Feindesliebe

3 09 2015

„Wie bitte, Sie wollen was!?“ „Küssen.“ „Das ist doch krank! Das ist doch absolut…“ „Haben Sie einen besseren Vorschlag?“ „Nein, aber das ist doch trotzdem total bescheuert!“ „Das weiß man immer erst hinterher. Sie können mich gerne widerlegen, aber dazu müssen wir die Tatsachen abwarten.“ „Und wenn Ihnen einer von denen gefährlich wird?“ „Wollen wir jetzt echt die komplette Ethik ausdiskutieren, die uns hier im zivilisierten Westen zur Verfügung steht?“

„Noch mal ganz langsam: Sie umarmen Nazis.“ „Das sagte ich bereits.“ „Das ist total krank.“ „Das sagten Sie bereits.“ „Und aus welcher Motivation heraus machen Sie diesen Unsinn? Feindesliebe?“ „So weit würde ich gar nicht mal gehen wollen. Aber wir können auch keine Möglichkeit auslassen, um dieser rechtsterroristischen Bedrohung zu begegnen. Man kann ja den Schulen und den Sportvereinen auch nicht alles überlassen.“ „Das leuchtet mir nicht ein.“ „Ich hatte so etwas in der Art erwartet. Wir zeigen den Nazis einfach, wie Integration funktioniert. Vielleicht lassen sie sich davon beeindrucken und revidieren ihre Einstellung zu den Flüchtlingen.“ „Wozu müssen Sie Nazis denn integrieren? Die sind doch schon Deutsche.“ „Dann hat einer von uns beiden das Konzept Integration nicht verstanden, jedenfalls hat es nur wenig mit der Staatsbürgerschaft zu tun als viel mehr mit der Stellung in der Gesellschaft.“ „Und die wollen Sie mit Liebe erzwingen?“ „Sie verstehen wirklich nichts von Integration, richtig?“

„Warum machen Sie das eigentlich?“ „Aus Angst.“ „Aha, und warum verkriechen Sie sich dann nicht und warten auf die Polizei?“ „Weil die zweitens nicht kommt und erstens mit den Nazis gerne mal befreundet ist, und ansonsten brauchen wir einfach keine Behörden, um unsere staatsbürgerlichen Pflichten zu erledigen. Das kriegen wir schon so hin.“ „Und Sie finden es einen guten Weg, dass Sie denen Ihre Angst zeigen?“ „Einer muss ja den ersten Schritt tun. Logischer wäre natürlich, die andere Seite würde anfangen und sich Gedanken machen, was sie dazu bringt, immer von Überfremdung oder Schmarotzern zu reden.“ „Das sind doch reale Ängste.“ „Deshalb verteidigt man sich gegen sie auch mit Gewalt, das klingt sinnvoll. Wenn man nicht weiß, wie stark ein Gegner ist, oder wenn man sich öffentlich als Opfer eines übermächtigen Widersachers darstellen will – immer erst mal angreifen. Eine narrensichere Methode.“

„Sie laufen dabei Gefahr, als Gutmenschen bezeichnet zu werden.“ „Das passiert auch, wenn wir eine Gegendemonstration veranstalteten und mit Mitgabeln auf Nazis losgingen. Genau deshalb wollen wir auch nicht die Haltung ändern, weil wir das gar nicht können oder wollen. Sondern nur das Verhalten.“ „Und das führt zur Verhaltensänderung auf der Gegenseite?“ „Genau das werden wir herausfinden.“

„Nach allem, was Sie hier erzählen, müssten Sie die Nazis eher auf die Therapiecouch legen.“ „Gerne, wenn Sie mir verraten, wie man das gegen ihren Willen bewerkstelligt.“ „Sie wollen Ängste auflösen, und das macht man am besten mit therapeutischen Mitteln.“ „Wir könnten natürlich auch den öffentlichen Alkoholausschank in die Hand nehmen und sie so lange unter Bier setzen, bis sie kampfunfähig sind.“ „Die Angst vor Veränderung nehmen Sie denen aber damit nicht.“ „Aber wir können ihnen zeigen, dass sie mit ihren Ängsten nicht alleine sind. Einem kleinen Kind werden Sie auch nicht sofort beibringen können, dass in Wirklichkeit gar keine Monster unter dem Bett sind, aber Sie können ihm vermitteln, dass es mit seinen Ängsten nicht alleine ist. Im Gegensatz zu den Nazis kapieren es Kinder irgendwann, weil bei ihnen ein Reifeprozess einsetzt, der rationale von den irrationalen Ängsten unterscheiden lässt.“

„Ich glaube nicht, dass sich das machen lässt.“ „Sie bezeichnen sich ja inzwischen auch schon als das, als was sie in der Öffentlichkeit hingestellt werden: als Pack. Höchste Zeit für integrative Maßnahmen.“ „Wenn sie sich als Pack bezeichnen, dann ist doch bereits jeder Hoffnung auf Integration vergebens.“ „Das würde ich nicht sagen. Wir dürfen uns nur nicht mehr so viel Zeit nehmen, über immer neue Lösungswege und Strategien nachzudenken, sondern wir müssen jetzt endlich tätig werden.“ „Indem Sie Faschisten küssen, wo Sie sie treffen.“ „Sonst ändert sich ja nie etwas.“ „Und dieser Überrumpelungstaktik schreiben Sie Erfolg zu?“ „Das werden wir sehen. Seine Feinde zu umarmen ist immer noch eins der probatesten Mittel, um sie kampfunfähig zu machen.“ „Gut, dann wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen… – Was ist das denn, ein Baseballschläger?“ „Man weiß ja nie.“

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