Vaterlands Verräter

1 07 2015

„Es heißt nämlich Es-Pe-Deeee! wie deutsches Vaterland, verstandez-vous? Nix Multikulti, wir sind jetzt auch national bis ins Mark. Das heißt, Gabriel will das so, Genosse. Volksgenosse, wollte ich sagen! Volksgenosse!

Die Basis hat sich natürlich sofort gegen den Vorsitzenden gestellt. Was denken Sie denn? Wenn Sie wüssten! Nazidrecksau, das war ja noch das Harmloseste. Scheißfaschist. Hier, das habe ich mir aufgeschrieben: Kotschlürfer des Korporatismus. Die haben gespuckt, als Gabriel vom Podium kam. Furchtbar. Naja, ist halt die Basis. Hinterher haben sie zu achtundneunzig Prozent zugestimmt und es gab neununddreißig Minuten Applaus. Man rechnet ja bei Gabriel niemals mit neununddreißig. Dreiunddreißig, das kriegt er hin. Aber das hat die SPD auch vorher schon geschafft.

Der Teufel steckt oft im Detail, da haben Sie durchaus recht. Eine patriotische SPD, das ist nicht ganz ohne. Und Gabriel? Manche meinen ja, er wollte Sarrazin überholen, aber ich weiß nicht, auf welcher Seite. Deshalb wird dieses Impulspapier auch die Partei komplett umkrempeln. Die werden nachdenken. Worüber? Fragen Sie mich das hinterher. Gabriel weiß auch nicht, woran er gedacht hat, bevor er hört, was er sagt.

Zum Beispiel Hartz IV. Ist ja nicht schlecht, dass das auch Ausländer kriegen, aber warum? Das Positionspapier geht jetzt davon aus, dass das eine Erniedrigung der – natürlich war das so gedacht, es sind schließlich Arbeitslose, und das ist man laut neoliberaler Doktrin immer nur, wenn man sich nicht genug angestrengt hat, dass man das richtige Schicksal erwischt – also wie gesagt hat man damit den Flüchtlingen genau so in die Fresse wie den richtigen Menschen. Die mit deutschem Pass meine ich jetzt. Aber wenn da einer aus Ouagadougou kommt, der ist das doch gewohnt. Dem tun wir ja direkt noch einen Gefallen, wenn wir ihm zeigen, dass er hier sogar noch unterhalb eines normalen Sozialschmarotzers steht. Die können noch so gut qualifiziert sein, die suchen sich doch nie einen ordentlichen Job als Manager oder Ingenieur oder Chefarzt! Okay, wir wollen das auch gar nicht, aber ist das ein Argument?

Diesen rhetorischen Ansatz finde ich ja nicht mal ganz uninteressant. Wenn Gabriel schon Ängste schüren muss, damit die Tatsache, zufällig als Deutscher geboren zu werden, zu einem Privileg wird, das einen über die Sorgen dieser verfehlten Politik hinwegtrösten kann – wenn Sie diesen Roboklops da vorne auf der Bühne einen runtergoebbeln hören, da wird Ihnen aber existenziell zumute! Gut, wenn Sie lange genug dabei sind, dann sind Sie nicht gleich in Testamentsstimmung. Da rutschen Sie auf eine Backe, bei Gabriel immer gerne rechts, dann warten Sie, bis die Pillen wieder wirken, und fertig ist die Laube. Wir haben Müntefering überlebt, Clement, wir zählen schon rückwärts, bis einer Maas von unserem Leiden an ihm erlöst, wir sind die Generation, die Schröder überstanden hat. Wovor sollten wir Angst haben? Abgesehen von Gabriel?

Oder die Vorratsdatenspeicherung. Dass die Amis da französische Firmen abhören – Skandal! Das ist nicht mit uns abgesprochen, und wenn wir als Regierung rausfinden, dass der BND uns da hintergangen hat: ich kann mir sehr gut vorstellen, dass da ein paar Mitarbeiter durchaus etwas verärgert reagieren könnten. Das ist noch nicht raus, aber vorstellbar. Und mehr überfordert die Innenpolitiker der SPD intellektuell ja ohnehin.

Wir müssen uns als SPD auch von diesem ganzen Gerechtigkeitsfimmel verabschieden, den die letzten Grundsatzpapiere überstrapaziert haben. Ist denn noch einer gerecht zu uns Deutschen? Dann müssen wir das auch nicht, und als Zeichen unserer globalen Einstellung werden wir Patrioten noch mehr für Sicherheit sein. Die ist nicht immer gerecht, aber dafür sicher, also deutsch, und damit haben wir dann als Sozialdemokraten – bringen Sie mich jetzt nicht aus dem Konzept! – jedenfalls als Deutsche gerecht, und damit auch sicher, und das ist ja wohl die Hauptsache. Wir können endlich wieder Kriminalitätsbekämpfung, und in diesem Land kann sich jeder beruflich selbstständig machen. Das ist unsere Definition von Sicherheit.

Schon, aber wenn Sie halt einen Beruf haben, der so unsicher ist, dass Sie sich selbstständig machen müssen, ist das dann ungerecht? Denken Sie doch nicht immer an sich, denken Sie auch mal ans Vaterland. Oder haben Sie ein Problem damit, Deutscher zu sein? Und wenn ja, was machen Sie dann noch hier?

Sehen Sie mal, der zukünftige Kanzler hat uns als Partei der klugen Veränderungsprozesse charakterisiert. Ostpolitik, Agenda 2010, alles so Sachen, die von den Deutschen vielleicht im ersten Augenblick bekämpft werden, aber wenn man weiß, dass ein großer Staatsmann dahintersteckt, dann kann die Idee doch nur gut sein. Patriotismus, das Bekenntnis zum Primat der absoluten Sicherheit als prägendes Verständnis unseres Staates, und dann der unbedingte Glaube, dass wir alles schaffen, wenn wir die Wirtschaft unseres Staates mit immer neuen Ideen, einem planvollen Handeln für die Zukunft und einer –

Wieso DDR? Wie kommen Sie denn darauf?“

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