Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCII): Sandmännchen-TV

26 06 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Tag war hart an der westlichen Felswand, die Jagd war hart auf der großen Ebene gleich hinter der westlichen Felswand, das Leben bot seine Gefahren nach und in Bezug auf die Jagd auf der großen Ebene hinter der westlichen Felswand, die manche Überlebensmöglichkeit bot, wohl aber auch Stress und neurologische Schädigungen, kleine und große Wehwehchen, Not, Migräne, Verzweiflung, Zahnfleischbluten, Burnout, verstauchte Zehen und komplizierte Gesichtsschädelfrakturen. Zunächst erfanden die älteren Frauen die Märchen, in denen zwei vernachlässigte Kinder ihre degenerierten Sippenältesten in den Backofen schoben oder Stiefmütter mit Hilfe gecasteter Schwiegersöhne zu Tode gefoltert wurden. Zum Schluss siegte das Gute, die Feinde kriegten aus Maul, und mit dem langsam sinkenden Adrenalinspiegel wiegte sich auch die Sippe in den Schlaf. Alles senkte die Lider und alles war gut. Das Sandmännchen war da.

Dummerweise heißt das Sandmännchen heute Günther Jauch und schwiemelt der Nation Dünnsinn in den Apparat, dass die Synapsen einzeln eine Eingabe auf begleiteten Suizid in die Post schmeißen. Dazu rülpsen die moderierenden Modelpüppchen sämtlicher Matschdistributoren fleißig Unsinn in die Gegend, da ihnen ohne die reiche Apanage des medialen Dreckrandes eine raison d’être fehlte, ach was: das Leitmotiv, warum sie noch nicht in den Sack gehauen haben und als Müllkutscher sinnvoller unterwegs sind. Noch wirft die Magenschleimhaut Blasen, die leichte Grundübelkeit mischt sich mit dem Erschlaffen der Gesichtsmuskulatur, ein sanftes Kribbeln in den Zehen verrät die mangelnde Durchblutung, und während man einen Anstieg der körpereigenen Drogen bemerkt und lustige Farben riecht, driftet das restliche Bewusstsein ab in einen schrägen Albtraum aus Politmagazin, Quizshow, Check-Sendung und investigativer Geschichtsdoku mit Hitlers Fußpflegerin. Kurz vor dem Platzen des Schädels bemerkt der Zuschauer, dass er sich den ganzen Müll nicht eingebildet, sondern tatsächlich gesehen hat, simultan sogar, wenn auch nicht auf einem Sender. Es ist, als söffe man Rotwein, Sekt, Schnaps und Terpentin durcheinander, weil man vom Bier allein nicht müde würde. Das Ergebnis ist ein komatöser Vollrausch.

Und genau der scheint gewollt zu sein. Jedes einzelne dieser Formate wäre eine Nulldiät für den Hirnfresser. Der visuelle Schmodder verklebt die Poren und schaltet auf Delta-Wellen um, wie hörbarer Bauschaum, der noch nach dem Zuklappen der Lider in den Neocortex suppt und mählich verknöchert, was da oben wehrlos wabbelt. Mit der Nullinformation von weißem Rauschen fräsen sich Mantren in die Schaltzentrale rein und wiederholen die wiederholte Wiederholung, die in vorausstolperndem Gehorsam bereits auf tiefe Frequenzen schaltet – nach dem zehnten Durchgang der pseudoalarmistischen Verbrauchersendung hat der dümmste Depp langsam gerafft, dass abgepackte Salate selbsttätig verkeimen und Typen, die in der Werbung fliegen können, in Wirklichkeit der Schwerkraft unterliegen, aber hier kommt schon der elfte, und irgendwo hat er mit Günther Jauch zu tun, wenn auch nicht aus qualitativen Gründen.

Der von neoliberal induziertem Stress gebeizte Arbeitnehmer leidet unter dem Rückgang der Gesundheitsleistungen: Valium auf Rezept war gestern, um sich die Birne wegzuknipsen reicht meist nicht mehr die Kollision mit der Tischkante, aber ein halbes Stündchen Sandmännchen-TV, und schon hallt das Vergessen durch den Schädel. Der Daumen tastet fahrig auf der Fernbedienung, aber das macht nichts, denn irgendwo plärrt immer eine Regierung gegen die Griechen, irgendwo steigern sich tapfere Journalisten in die Beweisführung hinein, dass Banken nur existieren, um öffentliche Gelder in Rauch aufgehen zu lassen, dazwischen erzählt sich kurz die Geschichte der Blitzkriege noch einmal kurz durcheinander, eine Hausfrau rät mit Telefonjoker, Jauch wird Millionär, die Pleiten-Show mit Deutschlands krasseste Show-Pleiten leiert eine Sonderausgabe mit Merkels dümmsten Regierungserklärungen runter, XY ist immer noch ungedöst, Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren, die Maut kommt, die Russen auch, Erdbeerjoghurt ohne Joghurt, Europa ohne Euro, Euro ohne Europa, Opa ohne Russen, Russen ohne Merkel, Merkel ohne Griechen, Superman kann fliegen, Schäuble nicht rechnen, nichts wäscht weißer als die Landesbank, Börsennachrichten und andere Aussetzer, Kochen im Zoo, und eine Sekunde vor dem Aufwachen kommt dann Hitler selbst. Oder Günther Jauch. Und es ist noch nicht raus, was ekliger ist. Wenn überhaupt.

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