. Waffen, internationale Attacke, Katastrophen, Schmiermittel und all das Zeug, damit kennt der Mann sich aus. Zumal wir seine Bank auch mal gerettet haben, darum ist sein Urteil heute bestimmt doppelt so unabhängig. Werfen Sie uns keinen Mangel an Kompetenz vor, ja!?

Wenn Sie meinen, Sie könnten uns erpressen, bitte, probieren Sie’s doch. Liefern Sie Ihre Gewehre an die Saudis. Die geben die dann an den Islamischen Staat weiter, und die schießen dann halt an unseren Soldaten vorbei. Glauben Sie, damit können Sie uns noch schocken?

Wieso schreiben Sie das denn dann nicht in die Gebrauchsanweisung, dass die Gewehre nur zu Verteidigungszwecken eingesetzt werden dürfen? Dann hätten wir die doch nie mit nach Afghanistan genommen. Da werden schließlich die Rohstoffe für Ihre Industrie gesichert. Wussten Sie das etwa nicht?

Denken Sie doch mal patriotisch! Wir bekämpfen hier im Innern den Hindukusch, und – nein: am Hindukusch bekämpfen wir das Grundgesetz mit dem – wieder falsch, also irgendwas mit Verteidigung und irgendwo anders, aber das ist dann Ihre Schuld, wenn es nicht geht! Damit können Sie wohl hoffentlich leben, ja? Wir können doch nicht noch mehr Soldaten in noch mehr Kriege schicken, damit Sie endlich belastbare Daten aus dem realen Einsatz haben, um dieses verdammte Sturmgewehr endlich so zu bauen, dass wir nicht immer noch mehr Soldaten in noch mehr… – ach, was rede ich.

Nebulöse Vorwürfe? Verunsicherung unserer Soldaten, Unterminieren der Glaubwürdigkeit unserer Einsatzkräfte gegenüber Deutschlands Alliierten? Nee, Freundchen. Jetzt ist mal Schluss. Dazu brauchen wir Sie nicht mehr. Das kriegen wir noch alleine hin.“





Denn alles Fleisch, es ist wie Gras

12 04 2015

für Robert Gernhardt

Der Esser wird zusehends vegetarisch.
Woran es liegt und sich die Sache dreht,
man sieht an der Ernährung exemplarisch,
dass Wurst oft nur aus Pflanzenkost besteht.
Doch riecht man im Geheimen schnell den Braten:
woraus, zum Beispiel, sind nun Fleischtomaten?





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXXXVII)

11 04 2015

Smaranda, die zimmert in Glod
im Schuppen ein hölzernes Boot.
Das dauert schon Jahre.
Befragt, wann es fahre,
sagt sie nur: sie macht es kommod.

Evripidis in Kileler
fand freitags die Taschen stets leer.
Er hoffte, mit Wetten
die Schulden zu retten.
So wog der Verlust doppelt schwer.

Ovidiu, der kaufte in Șpring
ein nicht zu beschreibendes Ding.
Man fand es nicht sinnvoll,
und nicht, wo es hin soll.
Wie schade, wo er so dran hing.

Mateusz, lag oft in Wałcz
am Nachmittag auf seiner Couch.
Sein Weib tat ihn schelten,
die Kissen, die gelten
ihm nichts als ein Grund zum Geknautsch.

Liliana, die hat in Cenade
ein Hündchen, das zwickt in die Wade.
Den Zank vermindern
mit den Nachbarskindern
hält sie ihre hin. Ach, wie schade!

Éliette fand den Gatten in Barst
einst schnarchend: „Egal, wo Du warst,
ich möchte beim Zechen
doch sehr dafür sprechen,
dass Du hier im Haus bleibst und sparst!“

Wenn Titus zum Essen in Plai
sich in seinen Teller schöpft Brei,
ist der förmlich glühend.
Den Fingern entfliehend
zersplittert der Teller. Entzwei!