Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCV): Autotuning

17 07 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer die Evolution für einen zielgerichteten Prozess zur Förderung intelligenter Lebensformen hält, hat durchaus kein Mitleid verdient; milder Spott reicht vollkommen aus, wenn man sieht, wie der Hominide an der Spitze der soi-disant Schöpfung herumkippelt und sich ein ums andere Mal die Nase eindellt, weil ihm Mikroben und Schleimtiere rein intellektuell überlegen zu sein scheinen, da sie keinerlei Ambitionen hegen, die eigene Spezies so effektiv wie kostengünstig auszurotten. Sie tragen Sandalen und Socken, hängen ihre Wäsche aus Angst vor Gespenstern am Samstagabend ab und kleben ihren Hunden aus Prestigegründen spitze Ohren aus güldener Pappe an, nein: Spaß, natürlich tun sie das nicht. Sie dengelnd den Schmodder ans Kfz.

Es gibt genügend schlechte Menschen, um aus dem Wunsch der pickeligen Hormonopfer, eine rollende Gemächtprothese unter dem Sitzmuskel zu spüren, einen veritablen Industriezweig zu schwiemeln, der sich in seinen Umsatzzahlen und der ethischen Ausrichtung nicht wesentlich vom Waffenhandel unterscheidet. Etwas lackiertes Blech, Klebefolie im Karomuster, schon ist die rostige Kleinstkarre mit TÜV-Zulassung kleinergleich Epsilon in die höheren Sphären eines Schlamassel Car aufgestiegen – der Erfolg zählt, und der wird mit Effektspray, Bapperl und einem Blinki-Blinki fürs Armaturenbrett vorm Kopf in tiefste Höhen aufgepumpt. Wer im Physikunterricht so weit aufgepasst hat, dass er genau weiß, warum ein Ventilator am Rückspiegel die Blechlaube um drei Kilometer schneller macht, kauft auch all den anderen Schrott, den die Produktion hervorwürgt aus Häme, Plast und Taiwan. Noch hat kein Pferd sich den Schweif in Kunstharz laminieren lassen, um geschmeidiger über die Äcker zu hüpfen, noch kein Eichhorn hat Rallye-Streifen geordert, geschweige denn in Lila-Altweiß, und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich intelligentes Leben mit einem flanschbaren Heckscheinwerfer zum Horst macht. Beim Hasen ist das Ding ab Werk fest eingebaut, Buckelwale können gepflegt auf den Krempel verzichten, wer also, abgesehen vom Fuchs, braucht einen Fuchsschwanz?

Zeitzeugen berichten von VW-Käfern, die nach drei Anläufen keine Betriebserlaubnis mehr gekriegt hatten, mit Budenzauber, Gottvertrauen und morschem Dünnblech aber zu Boliden der Seitenstraße mutierten, röhrende Bollerwagen der jäh einbremsenden Apokalypse, bis knapp an die Asphaltdecke tiefergelegt, verspoilert bis zum Aufheulen des Dispokredits, an Front und Arsch mit Fett verbaut, eine Orgie des glasfaserverstärkten Kunststoffs in Formen, bei denen auch Hieronymus Bosch locker ins Hyperventilieren gekommen wäre. Tatsächlich bewegt sich die Differenz in der Fahrdynamik deutlich unterhalb der Messbarkeit, man müsste die Karren schon in Quasilichtgeschwindigkeit durch den Äther jagen, um signifikante Ergebnisse zu merken – aber wer will das schon in einem Haufen verwarzter Eisenteile erleben, serienmäßig mit hakendem Aschenbecher und knarzendem Querlenker?

Für gewöhnlich ist der Lenker der scheelen Kutsche alsbald mit den Gedanken überall, nur nicht im Straßenverkehr, und schon folgt die Strafe: brutal bollernd reißt die Frontschütze, der mobile Gonadenschutz des Autopiloten, die buckelige Einfahrt im Parkhaus auf. Der eng gebaute Fahrweg, nicht für Breitschlappen und ein Dicke-Hose-Fahrwerk geplant, fügt der Metallic-Sonderfarbton-Lackierung parallel zur Bodenplatte links und rechts je einen formschön gestalteten Kratzstreifen zu, individuell wie ein Fingerabdruck und im volkswirtschaftlichen Gegenwert eines Bruttomonatsgehalts. Die Scheinwerfen splittern eh irgendwann, Felgen sind fahrend Gut, und schließlich bleibt nur die Nagelprobe. Der frustrierte Klötenkönig hat den dreifachen Neuwert in die recyclingfähige Mühle gesteckt, stellt aber fest, dass das Scheißteil dank Karbongeschwülsten elend schwer und langsam geworden ist, wie man es von der klassischen Physik auch hätte erwarten können. Klinisch bekloppte Kfz-Beweger rammen die Rückspiegel rumpelnd an Laternenmasten, poltern gegen Poller, schrammen im Funkenflug Felgen gegen gleichgültige Bordsteine. Sie reiben sich und ihr bisschen Buntmetall auf an der rauen Wirklichkeit, denn wozu gibt es sie, wenn nicht für den empirisch zu erbringenden Versuch einer generellen Überflüssigkeit ihrer Existenz.

Ganz manchmal treten sie in ihrer Formel Einmaleins das Gaspedal gen Bodenblech, legen ein ff. Schleudertrauma auf den Straßenbelag und berühren mit sattem Schmatzen die Betonwand, die plötzlich aus dem Boden gewachsen kommt. Wer dies früh genug in seiner Karriere absolviert, gewinnt den Hauptpreis: Schlussrunde im Nirvana. Da ist auch die Evolution machtlos. Zum Glück.

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