Profilneurose

25 05 2015

„Wir können ja nicht ‚ausländerfeindlich‘ sagen, wenn Sie das schon belegt haben.“ „Dann sagen Sie es halt, ich bin damit einverstanden.“ „Aber die Möglichkeit zu einer differenzierten Diskussion muss doch immer gegeben sein.“ „Da gebe ich Ihnen Recht, nicht nur als Demokrat.“ „Weil man das diesen Demokraten nicht überlassen darf.“ „Dann nennen wir’s doch ‚ausländerkritisch‘ oder so.“ „Ja, das ist eine Möglichkeit.“

„Wobei man immer differenzieren muss zwischen guten und schlechten Ausländern.“ „Wir sollten uns da bei der Zuwanderung auch eindeutig positionieren.“ „Eben. Und da müssen wir eine klare Linie gegenüber der deutschen Vorherrschaft in der abendländischen Kultur…“ „Wieso Kultur?“ „Also Wirtschaft, aber die dient ja auch der Kultur. Wenigstens in unserer Gesellschaftsschicht.“ „Hm, gut.“ „Wir können ja nicht gleichzeitig sagen, dass diese Fremdländer für unseren Niedriglohnsektor leider eine notwendige Bereicherung…“ „Verstehe, und wenn sie keine schmarotzenden Störer im Volkskörper sind, dann sind sie ja auch nur dem deutschen Leistungsstreben wesensfremd, da einer minderwertigen Rasse angehörig.“ „Das würde ich mir aber noch mal überlegen. Das geht so gar nicht.“ „Weil das irgendwie rassistisch…“ „Sie können doch die Einwanderer nicht als unfähig bezeichnen, der deutschen Leistungsgesellschaft zu dienen! Die deutsche Wirtschaft ist doch glatt imstande und erzählt Ihnen, dass das mit dem Fachkräftemangel nur ein Rechenfehler war!“

„Aber generell muss man ja sehen, dass man nicht dem Zeitgeist hinterherrennt.“ „Stimmt, deshalb sollten wir auch immer ganz aktuell sein.“ „Also islamkritisch?“ „Das ist eher so rechtsaußen die Wortwahl. Sagen wir mal, wir sind nicht gegen den Islam, er gehört nur nicht nach Deutschland.“ „Wie mit den Ausländern.“ „Man muss ja auch immer berücksichtigen, dass es im Islam viele antisemitische Stimmen gibt.“ „Mehr als im Christentum.“ „Die können wir als christlich-jüdische…“ „Jüdisch-christliche.“ „… Gesellschaft aber integrieren, und daher sind sie vielleicht ein bisschen randständig, aber im Grundgesetz sind nun mal Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit verankert, von daher muss man sich um solche Auswüchse nicht groß kümmern.“ „Die antisemitischen Ausschreitungen der PEGIDA-Demonstranten sind also durch deren generell israelfreundlichen Judenhass gedeckt?“ „Das unterscheidet sie eben von diesen Muslimen, die sind ja nicht in der Lage, zwischen Vorurteilen und gesellschaftlicher Realität zu unterscheiden.“ „Stimmt, das schreibt der Sarrazin ja auch in fast jedem Buch wieder.“

„Den Euro behalten wir aber.“ „Nicht alle.“ „Das müssten wir aber noch…“ „Diskutieren wir jetzt differenziert oder nicht?“ „Jedenfalls realpolitisch.“ „Dann können wir’s ja auch gleich lassen.“ „Wir müssen aber Deutschland als Exportnation erhalten.“ „Und gleichzeitig verhindern, dass die anderen unserem Beispiel folgen, weil wir sonst nicht mehr die größte Exportnation sind.“ „Selbstredend. Dann sollten wir auf jeden Fall für Europa sein und für TTIP und für…“ „Oder für Europa und gegen TTIP.“ „Oder für etwas mehr Europa, dafür aber weniger EU.“ „Wo war da jetzt der Unterschied?“ „Bei TTIP.“ „Das ist doch Europa minus EU.“ „Ich dachte immer, das sei EU minus Europa.“ „Also müssen wir uns da erst im Wahlkampf entscheiden?“ „Das reicht.“

„Und die äääh…“ „Sie meinen, wie jetzt in… hier, Dings…“ „Drei Kinder sollten, ich meine…“ „Und die Familie auch im Grundgesetz als…“ „Jedenfalls halte ich es für unsere abendländische Pflicht, dass wir unser abendländisches Familienbild, wie es hier im Abendland seit…“ „Und im Grunde hat sich auch gar nichts…“ „Dann können wir die…“ „Wir kriegen da schon Bescheid, wenn die EU…“ „Dann ist es ja gut, dass wir mal darüber geredet haben.“ „Ganz meinerseits!“

„Und die Frage der Lohnzurückhaltung?“ „Wir sehen das eher aus Sicht der Arbeitgeber, aber gut: mit Lohnzurückhaltung könnten wir leben.“ „Also würden Sie sich bereiterklären, die Löhne moderat zu senken, um den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht zu gefährden?“ „Natürlich, man muss ja auch zu Zugeständnissen bereit sein, und so können wir mit gutem Beispiel vorangehen und auch die Arbeitnehmer davon überzeugen, dass sich ein noch sehr viel größeres Opfer von ihrer Seite lohnen wird. Zwar nicht für sie, aber es wird sich garantiert lohnen, und zwar nicht nur für Deutschland.“ „Das haben Sie schön gesagt!“ „Sehen Sie, bei aller Differenzierung muss man ab und zu auch immer sehen, welcher politischen Idee man sich verpflichtet fühlt. Dann geht’s auch gleich wieder.“ „Das finde ich aber auch! Und ich denke, wir sind jetzt auf einem so guten Weg, dass…“ „Wir sollten gleich Nägel mit Köpfen machen. Hallo? Frau Merkel? Wir sind so weit – ja, die Vorschläge liegen auf dem Tisch. Wir können endlich das konservative Profil der CDU schärfen, Frau Merkel.“