Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCIX): Der Automensch

14 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher hatten sie alle noch Pferde. Dann war’s kurz das Schießgewehr, man hatte ein Radio, es gab sogar Fahrräder, und dann kam aber auch schon das Automobil. Ähnlich wie beim Grillen – sonst bleibt die Nahrungsmittelversorgung und die Zubereitung ebendieser ja ein Privileg der Dame, aber bei Feuer und geschliffenem Stahl, bei blutigem Fleisch und dem Vollkontakt zu Urinstinkten wie der Ernährung der präkolumbianischen Holzfäller gilt das alles nicht mehr, abgesehen von Nudelsalat und den obligaten Folienkartoffeln, die den Mann intellektuell heillos überfordern ob des extrem komplizierten Timings – findet sich hier überwiegend Mannsvolk, mit und ohne Umhänge- und Fussel- oder Hipsterbärte, sporadisch in der obligaten Adilette plus Unter- minus Oberhemd gekleidet, und dann brutzeln sie Sachen, die nach einem Waldbrand die Mordkommission auf den Plan rufen würden. Oder den Denkmalschutz, je nach Lage der Knochen. Sie müssen auf etwas stolz sein, und sei es nur der beschissene Küchenmixer, der Rasenmäher, das Auto. Das Auto!

Hunderttausend Deutsche auf der mittleren Spur kurz vor den Kasseler Kuppe, jeder nagt am Lenkrad, und mit dem gesammelten Adrenalin hätte die Armee Stalingrad in Handarbeit zu Kleinholz zerlegt. Sie haben alle einen Wertgegenstand, die heilige Kuh der Nation, unterm Arsch, und sie folgen dem Anpassungsdruck, diesen Blechklops als Religionsersatz zu sehen. Ein Sakrament, mit dem man brüllend rechts überholen kann – eine größere Freunde kann, wird, darf man dem Bauschaum auf Beinen gar nicht machen, so sie überhaupt kapieren, was hier gespielt wird.

Es ist nicht einmal, dass der also Bekloppte seine kompletten fetischistischen Neigungen an Heckscheibentroddelbehang mit Wackeldackel und Schmuckstreifen en gros am Gefährt auslebte, er agiert vielmehr seine autoritäre Persönlichkeit im Straßenverkehr aus. Seine Bedürfnisse, und seien sie nach mehr Talmi im Wageninnern, wurden jäh unterdrückt, als er die erste Nuckelpinne mit einem Jahr Rest-TÜV in die Endablagerung lenken durfte. Sein aggressiver Trieb, sich die Straße untertan zu machen, endet an der natürlichen Dominanz des Fahrlehrers, der ihn zweimal durch die praktische Prüfung rauschen lässt – wohlgemerkt, um noch ein paar Fahrstunden mehr abziehen zu können, aber wer will das schon beweisen. Fortan nimmt er Haarnadelkurven in der Spielstraße stets im fünften Gang und mit sägendem Getriebesound, sauber verstärkt durch den akustisch aufgehobelten Auspuffkrümmer, der gestandenen Alphornisten eine bleibende Impotenzneurose bescherte. Der dichotome Zweischritt aus Befehl und hündischem Gehorsam, wie er nicht eben wenige Tugenden des Volkes ausmacht, insbesondere die der unrettbar Bescheuerten, er drückt bei jedem Verkehrsschild nur stärker auf die Aorta, bis die Embolie im Ventrikel für Partystimmung sorgt. Da latscht der quasi taubblinde Pensionär in leichtem Wahn noch einmal mit Schmackes aufs Gas und jagt ein halbes Dutzend Vorschüler mit sich in den terminalen Eiweißabbau, aber er hat den Schnödipus endlich in den Griff gekriegt. Das ist doch auch etwas.

Nicht aus erlernter Reinlichkeit wäscht der zwanghafte Lenker sein Fahrzeug am Wochenende in schäumender Wut, sein Über-Ich schwiemelt die Politur in den Lack und saugt die Mikroben aus dem Bodenfilz. Das rituelle Instandsetzen des blechernen Alter Ego verankert den Lenker tief in der Gesellschaft wie ein religiöser Akt, und etwas anderes ist der Vorgang aus Wässern und Wienern nicht als eine festlich vorgenommene Wiedertaufe, die der sittlichen Reinheit dient.

Bliebe das Fahren. Disposition zur Autorität und die charakteristische Auslösesituation treffen einander vorwiegend auf der Autobahn, wo der Beknackte seinen liebsten Beschäftigungen nachgehen kann: Rasen, Drängeln, Hupen. Geübte Fahrer steuern ihre Benziner mit den Mittelfingern. Alles sonst dient der Revierverteidigung, wie man sein rollendes Territorium zunächst durchsetzen mag gegen andere, die zu dicht auffahren, bis in einer späteren Phase mit Lichthupe und seitlicher Rammbewegung die mobilen Eroberungsfeldzüge einsetzen, ein Krieg um Meter, wer als erster im Stau auf der Umgehungsstraße ankommt und sich den Hintern in die Ewigkeit sitzt.

Letztlich ist es der Todestrieb, dem der Automensch auf individualisierte Art folgt, ein zielgerichtetes Ableben im Dienste der höheren Macht, für den er, den spektakulären Hintritt als größtes Ideal betrachtend, so gut wie alles in Kauf nimmt. Sogar Lackschäden. Stalingrad war ja auch kein schöner Anblick.

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