Umgebungsvariablen

9 07 2015

„Und Sie machen das den ganzen Tag? also rund um die Uhr und ständig und…“ „Klar. Solange er Parteichef ist, muss das einer im Auge behalten. Sonst können wir den Laden gleich dichtmachen.“ „Und wie reagiert er?“ „Meistens ignoriert er uns, es sei denn, wir haben erfolgreiche Arbeit geleistet und sind ihm in letzter Sekunde in den Arm gefallen. Dann pöbelt er schon mal jeden an, der im Weg steht. So ist Gabriel nun mal.“

„Weil Sie so Mittelbau sind?“ „Würde ich nicht sagen. Die Schadensbegrenzungskommission ist eigentlich eher Basis, aber das ist auch nicht besser. Wenn Sie versehentlich Fachkompetenz haben, dann sind Sie ganz schlecht dran. Das ist ja in der SPD gar nicht gern gesehen.“ „Weil die SPD eher für die Arbeiter da ist, schätze ich mal.“ „Witzbold. Weil der Verein keine Kompetenz duldet.“

„Und Sie als Schadensbegrenzungskommission sind jetzt die…“ „Nein, wir sind die Beauftragten für programmatisches Gleichgewicht.“ „Da gibt es einen Unterschied?“ „In der Sache nicht, aber wenn Sie einen sehen, haben Sie gewonnen. SPD halt.“ „Wenn ich das jetzt richtig verstehe, dann sind Sie die Mannschaft, die Gabriel am Umkippen hindert.“ „Sie sind chronischer Optimist, was? Nein, wir verhindern gar nichts. Sonst würden wir – ach, egal.“ „Aus der SPD ausgetreten sein?“ „Das haben Sie gesagt. Aber wir sind ja auch eher dazu da, die inhaltlichen Kapriolen dieses Vorsitzenden in einen richtigen Kontext zu bringen, falls Sie verstehen, was ich meine.“ „Also in Bezug auf das Parteiprogramm, das sich in…“ „Sie verstehen es nicht. Gut, war jetzt keine so große Überraschung.“

„Wenn Gabriel in Richtung Griechenland eine, sagen wir mal, eher aggressive Haltung einnimmt?“ „Wir müssen unsere Umgebungsvariablen immer updaten.“ „Was er gerade an Kenntnissen von der griechischen Finanzlage…“ „Null bleibt Null, uns interessiert nur, ob er von Merkel einen Tag vorher eine neue Grundüberzeugung diktiert bekommen hat.“ „Und das macht Sie sicher?“ „Außerdem kann er am nächsten Tag einen Interview-Termin bei der Springerpresse haben, dann würde er bis mittags auch noch Willy Brandt als schuldig am verpatzten Endsieg bezeichnen.“ „Sie arbeiten immer ganz eng am Vorsitzenden?“ „Enger ist nur die NSA dran. Aber die Vorstellung ist schon ekelhaft genug.“

„Also mal angenommen, er spricht sich heute für TTIP aus.“ „Dann brauchen wir natürlich eine Menge Umgebungsvariablen, um die Lage zu interpretieren.“ „Weil Sie nicht wissen, was der SPD-Vorsitzende meint.“ „Wenn er das selbst wüsste, hätten wir Dauerurlaub.“ „Oh!“ „Es hängt von seinem Rhythmus ab, und dann müssen wir den Merkel-Zyklus updaten, und dann hat auch Schäuble seine Tage, und dann gibt es auch noch rational nachvollziehbare Gründe wie die jeweils letzte Katastrophe für die SPD-Umfragewerte. Wir sind da immer ganz aktuell.“ „Und dann spricht er sich für TTIP aus.“ „Dann berechnen wir sofort, ob seine letzte Pöbelei gegen das Grundgesetz noch in Reichweite ist – Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Staatsrecht – und wir haben den Quotienten, mit dem er möglicherweise innerhalb der nächsten Stunden…“ „Und wenn nicht?“ „Dann berechnen wir schnell einen Algorithmus, man kann ja nicht vor dem Feind weglaufen.“

„TTIP plus Merkel heißt also: er tut nichts?“ „Manchmal versagen wohl seine…“ „Er nimmt Medikamente?“ „Mir wumpe, jedenfalls poltert er dann einfach los und drischt auf Griechenland ein.“ „Und ohne die Euro-Krise?“ „Würde er ohne Merkel mehr Datenschutz verlangen und Nahles in ihrer beknackten Paternosterverordnung bestärken.“ „Mit Euro-Krise?“ „Nennt er seine sozialistischen Brüder in Griechenland Schmarotzer und Wirtschaftsasylanten.“ „Ohne Griechen?“ „Ist er für die sofortige Bankenregulierung in der EZB-Zone.“ „Ohne EZB?“ „Würde er Erwerbslose ungern in die Zwangsarbeit schicken, weil das der Qualität der Rüstungsindustrie langfristig nur schaden könnte. Sie müssen wissen, er ist sehr feinfühlig.“

„Gabriel ist also aktuell gegen TTIP, für Flüchtlinge, für das Grundgesetz und…“ „Das ist ja schon total unlogisch.“ „Wieso, wenn man für das Grundgesetz ist, kann man doch nur gegen…“ „Sie haben es immer noch nicht kapiert? Es ist Gabriel! Sigmar Gabriel!“ „Also müssen Sie ihn so verteidigen, dass er sich für das Grundgesetz…“ „Es ist Gabriel.“ „… oder vielleicht doch für die Regierung? Er ist doch noch in der Regierung?“ „Mehr kann man von ihm auch gar nicht erwarten.“ „Und wenn er jetzt gegen TTIP…“ „Wir wissen zwar nicht, was ankommt, aber wir versuchen es mit einer Haltung gegen Rechtspopulismus.“ „Und das wirkt?“ „Wenn nichts aus Brüssel kommt.“ „Wegen Demokratie?“ „Wetterbericht reicht.“ „Und wenn dann ein Parteitag…“ „Sagen Sie mal, auf welcher Seite stehen Sie eigentlich!?“

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