Rückgrat

19 05 2015

„Auf gar keinen Fall! Absolut negativ: nein! Da werde ich als Vorsitzender der Sozialdemokraten wohl noch ein Wörtchen mitzureden haben. Wenn uns diese Dame dumm kommt, dann werde ich ihr aber mal zeigen, wer hier der Vizekanzler ist! Ohne uns kann sie sich ihre Koalition nämlich in die Haare schmieren, klar!?

Wir werden der Kanzlerin schon zeigen, wo hier der Hammer hängt. Die wird sich nicht mit ihren billigen Erklärungen aus der Affäre stehlen, diesmal nicht! Wenn sie die Selektorenliste nicht herausgibt, dann werden wir dagegen protestieren, bis sie es tut! und sogar noch viel länger!

Jetzt wird der Union nämlich dieser riesengroße Stimmenzugewinn bei der letzten Bundestagswahl auf die Füße fallen, verstehen Sie? So, wie die CDU jetzt unterwegs ist, so wird sie scheitern. Scheitern, jawohl! Das ist mein voller Ernst, und als Regierung hat sie dieser riesengroßen… also gut, es gibt noch eine Opposition, aber das ist auch eine sehr große! Die geht bis weit über die Grenzen des Bundestages hinweg, und wenn ich mich nicht täusche, ist da auch die Bevölkerung vertreten. Und die werden alle zusammen dafür sorgen, dass diese Kanzlerin sich entweder an Recht und Gesetz hält, oder die Opposition wird sie einfach aus dem Amt entfernen! Das ist doch wohl klar!?

Wir werden jetzt dieser Bundeskanzlerin nämlich mal Rückgrat zeigen! Gut, muss ja nicht gleich meins sein. Wir sind weder unmündig noch Befehlsempfänger. Also eher so eine Art subalterne Stempelbeamten, die genau dann tätig werden, wenn sie gelassen werden dürfen sind. Und das müssen wir nämlich unseren amerikanischen Freunden, zu denen wir weiterhin in einer historisch überdauernden Freundschaft stehen, auch mal ganz unmissverständlich zeigen. Aber die Kanzlerin wird das nicht tun, davon sind wir fest überzeugt. Ganz fest! Wenn ich sie wäre, ich hätte mir da jedenfalls schon mal das vollste Vertrauen –

Das werden wir so nicht lösen können, und es gibt ein kleines Problem. Wir könnten die Koalition jetzt auflösen, und das wäre ganz gut. Die SPD befindet sich auf einem Punkt deutlich oberhalb von fünf Prozent, und das heißt, ich muss nie mehr arbeiten. Pardon, ich pflege nicht für den Bodensatz zu sprechen, ich meinte: ich muss nie mehr arbeiten. Das Problem ist doch eher, dass die Partei danach einen Kandidaten finden muss, der nicht ich ist. Wer will schon so massiv aufs Maul kriegen und danach Oppositionsführer werden?

Das ist ja das Problem, verstehen Sie? Die Kanzlerin muss das, was sie da versprochen hat, auch durchziehen. Dass sie das nicht tut, ist doch außerhalb jeglicher Diskussion. Und Sie wissen so gut wie ich, dass dieses Ausgesitze keine Lösung bringt. Wir müssen uns da schon ein bisschen anstrengen, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen.

Natürlich spielen wir mit antiamerikanischen Ressentiments. Dieses antirussische Gefasel von der Kanzlerin hält doch auf die Dauer auch keiner im Kopf aus. Natürlich kennen wir die derzeitige terroristische Bedrohungslage, klar. Aber dass die von den Amerikanern ausgeht, war uns bisher auch neu. Oder wissen Sie da Genaueres?

Wir sind ja nun nicht besonders glücklich, dass das Bundesverfassungsgericht diese Liste einfordern könnte, aber was sollen wir machen? Die SPD ist eine sturmerprobte Partei, die wird zur Not auch das Grundgesetz anerkennen.

Die können jetzt gerne die Ermittlungen behindern, ich habe da überhaupt kein Problem. Dann müssen wir das nämlich nicht mehr tun.

Man könnte sich ja so einigen: die Kanzlerin gibt die Liste nach ihrer Amtszeit heraus – nach welcher, das muss man dann im Einzelfall abklären – und bis dahin sind wir auch für das Freihandelsabkommen, weil wir uns keine antiamerikanischen Ressentiments mehr nachsagen lassen wollen. Okay? Wir würden das natürlich ohne diese Liste machen, aber verstehen Sie mich nicht falsch, der Wähler muss es doch für auch für glaubwürdig halten. Der Bürger verlangt doch in erster Linie Geschlossenheit von so einer Koalition, oder? Ständig diskutieren, was man machen sollte, um diese ganzen schwierigen Probleme zu lösen, das können die Leute doch selbst. Die wollen, dass alle sich Gedanken gemacht haben. Dass einer mal nachdenkt, das geht doch nun wirklich nicht!

Vor allem keine Neuwahlen jetzt, das sollte in einem geordneten Prozess vonstatten gehen. Die fünf Prozent in allen Ehren, aber Sie wissen ja: man soll nichts beschreien. Wenn plötzlich alle Fakten auf dem Tisch liegen, also die, von denen wir gehofft hatten, dass sie nie auf dem Tisch liegen, und die, von denen wir meinten, es seien sowieso keine Fakten, dann müssten wir wirklich mal sehen, ob wir uns da nicht intern einigen könnten. Die Kanzlerin kommt weg, das kriegen wir schon hin, und dann sollten wir uns über eine längerfristige strategische Partnerschaft unterhalten. Sobald Sie Kanzlerin sind, Frau von der Leyen. Sie vergessen uns doch nicht?“