Völlig losgelöst

4 08 2015

„Absurd.“ „So ist nun mal Demokratie.“ „Aber dass zwei Drittel der Deutschen das wollen? Hallo? zwei Drittel!?“ „Zwei Drittel möchten, dass die SPD wieder einen eigenen Kanzlerkandidaten aufstellt.“ „Das ist doch total krank!“ „Im Gegenteil, das ist echt prima.“ „Die sind doch gestört! Zwei Drittel!“ „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Drittel keine sadistischen Neigungen haben. Ist doch toll.“

„Einen eigenen Kanzlerkandidaten, die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Jetzt regen Sie sich nicht auf, das hat die FDP auch schon mal gebracht.“ „Aber die hatte immerhin ein klares Profil: die sind eine Spaßpartei, die rund um die Uhr neoliberalen Scheißdreck erzählt und einen profilneurotischen Vollversager nach dem anderen an die Parteispitze hievt.“ „Mir erschließt sich jetzt der Unterschied gerade nicht.“ „Fünfzehn Prozent für diesen Schwachsinn rufen bei denen große Begeisterung hervor.“ „Nein, ich hab’s immer noch nicht verstanden.“ „Sie haben das verlogenste Arschloch auf dem Außenministersessel festgeklebt, das sich gerade finden ließ.“ „Bedaure, wir haben da wohl gerade ein kommunikatives Problem.“ „Ich geb’s auf.“ „Ja, jetzt verstehe ich Sie. Die Sozialdemokraten, richtig?“

„Aber mal ehrlich, zwei Drittel wollen einen Kandidaten, der sich nur aufstellen lässt, damit Merkel ihm eine reinsemmelt.“ „Das machen die Deutschen jedes Jahr so, dann gibt’s diesen komischen Schlagerwettbewerb, den sie alle nie im Fernsehen gucken – daher auch die hohen Einschaltquoten – und dann sind wir plötzlich wieder Vorletzter mit einem Trostpunkt aus Kasachstan, und das versendet sich dann innerhalb von zwei Wochen.“ „Sie können doch den Song Contest nicht mit einer Bundestagswahl vergleichen!“ „Das volkswirtschaftliche Ergebnis dürfte doch irgendwie gleich sein, oder?“ „Nee, beim ESC fiebern doch die Menschen mit – bei der SPD dagegen…“

„Aber mal ehrlich: das sind doch demokratische Spielregeln. Sie würden doch als Biertrinkerpartei oder Bund Westdeutscher Erbsenzähler niemals auf das große Spektakel verzichten wollen, oder?“ „Dass sich Gabriel mit elf Prozent vor die paralysierte Masse stellt und brüllt, er werde Merkel jahrzehntelang vor sich hertreiben, bis die SPD die Weltherrschaft an sich reißt? Am Arsch!“ „Ein bisschen Tradition muss doch sein.“ „Die würde bei uns ja bedeuten, dass man die politische Linie von diesem zartrosa Lachsersatz in die Tonne tritt und als Sozialdemokraten wieder ganz von vorne anfängt.“ „Und genau deshalb brauchen Sie ja die nächste Bundestagswahl. Mit zwei Dritteln, die ganz fest daran glauben, dass zwanzig Prozent doch irgendwie möglich sein könnten.“

„Lassen wir doch dieses Theater. Das führt zu nichts mehr, ich sage es Ihnen.“ „Wollen Sie denn den Leute im Wahlkampf erzählen, dass die SPD sich vollkommen aufgegeben hat?“ „Sie meinen, das erfahren die Wähler noch früh genug? Na toll.“ „Nein, aber lassen Sie ihnen doch die Illusion, dass das Ganze letztlich doch noch zu irgendwas gut sein könnte.“ „Das sagt doch die CDU ihren Wählern auch die ganze Zeit schon, und zwar noch wesentlich länger als wir.“ „Ist doch super, wenn Sie gleiche Voraussetzungen haben, ist die nächste Koalition schon so gut wie geritzt.“

„Jetzt fangen die sogar schon an mit der absoluten Mehrheit. Absolute Mehrheit! Ich frage Sie, was soll denn das sein?“ „Eine absolute Mehrheit ist eben ganz ab von allen anderen. Die können machen, was sie wollen.“ „Das geht doch jetzt schon: die Kanzlerin sitzt herum, die SPD tut, was sie will.“ „Die Sozialdemokraten?“ „Nein, die Kanzlerin.“ „Also tut Merkel, was die Sozialdemokraten wollen?“ „Ja, aber die sind ja heute längst nicht mehr in der SPD, deshalb – ach, vergessen Sie’s einfach.“

„So eine absolute Mehrheit ist doch gar nicht schlecht. Dann kann die SPD sich endlich wieder auf das Kerngeschäft der Opposition…“ „Opposition ist Mist.“ „Und was, glauben Sie, hat die SPD seit dem Ende von Kohl produziert?“ „Jedenfalls fordert Gabriel immer wieder, dass…“ „Der hat nicht zu fordern, der hat zu machen. Ist doch kein Oppositionsführer.“ „Gefühlt schon.“ „Aber mit einer absoluten Mehrheit ist man doch gleich so losgelöst.“ „Alternativlos?“ „Eher absolutistisch, aber völlig losgelöst.“ „Also doch ziemlich abgehoben.“ „Jedenfalls ohne die Bodenhaftung, und das kann man doch politisch auch nutzen, oder?“ „Wer nutzt denn das?“ „Machen Sie’s doch. Sagen Sie Ihrem Parteichef, er soll mit der absoluten Mehrheit als Ziel in den Wahlkampf ziehen.“ „Geht’s noch!?“ „Echt, sagen Sie das Gabriel: absolute Mehrheit für die SPD ist die einzige Rettung für Deutschland und Europa und die Welt und das Klima und überhaupt. Absolute Mehrheit.“ „Haben Sie’s eventuell eine Nummer kleiner?“ „Absolute Mehrheit.“ „Entschuldigung, das ist eine Schnapsidee! Eine absolute Mehrheit für die SPD…“ „… ist immerhin eine Vision.“ „Soll ich mit Gabriel dann auch noch zum Arzt gehen?“ „Warum nicht? wenn Sie Glück haben, behält er ihn gleich da.“