Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXVII): Die Erfolgstretmühle

15 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist jede Art dazu verdammt, sich selbst zu behaupten. Eule und Fuchs kabbeln sich um dieselbe Beute, müssen also ausweichen und sich je eine ökologische Nische suchen. Bisweilen macht die Evolution eine Spezies platt, weil ihre Schnabelform zu beknackt aussah, um nennenswert Körner zu picken; dann ist die Lückenlotterie wieder eröffnet und wartet auf den Sieger, der sich den Weg zum Sieg bahnt, verfolgt von Fuchs, Eule und jeder Menge Braunalgen, die immer schon da waren. Wie dumm, dass ausgerechnet eine der am meisten zu verachtenden Entwicklungen sich von der Hysterie blenden lassen, man müsse nur auf die Artgenossen schießen, um selbst mit heiler Haut aus der Sache rauszukommen. Es gibt wenig Dinge, die so dämlich anmuten wie die ewige Tretmühle im Angesicht des sowieso zweifelhaften Erfolgs.

Kaum fragt man – hint!, hint! – leistungswillige Unternehmensgründer, ob sie bereit seien, für weniger als die nach dem Nuttenpreller benannte Hartz-Strafe zu arbeiten und dem Staat Steuern zu überlassen, so krähen sie begeistert. Kaum fragt man die also ausgebeuteten, ob sie gegen eine Reichensteuer seien, sie plärren euphorisch für mehr Hass gegen Arme. Das Versprechen, dass ein zehntel Promill von ihnen mehr verdienen wird als ein Müllwerker, lässt sie hoffen: mehr Ungerechtigkeit unten wäre ein Vorteil, wenn sie je oben, ganz oben ankämen. Sie werden es nicht. Sie werden in der Erfolgstretmühle der arbeitsteiligen Gesellschaft hängen bleiben, weil sich Arbeit inzwischen weniger lohnt als organisierte Kriminalität, und sei sie so peinlich unprofessionell wie die aktuell grassierende Bundesregierung.

Die Selbstoptimierung ist zum Leitbild unserer Arbeitsgesellschaft geworden, längst auch zum Leitbild der Müllwerker. Keine Krankenschwester, kein Rettungssanitäter, kein Kohlenschaufler käme um die Ecke ohne das neoliberale Mantra: noch mehr Leistung! Noch mehr in noch kürzerer Zeit! (Die Krankenschwester erledigt das mit Hilfe der Pharmaindustrie, und wenn die Patienten fehlen, helfen Krankenhauskeime.) Dass das Bruttogehalt gleich bleibt, wird in der ubiquitären Presse nicht eigens betont, Hauptsache: Leistungsbereitschaft! Denn was nützt die Feuerwehr, wenn’s nicht oft genug brennt?

Die Massentierhaltung, in der Insekten so lange zurückgebildet werden, bis sie intellektuell als Groschenhuren, Investmentbanker oder lupenreine Sozialdemokraten durchgehen, fördert nur die durch Lobotomie und einen Bembel Lack pro Tag getriggerte Psychose. Sie haben kein wirkliches Bewusstsein mehr – Fische etwa sind schon hirntot, wenn man ihnen einmal den Schwanz eindellt, ein Argument mehr gegen die Sozialdemokratie – und krabbeln gemäß Instinkt-Dressur-Verschränkung zum Licht, im Falle parlamentarischer Bestallung eher in Richtung Futter. Dass die Nährlösung für alle reicht, gehört eher in den Bereich der Religion: kippte man die für alle Sozialdemokraten nötige Zuckersuppe über Sigmar Gabriel aus, er könnte mit Heidi-Klum-Symptomen für Hungersnöte Reklame laufen. Erfolg hat nur der, der vorher schon Erfolge hatte. Kein Linker, kein Rechter bestreitet das, sie verschweigen es nur.

Ist der Erfolgsdruck einmal internalisiert, so lässt er sich nach Belieben zur Durchsetzung der gewünschten Unmöglichkeit anschärfen. Wer eine normale bürgerliche Existenz auf die Reihe kriegt, obwohl die Verhältnisse sich vehement dagegen zur Wehr setzen, zählt natürlich nicht zu den großen Gewinnern. Erfolg, lehrt die Mär, beginnt im Kopf. Bei den meisten bleibt er auch größtenteils da.

Das kapitalistische Mantra schwiemelt jedem Jammerlappen in die Birne, was bis zum Ende der Existenz auf dem Zettel steht. Erfolgreich arbeiten, Geld verdienen, Familie gründen, Geld anlegen, Urlaub machen, Entziehungskur überstehen, Therapie überleben, Scheidung managen, Suizid vermeiden, abnehmen, Scheidung managen, Suizid vermeiden, abnehmen, Suizid vermeiden. Die Industrie, die Workshops dazu anbietet, weiß schon, wie man erfolgreich Geld aus Scheiße macht. Der Druck jedenfalls, wie die Lottospieler nach oben zu kommen, weil es rein statistisch nicht unmöglich ist, er nimmt zu, obwohl das statistische Ergebnis eigentlich ein ganz anderes ist: viele müssen dafür bezahlen, einen trifft das Glück, und dies in der Regel ohne messbare Leistung. Die anderen gucken, statistisch, ein Leben lang in die Röhre. Natürlich produzieren sie Reichtum durch ihre Arbeit, nur eben nicht für sich selbst. Diese wenig subtile Lüge durch Unterlassen sichert der bedürftigen Klasse am Scheitel der Steuerpyramide das Auskommen.

Möglicherweise haben ja die erfolgsverwöhnten Bulimiker am anderen Ende der Fahnenstange das bessere Leben. Spätestens dann, wenn keiner mehr hinguckt.

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16 05 2015

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