Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCVIII): Der Späti

7 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher hatte der durchschnittliche Durstbürger seinen Schnaps im Wandschrank sowie einen Kasten feinster Hopfenkaltschale im Keller stehen, war aus diesem Grund verehelicht und verfügte über ein bis sieben Stück Nachkommen, die ihm die Flaschen aus dem Untergeschoss stemmen konnten. Dann kamen der Kühlschrank, die Weißblechdose, das Versterben der örtlichen Bierschmiede, und nach kurzer Zeit schon hatten paneuropäische Distributoren in Pils, Im- und Export die Oberhand gewonnen, die Gilde solider Säufer zu unterjochen mit mickrigen Sixpacks, schaler Plempe in aufgejodeltem Grünglas, das zu Großväterchens Zeiten kaum ein ordentlicher Proletarier benutzt hätte, um sich die Schuhe zu putzen. Was auch immer sich in die Rillen der Verbraucher gefräst hat, mit Bier im engeren Sinn hatte es nichts zu tun. Und so schlucken sie den faden Aufguss aus kleinem Gerät, bis sie merken, dass schon wieder nichts da ist. Sportschau vorbei. Ladenschluss. Rien ne va plus. Nur im Späti brennt noch Licht.

Seltsam schwankende Gestalten, die ihr Einkaufsverhalten zu normalen Uhrzeiten nicht in den Griff kriegen, horten Alkoholika und Alibi-Nudeltüten in den Warenkörben, Nachtschwärmer decken sich gegen den Fressflash mit Schokolade und Dosenkost ein, die Jugend glüht vor und nach, und vereinzelt holt ein versprengter Schichtarbeiter sich aus dem Nährmittelbedarf eine Tüte Grieß. Die Kassenschlange schwankt zwischen leichter Schlagseite und schwerem Seegang, abgezähltem Kleingeld aus Erzeugerproduktion und großen Scheinen aus dem Automaten. Dazwischen ziehen die kreativen Freiberufler, die sich seit ein paar Jahrzehnten ein bisschen was dazuverdienen, noch schnell ein paar Kippen aus dem Kasten und reihen sich in die Riege der Auftaucher aus dem sozialen Nichts, in das sie genau so wieder abtauchen werden, wenn der Gang zur Bude wieder vorbei ist.

Zwischen Printmedien und welkem Schnittgut in Blumenverkleidung lugt eine Auftaupizza hervor, die nebst anderen temperierbaren Leichenteilen den pragmatischen Part der Daseinsberechtigung ersetzt, die der Nebenzeitenverkauf nun einmal braucht, um sich im Dickicht der Städte zu behaupten. Vielleicht würde sich der Studierende der Literatur im 29. Semester sonst unter die Latte-macchiato-Muttis mischen und sein Toastbrot kaufen, wenn die Mehrzahl der Bürger gerade wach und ansprechbar ist. So aber wählt er das anonyme Dunkel, jene Gegenwelt, in der er keinen Fragen begegnet und keine stellen muss, um sich verständlich zu machen. Vereinzelt wechselt eine Packung homogenisierte Milch den Besitzer, auch sie wird in die Finsternis gehen, wo erst der Sonnenaufgang in die Horizontale geleitet.

Einen Teil der Erzeugnisse wird noch an Ort und Stelle genossen, hier und da begleitet von ad hoc erwärmtem Kalorienzubehör, das sonst nur herkömmlichen Verkaufsstellen wie der 24-Stunden-Tanke entnommen wird. Der nachts arbeitende Bürger versorgt sich, gepappt zwischen die Leben der anderen, mit Rohstoffen, oft in hektisch in den Ablauf geschwiemelter Eile, bevor der nächste Taxikunde droht. Wie angeschwemmtes Treibgut mischen sich soziale und weniger soziale Schichten, aufgewühlt im Modder einer langsam sich wieder setzenden Bodenerosion unterhalb der eigentlichen Oberfläche, seltsam subkutan, nicht unsichtbar und doch kaum wahrzunehmen. Ein Volk ohne Raum brandet an sperrhölzerne Klippen aus Obstkisten und alubewehrten Konserventrumm. Die Materie schluckt den Schwall und reflektiert die Masse nach erfolgtem Vorgang wieder in die Straßenschluchten. Alles atmet das Gepräge von Endstation mit einer Magie des Augenblicks von knapp unterhalb von Epsilon.

In einem fernen Paralleluniversum bietet die Bude Tofu und Lachsersatz feil, wozu auch immer. Vielleicht ziehen die Hipster überhaupt nur in den akut angesagten Problemkiez, um sich nach Einbruch der Dunkelheit mit wirren Waren einzudecken. Zuzutrauen ist es ihnen allemal, die jene Randlagen humanoiden Seins besiedeln und für die bewusst antizivilisatorischen Impulse der Postmoderne urbar machen. Vermutlich wird es in den Verkaufsstellen der Zukunft laktosefreien Milchschaum aus der Sprühdose geben, Sojafleisch und vegan geröstete Burger. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass die bärtigen Mützenmulle nur aus Anhänglichkeit zum Lokalkolorit Billigbier holen und es in Wirklichkeit dort bunkern, wo früher, ganz früher die Pullen lagerten: im Keller, im Kühler, neben dem Barfach mit dem samoanischen Whiskey zum Preis eines Motorschnellbootes, und mangels Weib und Kindern gehen sie noch selbst ins Vorratslager. Trotz Sportschau.

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4 responses

7 08 2015
Shhhhh

Als Bewohner des Stadtteils in Europa, welches die höchste Kioskdichte aufweist, fühle ich mich sehr gebauchpinselt, möchte aber anmerken, dass ich noch nicht im 29. Semester meines Literaturstudiums angekommen bin.

7 08 2015
bee

Man raunt ja, dass bereits nach acht Jahren Slawistik oder dem Vorphysikum unter 45 die Händler verstohlen auf eine Klappe zeigen, hinter der sich frisches Bio-Gemüse versteckt. Aber es gibt auch Leute, die das von Bielefeld behaupten.

8 08 2015
Shhhhh

Irgendwas war da mit Bielefeld…, verdammt, ich komm nicht drauf!

9 08 2015
bee

Man munkelt, dort sei ein Wurmloch, in dem nach zehn Uhr auch Milch und Margarine verkauft würden. Aber ich habe nichts gesagt!

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