Gernulf Olzheimer kommentiert (CCC): Geiz

21 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die halbe Welt jammert über den materiellen Notstand, jeweils ein Teil aus wirklicher Armut, ein Teil aus reiner Gewohnheit und weil man vor allem dann viel über Geld und Gut spricht, wenn man nicht wirklich davon besitzt. Wer davon jedoch schweigt, nachgerade die Zähne wütend zusammen und in den eigenen Hintern beißt, ist nicht der Reiche, dessen Vermögen warm und trocken lagert, nur hin und wieder an der Dividende abgeschabt wird und dann zur Befriedigung diverser, auch grenzwertiger Gelüste die Wirtschaft ankurbelt. Er besitzt zwar auch, jongliert mit der Kohle, verfeuert sie bisweilen und freut sich am Anwachsen des Mammons, doch nicht er ist es, dessen Eigensucht ihn an der Last des Besitzes fixiert. Er hat Eigentum und hat es doch nicht, und es ist noch die Frage, wer da wen besitzt und wer besessen ist. Der Geiz ist, was den wohl Habenden verarmt.

Die charakterliche Disposition des gemeinen Kümmelspalters mag aus der gründlich aus dem Ruder gelaufenen analen Phase kommen; in aller Regel wird eine Verhaltung so oder so dafür sorgen, dass die braune Masse irgendwo hinaus will, und sei es, dass der Kopf gerade im Weg war. Der Geizige behält, was er nicht brauchen kann, und gibt nicht her, was ihm zu behalten nichts nützt. Er ist letztlich nichts als ein Messie, der sich den Ballast vor die Füße stapelt und dann darüber verwundert ist, wenn es stinkt.

Gerne entschuldigt der gemeine Entenklemmer seine materielle Fixierung mit einer Tugend, der Sparsamkeit, doch das ist sie nicht. Sein Gewinsel ist nicht weniger als Gier, die nicht zusammenhält, um klüger zu Wohlstand zu kommen, sondern rafft, um zu haben. Jener seltsame Appetit, der zwanghaft zum Verhungern führt, ist paradoxe Nebenwirkung einer ansonsten offenkundigen Lebensfeindlichkeit, die sich des eigenen Versagens freut, emotionale Anorexie, die den Mangel zum höchsten Gut und die schwäbische Hausfrau zur Säulenheiligen erklärt, die die Exzesse einer versaubeutelten Austerität zur Kunstform erhebt, weil sie die wechselseitigen Zusammenhänge von Besitz, Konsum und Leben nicht kapiert.

Der selten vernunftmäßig eingesehene Grund des Seins, Tod und Erneuerung in der nächsten Generation, stellt bei seinem jähen Auftauchen einen gewaltigen Tritt ins Hirn dar für den in seine Habsucht geflohenen. Jede Sucht will ewig sein, nur was erwartet der auf zeitliche Segnungen Vertrauende von einem Geschäftsmodell, das so sinnvoll ist wie ein Brennholz-Verleih, wenn mit der finalen Kompostierung alles futsch ist, in fremde Hände rieselt oder versickert. Habsucht ist negativer Zins, kassiert zu Lebzeit, denn keiner weiß, was mit dem Besitz geschehen wird, wo er bereits zuvor keine Frucht getragen hatte. Der Geizkragen ist doppelt gestraft, getrieben von der Leidenschaft, sich jede andere zu versagen, und in steter Gewissheit, dass das, was er da so tapfer ignoriert, die eigene Wirklichkeit ist.

Darum macht Geiz einsam, auch und erst recht da, wo er wie Mehltau auf sozialen Beziehungen liegt. Durchaus lädt sich das Schimmelhirn Gäste in die karg möblierte Bude, bietet im Vollbesitz seiner Verantwortung trockenes Toastbrot und Wasser frisch aus der Leitung an, den preiswerten Schnittsalat vom Vortag inklusive Strunk und Hülle, dazu etwas Essig und kein Salz, und ist verwundert, wie seine Kostgänger sich abwenden von einem, der es doch nur gut mit ihnen gemeint hatte. Den Gedanken der Freigiebigkeit begriffe er erst, wenn er je zuerst gegeben hätte, um irgendwann später mit Zins zu empfangen. Jede Wohltätigkeit aber sieht der Beknackte als reine Verschwendung an, Prasserei aus mangelndem Charakter oder Anstand, den er selbst sich zubilligt, nicht aber anderen. Wer an diesem Tisch gesessen hat, wird es nicht mehr freiwillig tun, denn meist ist nicht einmal die Aussicht auf ein reiches Erbe Grund genug, sich die verschwiemelte Kasperade eines Weltflüchtlings zu geben.

Es mag trösten, dass der Knauser im Wahn, alle anderen zu bestrafen, nur sich selbst züchtigt. Die anderen werden das völlig verseifte Egomanentum des Knickers bestenfalls ignorieren, sein Ableben in Luftnot und Vereinsamung gleichmütig zur Kenntnis nehmen und im Falle einer größeren Hinterlassenschaft das Geld zwar möglicherweise versaufen, aber nicht zu seinem Andenken. Vielleicht war der Raubbau dann doch noch zu etwas gut. Im dialektischen Sinne.

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