Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXVI): Mythos Vollbeschäftigung

8 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sobald die arbeitsteilige Gesellschaft an Fahrt aufgenommen hatte, wurde es unangenehm. Die einen sägten am Stiel, während die anderen mit der Axt noch nicht wirklich fertig waren. Wer wollte denn das Wirtschaftswachstum kontrollieren, den gefällten Baumbestand, die Möbel, Bohlen, Splitter im Auge des Brudervolks. Aus dem Boden fraß sich die Industrie, und Schluss war mit Lustig. Die Bretter kamen aus dem Sägewerk, die Schrankwand vom Discounter. Und da nutzte noch nicht einmal die gute Fee aus dem Märchenwald, Regal ist Regal. Die Industrie wird sich durchsetzen, wer sonst garantiert Vollbeschäftigung.

Was angesichts der globalisierten Wirtschaft und der angegliederten Arbeit für Klarheit sorgen sollte, aber so weit ist diese intellektuelle Elite eben noch nicht: natürlich ist der seit dem 18. Jahrhundert als spezielles Phänomen innerhalb der generelleren Armutsproblematik bekannte Typus virulent, vulgo: ein paar chronische SPD-Wähler sind noch immer nicht nüchtern genug gewesen, um der Vergewaltigung ein Ende zu setzen. Der verschwiemelte Rest lallt immer noch Blasen in die Luft, dass die aus hirnorganischen Gründen betroffenen Betriebe Karnevalströten auspacken und zum großen Lalula rüsten. Der große Traum von Arbeit als Sinnstifter einer bürgerlichen Existenz fräste sich ins Zentrum einer aus Protestantismus und Partikularinteresse geschnitzten Halbweltanschauung, die den Knecht der produktiven Revolution pro forma in den Himmel hob, zugleich ein Wolkenkuckucksheim für kapitalistisches Gewinsel im Auftrag der wahren Mächte, Geld und Gewehre. Von Wohlstand durch Leistung plärrt der Verein, wohl wissend, dass das für mehr als das abgehängte Drittel nicht gelten kann, wenn man selbst ein Stück abhaben will von einem Kuchen, der nicht vom Zusehen und nicht vom Gesundbeten wächst, sondern von der Kernkompetenz der Arbeiterführer: Krieg und Kriegsgeschrei, notfalls Krieg gegen die eigenen Leute, denn wo fühlte sich der Sozialist weniger fremd als im Grabenkampf, solange er nicht selbst bluten muss.

Das Dumme an der Schulbuchweisheit ist die lästige Wirklichkeit, die mit immer neuen Erfindungen für tatsächlichen Wohlstand sorgt, wenn auch nicht bei den Arbeitern. Das durchaus protestantischen Partikularinteresse, Arbeit als Fluch der produktiven Klasse zielgerichtet zu eliminieren, erweist sich letztlich als viel bessere Alternative zum Krieg, wenn auch das eine das andere nicht ausschließen muss. So wirbt das Kapital für sinkende Kosten, was letztlich nur durch die Marginalisierung des Arbeiters geht. Der große Glanz von innen, jenes Versprechen, den Lohnempfänger irgendwann von seiner Mühsal zu befreien, wird immer wieder wahr und sorgt für weiteren Wohlstand.

In einem Zeitalter, in dem von Maschinen gebaute Maschinen Maschinen bauen, die Maschinen bauen, verzichtet eine Gesellschaft nicht freiwillig auf Innovationen, die Backstraße und Brot billiger machen. Der Automat schickt sich langsam an, seine Macht strategisch zu planen. Längst kann er auf den Menschen verzichten – besser als sein Besitzer, der immerhin den Verbraucher für sein Brot eingeplant hat, falls er nicht im Haupterwerb Waffen baut. Da aber diese Gesellschaft sich am Mythos der Vollbeschäftigung weiter wärmt, denn ein anderes Leuchtfeuer ist nur durch leichte Drehung des ohnehin festgerosteten Schädels auszumachen, wird das Paradoxon offenbar: das Brot wird durch den Verzicht auf die Bäcker konkurrenzlos billig, es gibt nur keinen mehr, der es sich leisten kann. Als Rosskur empfiehlt die Kaste der Vorbeter, sämtliche Löhne zu senken, damit die Bäcker wieder in die Fabrik gehen. Sie finden nur keine, in der es noch einen Bäcker bräuchte. Zum Ausgleich essen sie wenigstens keinem mehr das Brot weg.

So bestraft die wirtschaftliche Produktivität sich selbst, weshalb auch die Reichen ungestraft ihren Reichtum genießen; sie machen sich ja auch keiner Produktivität schuldig. Immerhin halten sie zur Befriedung der Massen an der Vollbeschäftigung fest, die dem Schiffschaukelbremser sein karges Brot sichert, stets davon ausgehend, dass er nur halbtags arbeitet, weil er für den Achtstundentag zu faul ist, und nicht etwa, weil keiner genügend Schiffschaukeln zum Bremsen hätte. Hauptsache, er hat Arbeit, wie geistlos sie auch sei. Aber wer würde von einer Religion, die bewusst auf tönernen Füßen stakst, ein in sich geschlossenes logisches Gebäude erwarten, das mehr zu beherbergen vermöchte als eben jene Vorbeter, die ohne das tägliche Hochamt, am Horizont Vollbeschäftigung auszumachen, auch bald arbeitslos wären. Erwartbar ist dies indessen nicht; die Maschine, die diese Maschine baut, die den Job erledigt, muss erst noch gebaut werden. Es gibt viel zu tun. Lassen wir’s liegen.

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