Mit ohne

6 08 2015

Die Flaschen klirrten klingelnd über das Laufband, denn es war nur ein schmales Laufband, und es waren auch nur wenige Flaschen. „Wir haben ja nur Spezialabfüllungen“, belehrte mich Hippele. „Deshalb müssen wir öfters mal die Maschinen neu einrichten.“

Mir schwante Obskures, aber damit hatte ich nun doch nicht gerechnet. Kein Vollmondwasser, kein links gerührtes Quellwasser und keins mit geheimen Informationen auf Flüsterbasis war in den Flaschen. „Dies Wasser ist komplett zuckerfrei.“ Ich nahm eine Flasche vom Band; das Etikett informierte mich dahin gehend, dass es sich um Wasser ohne Zucker oder Zuckerersatzstoffe handelte. „Das hatte ich jetzt nicht erwartet“, sagte ich. „Sehen Sie“, antwortete Hippele, „der Kunde will doch immer wieder überrascht werden, und wir haben uns entschieden, dies durch eine ganz neue Strategie zu bewerkstelligen: wir lassen Reizstoffe und Zusätze weg, hier gibt es nur die reinste Substanz. Aber kosten Sie selbst.“ Das Wasser verhielt sich vorschriftsmäßig, es schmeckte nach Wasser.

„Natürlich filtern wir unser Produkt“, erklärte Hippele. Die Anlage bestand so auch aus nicht mehr als einem wechselbaren Papierfilter, durch den die Flüssigkeit tropfte. Vermutlich befürchtete er, dass aus der Wasserleitung rostige Schrauben und Walfische herauskamen und sich in die Flaschen verirren könnten. „Und das erklärt dann auch, dass es danach keinen Zucker mehr enthält.“ Er schüttelte den Kopf. „Schauen Sie auf das Schild“, erklärte Hippele und schaute auf das Schild an der Filteranlage. „Hier produzieren wir die Variante ohne Gluten.“ Es hätte mir auffallen müssen. Die Flüssigkeit enthielt erkennbar so gut wie keine Eiweiße.

Ein paar Laufbänder weiter, wo koffeinfreies sowie Wasser ohne Farbstoff abgefüllt wurden, rieselte eine feine Substanz in Tüten. „Zucker“, mutmaßte ich, und Hippele nickte. „Sicher haben Sie ein Verfahren erfunden, um zuckerfreien Zucker herzustellen.“ Aber da hatte ich mich entscheidend geirrt. „Schauen Sie auf das Schild“, wies er mich an, und ich schaute auf das Schild. Auch dieser Zucker war koffeinfrei. „Der Konsument erwartet das heutzutage“, dozierte Hippele. „Wir nehmen immer mehr unerwünschte Zusatzstoffe zu uns und müssen darauf achten, dass unsere Lebensmittel mit größter Sorgfalt reinerhalten werden. Wir übernehmen das für den Konsumenten, indem wir ihm gleichzeitig Produktvarianten anbieten, an die er ohne uns gar nicht gedacht hätte.“ Der vitaminfreie Zucker rieselte sanft in die Tüten.

Möglicherweise hatte ich diese Fabrik unterschätzt, denn es ging im hinteren Teil mit einer Reihe von Maschinen weiter, die zuckerfreies Mehl und glutenfreies Salz, salzfreien Zucker und zuckerfreien Grieß verpackten. „Natürlich unter den strengsten Kontrollen“, versicherte Hippele, „wir stehen dafür mit unserem guten Namen.“ Nirgends verirrte sich ein Körnchen Zuckers in die Salztüte. Ich würde mein Frühstücksei beruhigt damit salzen können, ohne unerwünschte Nebeneffekte.

Bald schon würden die Tüten, würden die Flaschen im Bio-Supermarkt stehen. „Der Konsument möchte sein Produkt auch im richtigen Rahmen finden, und darum verkaufen wir ausschließlich da, wo unsere Zielgruppe ihre Produkte für eine gesunde und bewusste Ernährung sucht.“ Ich sah sie vor mir, junge Mütter, die ihre Kinder ganz bewusst mit salzfreiem Zucker fütterten, die zum Frühstück Kaffee aus koffeinfreiem Wasser aufbrühten und ihr Ei salzten, wie ich es nicht zu salzen wagte. Es gab wohl doch ein richtiges Leben im falschen.

„Und wir weiten dazu natürlich unsere Produktpalette aus“, erklärte Hippele. Schon experimentierte die Entwicklungsabteilung an zuckerfreier Gelatine und anderen Zutaten. „Vielleicht gehen wir damit auch in den allgemeinen Einzelhandel, man muss den Konsumenten ja da abholen, wo man ihn findet.“ Sicher würde es bald koffeinfreie Marmelade geben und alkoholfreies Bier, aber vielleicht ging auch meine Fantasie mit mir durch.

Da raufte sich Hippele plötzlich die Haare. „Das hätte nicht passieren dürfen“, jammerte er. „Das kostet uns eine Tagesproduktion, mindestens eine ganze Tagesproduktion.“ Auf dem Laufzettel hatte er den Fehler entdeckt. „Haben Sie zuckerfreies Salz in die Maschine mit dem salzfreien Zucker geschüttet?“ Er schüttelte den Kopf. „Schlimmer, viel schlimmer. Etikettenschwindel! Wir füllen glutenfreies Wasser ab, aber auf der Flasche steht, es ist koffeinfrei.“ Ich nickte. „Nicht auszudenken, wenn sich der Konsument dadurch hinters Licht geführt fühlte.“ „Obwohl…“ Schwungvoll zeichnete Hippele den Zettel ab. „Merken Sie den Unterschied?“

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2 responses

6 08 2015
Kai

Wunderbar! Auch wenn das Thema nach zwei Absätzen durch war, machte es Spaß weiterzulesen

6 08 2015
bee

Merci – der Reiz besteht ja darin, die Geschichte bis zum Ende zu denken, das man nicht erwartet.

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