Alle Tassen im Schrank

10 09 2015

Der alte Herr war verzweifelt. Stumm litt er, ganz gefasst und doch innerlich zutiefst berührt. Seine ansonsten feste, knorrige Stimme schien doch hier und da fast zu brechen. „Bismarck“, krächzte er tränenerstickt, „ach, Bismarck – dass dieser Tag doch kommen muss!“ Schwerstens umflort waren seine Worte, wie er den alten Weggefährten zart und behutsam am Köpfchen kraulte, und doch behielt er die Fassung.

Bismarck, den dümmsten Dackel im weiten Umkreis, irritierte dies alles nicht sonderlich. Seiner Lieblingsbeschäftigung, dem guten Horst Breschke trotz der Leine zwischen den Beinen hin und her zu laufen, entsprach die Laune nun nicht eben, und so lag er schläfrig auf der Gartenbank, wo wir saßen. „Sie müssen das mit ihrer Frau gemeinsam verarbeiten“, fügte ich sanft hinzu, doch ließ seine Haltung jäh nach. „Zwanzig Jahre“, presste er mit tränenerstickter Stimme hervor, „das ist schon eine lange Zeit. Man hat sich doch daran gewöhnt und kann einfach gar nicht anders als… – “ Die Gefühle übermannten ihn.

Und es war wohl wirklich nur eine Untertasse, aber die hatte auch genügt. Das rotbraune Service von Breschkes, einst ein Geschenk der reiselustigen Tochter, die für ihre obskuren Handelskontakte noch nicht einmal das Internet hatte entdecken müssen, schmückte seit gut zwanzig Jahren den Frühstückstisch der beiden. Sie tranken ihren ersten Kaffee des Tages aus plumprunden Henkelgefäßen mit umbrafarbenen Streifen. Der Zahn der Zeit hatte an der Substanz mehr als kräftig genagt, und nun war es soweit: mit nachlässigem Schwung hatte Frau Breschke die letzte verbliebene Untertasse vom Küchentresen gestoßen, ein kurzes Klirren, dann war es vorbei. Das Geschirr war dahin. Und nicht dies war der entscheidende Schock gewesen. „Meine Frau wusste es ja schon.“ Und sie hatte bereits im vergangenen Winter aus einer feinen Manufaktur – den Katalog hatte Anne rein zufällig in ihrem Nähzimmer in der Schublade liegen lassen – diese Kaffeetassen bestellt, Milchkännchen, eine allerliebste Zuckerdose mit einem Hund, es war schon interessant. Wenigstens ließen sich die beiden Kartons unauffällig zur Weihnachtszeit anliefern und im Nähzimmer verstauen, das Horst Breschke so gut wie nie betrat.

„Meine Frau hat es nun einfach in den Müll geschmissen“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte, „und ich weiß gar nicht, wie es weitergehen soll.“ „Sie habe doch das hübsche Service, in Altweiß mit… – “ Er zuckte zusammen, und ich hoffte in diesem Augenblick, er sei so sehr zusammengezuckt, dass er mich nicht beim Zusammenzucken gesehen hätte. „Sie hat es gleich in den Küchenschrank geräumt“, murmelte er geistesabwesend, „Frauen sind ja manchmal so kalt und herzlos.“ Ich tupfte mir den Schweiß von er Stirn. Bismarck guckte etwas indigniert in die Luft.

Natürlich hatten Breschkes nach so vielen Jahren vernünftiges Frühstücksgeschirr verdient, aber wer wollte daran rühren. „Diese leichte Eierschalenfarbe passt doch hervorragend zu den Küchengardinen“, begann ich behutsam. Er vergrub die Fäuste tief in den Taschen seiner Gärtnerhose, die er – in Ermangelung eines ordentlichen Frühstücks – heute schon früher angezogen hatte. „Dabei haben wir nur Eier von glücklichen braunen Hühnern, das wissen Sie doch.“ Ich trat einen Schritt zurück. „Aha“, sagte ich, gespreizt und nicht ohne einen deutlichen Anflug von Missbilligung auszudrücken, „und Sie wissen natürlich, dass das nur von der Rasse abhängt?“ Er guckte verwirrt. „So wie die eine Rasse helle Ohrläppchen hat und weiße Eier legt, legt die andere Rasse dunkle Eier, weil sie dunkle Ohrläppchen hat.“ Breschke rang nach Worten. Vielleicht würde Bismarck irgendwann knurren. Aber so weit waren wir noch nicht.

Ich drang in ihn. „Jetzt nehmen Sie Vernunft an, es sind doch nur ein paar Kaffeetassen!“ Doch ihm war nicht beizukommen. „Wenn ich sie wenigstens in den Keller stellen könnte“, antwortete er, „dann könnte ich doch immer noch sagen: sie stehen jetzt im Keller.“ Die Sache wuchs langsam zu einem seinstheoretischen Problem an. Der gesprungene Zuckerdosendeckel und die enthenkelte Tasse in der kleinen Pappschachtel waren den Weg des Irdischen gegangen, aber eine Gedenkmöglichkeit samt Requiem schien mir nun doch übertrieben. „Denken Sie doch auch mal an Ihre Frau“, riet ich. „Wollen Sie denn nur für die beiden Tassen den ehelichen Frieden aufs Spiel setzen?“ „Wozu braucht eine Kaffeetasse überhaupt einen Henkel“, brauste er auf, „ich lasse meinen Kaffee sowieso immer stehen und trinke ihn dann, wenn er schon halb kalt ist!“ Da klirrte es von innen. Totenblass erschien Frau Breschke vor dem Küchenfenster.

Es war der Gartennapf, jenes Glasschälchen, das an sonnigen Tagen für Bismarck auf der Terrasse stand, wenn der Hund sein Schläfchen unter dem Liegestuhl machte. „Aus Traditionsgründen“, sagte ich und entnahm dem Karton das passende Gefäß, „nehmen wir die ohne Henkel.“ Der Hausherr war entzückt. Bismarck lehnte das neue Geschirr nicht ab. „Warten Sie“, rief Herr Breschke, „bleiben Sie nicht noch auf einen Kaffee?“

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