Alle Räder stehen still

18 06 2015

Es hatte kaum eine Viertelstunde gedauert – und ich hatte auch nur zweimal oder höchstens zehnmal geklopft, vielleicht gegen die Tür getreten, ich wusste es schon nicht mehr – da hatte er geöffnet. „Wir haben ab acht geöffnet“, informierte mich Allensberger, „und wir haben ja erst halb elf.“

Die ganze Amtsstube war penibel aufgeräumt. Kein Blatt lag auf der Fensterbank, die Schranktüren waren fest geschlossen, die einzigen Papiere auf seinem Schreibtisch waren exakt auf Kante neben der Filzunterlage platziert. Hier herrschte die Ordnung, ja: sie führte ein strenges Regiment von rechtem Winkel und keimarmer Luft. Wer eine Zimmerpflanze in dies Ambiente hätte einschmuggeln wollen, wäre mit einer Höllenstrafe bedacht worden. Zum Glück war Allensberger gar nicht der Typ, diese Amtsordnung in Frage zu stellen, denn er hatte diese Koordinationsstelle erst geschaffen. „Wenn wir nicht die unterschiedlichsten Branchen unter einen Hut bekommen würden“, erläuterte er, „dies Land würde irgendwann im Chaos versinken.“ „Sie meinen, im Streik.“ „Eben nicht“, lächelte er, „eben nicht.“

Allensberger koordinierte den Streik. „Jetzt haben wir die Briefpost und den Paketdienst, das passt zusammen. Wenn man wegen der fehlenden Rechnungen nicht an seinen Briefkasten geht, dann verpasst man vielleicht die Benachrichtigung, die einem der Paketbote einsteckt, weil er zu faul war, den Karton bis in den ersten Stock zu tragen.“ Das allerdings klang logisch. Bahn und Flugverkehr hatten sich seiner Planung auch gebeugt. „Wenn Sie nicht fliegen können, wozu müssen Sie dann mit dem Zug zum Flughafen fahren? Die Umwelt wird es Ihnen danken, wenn Sie dann auch zu Hause bleiben. Glauben Sie es mir.“ Auf dem zweimal gefalteten Blatt waren weitere Kombinationen verzeichnet. „Die Bestatter gehen in den Ausstand, wenn der Busverkehr erliegt.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Genau, wenn weniger Busse fahren, werden auch weniger Leute vom Bus überrollt, es gibt weniger Todesfälle – und die Sargtischler?“ Er schüttelte den Kopf. „Die Urnenhersteller haben einen sehr vernünftigen Tarifvertrag, die werden auch nicht in den Arbeitskampf treten, und was nützen dann die Tischler?“ Ich begriff.

Es zählte aber, ich merkte es schnell, der Zeitpunkt der Streikaktivitäten. „Beispielsweise können Sie im Vorfeld von Ferien so gut wie keine Arbeitsverweigerung machen. Das ist nicht nur sehr ineffektiv, wenn Sie dann pünktlich zum Urlaub wieder den Betrieb aufnehmen, Sie büßen auch jede Menge Sympathie ein. Es sei denn, Sie haben eine Schreibwarenhandlung, dann können Sie natürlich auch in den Ferien so viel streiken, wie es Ihnen gerade in den Kram passt.“

Im zweiten Halbjahr, so entnahm ich dem Faltblatt, würde uns ein Ausfall der Gabelstapler drohen. „Macht nichts“, bemerkte ich. „Ich kaufe ohnehin so selten auf dem Großmarkt.“ „Aber Ihr Gemüsehändler“, antwortete Allensberger. Da war zweifelsohne etwas dran. „Wenn die Bestatter streiken“, sinnierte ich, „dann auch die Schreibwarenhändler.“ Allensberger musste eine Weile nachdenken, doch dann begriff auch er. „Klar, wenn man keine Beerdigung hat, verschickt man auch keine Trauerkarten.“ „Außerdem“, folgerte ich, „könnten die Taxifahrer eine Pause einlegen.“ „Weil man nach den Beerdigungen, die nicht stattfinden, auch nicht mit dem Wagen nach Hause fahren muss.“ Es war alles sehr durchdacht.

„Wenn jetzt die Bahn nicht fährt“, grübelte ich – Allensberger sah ein bisschen betreten auf den Boden. „Das ist makaber, aber Sie haben ja Recht. Dann wirft sich keiner vor den Zug, und die Bestatter werden auch nicht gebraucht.“ „Außerdem können die Urnenhersteller in den Ausstand treten“, fügte ich hinzu, „die Bestatter brauchen die Urnen zwar eh nicht, aber sie würden es auch gar nicht merken, wenn die Bahn sie nicht aus der Fabrik heranschaffen würde.“ „Sie könnten den Schreibwarenhandel nutzen“, begehrte Allensberger auf. Doch ich bleib hart. „Aus Umweltgründen könnten sie höchstens auf das Flugzeug ausweichen. Aber das wäre dann so teuer, dass die Bestatter aus Protest erst recht streiken würden.“

Eine Kombination von Taxifahrern und Imkern wurde von uns einvernehmlich verworfen, ebenso die Wahrscheinlichkeit eines Bäckerausstandes am Pfingstmontag, unter Umständen begrenzt auf das westliche Havelland und die hessischen Großstädte. Ich war besonders skeptisch, was Industriebäcker und Strumpfwirker in Franken anging, musste mich aber eines Besseren belehren lassen; es gab in ganz Franken keine Strumpfwirker, was einen Streik der Bäcker so gut wie unmöglich erscheinen ließ, unter der Voraussetzung, dass die Bahn fuhr (es handelte sich um gesetzliche Feiertage, die mit Brückentagen quasi als Ferienäquivalent zu betrachten waren), kein Tarifabschluss für die Imker ins Haus stand und kein neuer Busfahrplan im Havelland. „Sie werden natürlich auch die Schreibwarenhändler in einer Urabstimmung befragen müssen“, informierte mich Allensberger knapp. Gut, ein Anfängerfehler, aber ein ärgerlicher. In mir keimte der Verdacht, dass es sich um eine Falle handelte. Unbefriedigt ging ich nach Hause, grübelnd und grübelnd. Ich hatte keine Ahnung. Ich würde, beschloss ich, gleich am anderen Tag einen Bestatter fragen. Falls die nicht gerade streikten.

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