Misfits

2 07 2015

Gurken. Viele, viele Gurken. Kistenweise Gurken, eine krummer als die anderen. „Das hier“, erklärte Bartusziak nicht ohne einen Anflug von Stolz, „sind die Ernten, die wir täglich wegwerfen. Gleich auf dem Feld, in der Verarbeitung, und den ganzen Rest im Supermarkt.“ Wer weiß, wie viele Gurken er noch in den Lastern hatte. Diese Halle war jedenfalls imposant genug.

„Sie haben ja keine Ahnung, wie pingelig die Handelskonzerne sind.“ Eine Liste lag zufällig auf dem kleinen Wägelchen. „Die Sellerieknollen sollen nicht zu groß sein und nicht zu klein, es sei denn, sie werden extra groß bestellt oder extra klein. Und dann die Möhren erst – schrecklich!“ Die verwachsenen Rüben füllten einen ganzen Wagen, der zum Ausladen bereit an Tor B stand. „Alles komplett krumm, feinste Suppenqualität.“ Ich stutzte. „Nicht Super-, Suppenqualität. Mehr als das werden Sie damit nicht herstellen, aber selbst die Industrie war sich zu fein dafür. Wahrscheinlich sind die Schälmaschinen, die das Gemüse für einen automatischen Linseneintopf mit Suppengrün häckseln, motorisch nicht ganz so begabt wie zwei menschliche Hände.“ Ich drehte eine der wuchsindividuellen Dinger in den Fingern. „Sie bekommen beim Kauf einer Zwei-Kilo-Schale gleich noch eine praktische Arbeitshilfe mitgeliefert.“ „Ein Messer?“ Bartusziak schüttelte den Kopf. „Eine Packung Pflaster.“

Die Würste sahen nicht viel besser aus. Vermutlich hatte die Maschine, die sie füllte, öfters Aussetzer. „Teilweise stimmt das“, bestätigte er. „Sie werden jedoch auch in Handarbeit hergestellt. Und da geht viel daneben.“ Angesichts dieser Mengen an krummen, zu kurzen und ungleichmäßig dicken Wurstwaren fragte ich mich, wer sie alle verzehren würde. „Keine Sorge“, entgegnete Bartusziak, „wir haben eine langfristige Vereinbarung mit den Imbissbudenbetreibern.“ „Warum Imbissbuden und nicht der Einzelhandel.“ Er lächelte überlegen. „Wenn Sie sich im Laden die Wurst aussuchen können, nehmen Sie dann die krumme?“ Ich begriff.

Der grau lackierte Schrank knirschte, als Bartusziak die Schublade herauszog. Vermutlich auch ein Produktionsfehler, dachte ich. Er hing voller Akten. „Eine unserer Dienstleistungen besteht darin, ungeeignetes Personal zu vermitteln.“ „Sie meinen: geeignetes“, unterbrach ich. „Nein“, beharrte er, „ungeeignetes. Und wir gehen sehr sorgfältig auf die Suche. Vollkommen inkompetent zu sein, das reicht schon nicht mehr. Wir erwarten auch charakterliche Defekte, erhebliche Dummheit sowie…“ Er schlug eine Akte auf. Ich begriff. „Sie beliefern ganze Parteivorstände?“ Er nickte. „Und Unternehmensvorstände, Gewerkschaften, den Deutschen Bundestag – was Sie wollen.“

Schnittblumen, Schuhe, Oberhemden, offenbar gab es nichts, was die Qualitätskriterien sämtlich unterlief. „Haben Sie schon einmal ein Hemd angezogen, das auf der Brust so ein kleines bisschen spannte, und dann gingen nach dem zweiten Tragen alle Knöpfe ab?“ Bartusziak schien genau zu wissen, was Hildegard mir regelmäßig mitbrachte. „Die werden, wie gesagt, oft einfach weggeworfen, aber wir haben noch vielfältige Verwendungsmöglichkeiten dafür. Beispielsweise die Altkleidercontainer – haben Sie sich schon einmal gefragt, wer die alle befüllt? und womit?“ „Sie ruinieren also die Textilwirtschaft in Afrika“, knurrte ich. „Indem Sie tonnenweise Stoffe in die Entwicklungsländer schicken, nehmen Sie jedem Fabrikanten seinen Markt weg, weil man so preiswert einfach nicht neu produzieren kann, wie man den Ausschuss verkauft.“ Merkwürdigerweise nickte er, und auch das nicht ohne einen gewissen Stolz. „Mit Erdbeeren könnten wir es nicht, denn die Afrikaner essen zu wenig Erdbeeren, und sie würden den Transport auch nicht unbeschadet überstehen. Also die Erdbeeren.“ Ich wollte gerade etwas antworten, doch er ließ sich gar nicht unterbrechen. „Und so sehen Sie, dass unsere Wirtschaft längst auf einem globalen Level angekommen ist – unsere Produktionsfehler sind ein Exportschlager geworden.“ „Und was sind daran vielfältige Verwendungsmöglichkeiten?“ Er faltete eines dieser grauen Hemden auf. Die Brusttasche saß leicht schräg und ein bisschen zu tief, außerdem waren die Manschetten viel zu breit für die schmalen Ärmchen. „Haben Sie schon einmal vor einem Kassenschalter gestanden und sich gefragt, woher so ein Kassierer schon am frühen Morgen diesen verkniffenen Gesichtsausdruck hat?“

Objektiv betrachtet ging es Bartusziak gut; die Gurken wuchsen nach, die Würste ebenso. Welche Perspektiven hat man da noch? Er öffnete einen Karton mit Tonträgern. „Feinster deutscher Schlager“, erklärte er. „Das entspricht genau unseren Sortimentsrichtlinien. Und es wird wirklich Zeit, dass die Mongolei Helene Fischer kennenlernt.“

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2 responses

2 07 2015
emden09

Wer schält schon Möhren? Waschen genügt und ist gesund.

4 07 2015
bee

Das sehen die Konservenfabrikanten hoffentlich ähnlich.

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