Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCIII): Werte

3 07 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede feucht-völkische Deppenansammlung kennt sie, jede religiös sich bepredigende Schar, und nicht nur die konservative Fraktion führ sie im Schild, mit dem sie verteidigt, was scheinbar ansonsten nicht laufen kann. Was jede Ideologie jeder Ideologie vorwirft, meist in Verkennung, selbst Ideologie zu sein, hier wird’s Ereignis, und sei das Eis auch noch so dünn: Werte zählen. Welche, das bestimmt oft nicht viel mehr als der Wetterbericht.

Jeder reklamiert die universalen Ansprüche, die die eigene Gesellschaft, die eigene Nation, den eigenen Schützenverein zu dem gemacht haben, die sie heute sind, für sich und nur für sich. Jeder Heckenpenner auf Sozialentzug hofft, es fiele außerhalb des Wahlkampfes nicht auf, dass ein komatöser Mob sich für die eigenen ethischen Fundamente interessiert wie für das Innere von Pickeln, und die Hoffnung fällt auf fruchtbaren Boden. Gilt es gegen andere, die uns die eigene Wurst streitig machen könnten, echt oder eingebildet oder von den Bannerträgern der eigenen Ordnung herbeifantasiert, dann plärrt der Führer von Werten, und das verseifte Gros stapelt sich hinter ihm.

Da man den größten subjektiven Wert Dingen zumisst, die relativ knapp sind, stehen die Werte in der soi-disant zivilisierten Welt eben ganz oben. Fast alles lässt sich mit dieser Seifenblase an den Haaren in die Mitte der Manege zerren, Wirtschaft und Sozialabbau, manchmal beides, und wenn es um die Verteidigungsbereitschaft geht gegen Hier-ein-Volk-nach-Wahl-einfügen-das-eigentlich-von-der-Herrenrasse-ausradiert-gehört, wer würde nicht Werte exportieren wollen? Natürlich exportiert die Seite des gerechten Krieges dann noch Werte, und wir nutzen dazu meist Flugkörper, die genug Minderjährige und Senioren unter den Zivilisten mit plattmachen, so dass sich die Demonstration westlicher Moral auch noch jahrlang lohnt.

Keiner spricht über den Wertewandel, es sei denn, man will als Regierungsdarmleuchter mal eben ein bisschen Remmidemmi mit religiotischer Schwungmasse veranstalten, wenn eine dieser degenerierten Versagerinnen der Öffentlichkeit ankündigt, bald nach der Gleichstellung werde sicher ein deutscher Volksgenosse seinen Staubsauger ehelichen wollen. Wertewandel, den man unbedingt negativ verstehen will, ist auch die Abgötterei mit dem Kapitalismus und Abkehr vom Ahlener Programm, das den ganzen Berufskatholen ja viel zu viel Jesuskacke enthielt. Im positiven Sinne wäre es überhaupt die konsequente Umsetzung der Zivilisation, der Abschied vom Auge-um-Auge-und-Zahn-um-Zahn-Prinzip. Aber was kümmert eine Gesellschaft die Versuchung, die eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen – die Gartenzwerge beharren auf der Größe ihrer Schatten bei untergehender Sonne und lassen sich ihre Auffassung nicht zerreden.

Denn meist ist es nicht Glaube oder säkulares Sendungsbewusstsein, nicht einmal Leberwerte als Ausdruck der daseinserfüllten Weltsicht spielen eine Rolle, sondern schlicht die schwarze Zahl. Wer Wert preist, hat nur die Materie zum ideellen Prinzip erhoben, was mehr über den Grad seiner Zivilisiertheit aussagt, als es die Zivilisation je könnte.

Die neoliberale Gesellschaft ist geboren aus Schutt und Asche einer totalitären Welt pervertierter Ideologien, die subjektiv für die eigene Größe, im historischen Rückblick für die Zerstörung der Zivilisation selbst standen. Der heutige Realitätsallergiker will die alte Größe, weiß jedoch, dass er sie mit schwerem Mangel erkaufen würde, und entscheidet sich instinktiv gegen die Unsicherheit der Verhältnisse. Dass er damit zugleich die postdemokratische Gesellschaft herbeireden will, ist sein Kreuz. Wie praktisch, dass man bei einer primitiven Masse auch mit Friedensgeschrei einen Krieg argumentativ durchdrücken kann.

Das Vordringen postmaterieller Bedürfnisse ist immer ein Einbruch durch das dünne Eis der gesellschaftlichen Verfasstheit, der Konservative hasst sich selbst dafür, dass er Stück für Stück die Individuen in seiner Population als Menschen wahrnehmen muss und ihre Werte ebenso als die seinen. Kurzfristig verteidigt der Berufskathole den Feminismus gegen die bösen Flüchtlinge, die aus einer patriarchalen Parallelwelt stammen, um ihn hernach im kruden Cocktail krustiger Vorurteile wieder fortzuspülen, als sei er eine in der Studentenrevolte aufgekommene Schnapsidee. Wert ist, was in Fettschrift auf ein Plakat passt, als rituelle Abwehrhandlung gegen das Andere. Solange es Dumme gibt, wird es diese Abziehbilder einer postulierbaren Ethik geben. Solange es diese Abziehbilder gibt, werden Menschen geboren und zu Dummen erzogen. Man wird ihnen sagen, ihr Verhalten sei irgendwie nachhaltig, und sie werden es als Wert verkaufen. Immerhin.

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