Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCIII): Der Schnösel

11 09 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vieles lässt man dem anderen durchgehen, wenn man sich ihm überlegen fühlen kann. Ob als Tischler in fünfter Generation, Sachbearbeiterin im Amt für Grünanlagen und Sterbeangelegenheiten oder Vorsitzender einer kleinen, schmierigen Partei einer Bananenrepublik mit ein paar Freistaaten im Sortiment, die Kollegen betrachtet man nicht immer mit Nachsicht, aber ein wenig Herablassung ist schon drin. Gerade dann, wenn es Quereinsteiger, Sprungbeförderte oder vor die Nase gepfropfte Theoriedeppen aus der höheren Laufbahn sind – Kybernetiker in einer Spedition, Homöopathen in der geschlossenen Abteilung – beißt sich der verantwortungsbewusste Bedenkenträger in den zwecks dessen angebrachten Hintern und denkt an Vaterland, Exportbilanz und den nagenden Minderwertigkeitskomplex. Er schluckt, was sich nicht zerbeißen lässt, und das war auch schon die Pointe. Was er nicht verkraftet, ist der Schnösel.

Natürlich gab es den Rotzlöffel schon immer. In familiären bis dynastischen Ausprägungen hatte er durchaus Tradition, und es war nicht allein diese, die dem Jungspund die Wege ebnete. Jugendlicher Leichtsinn setzt sich stets durch, hier und da auch durch geschickte Ignoranz der ehernen Gesetze, der gesellschaftlichen und der branchenspezifischen Gepflogenheiten, aber dies ist nur ein leicht bewölktes Gebiet für die Schlechtwetterstimmung oberhalb des bürgerlichen Äquators; man wird den Juniorchef selbst von außerhalb nicht ungerecht beurteilen, nur weil er die Ungnade der späten Geburt mit sich herumschleppt. Wer sich an die Regeln hielt und den Respekt gegenüber den Alten erbrachte, hatte wenigsten schon mal einen Fuß in der Tür, an den man sich Jahrzehnte später würde erinnern können.

Und nicht jedem war diese Erleuchtung sofort gegeben, am wenigsten den höchstens halbgaren Remmidemmideppen aus der Spackeria, die zum Überflugmanöver nicht einmal die Hände aus den Hosentaschen nahmen. Wer sich als arrogantes Role Model anbietet, wird offensichtlich nur dann sanktioniert, wenn er seine Arbeitsbeschreibung hinlänglich durchgelesen hat. Der minderbegabte Hirnplüsch aus der zweiten Reihe kriegt seine Chance – Liquidieren wäre eine Option, aber Einkaufen ist zu teuer – und darf sich in der Firmengeschichte mit Speichelflecken verewigen.

Nicht allein im Œuvre der Epoche, die Männer ohne Eigenschaften gebar, auch in anderen historischen Zusammenhängen war der Typus produktiv. Das eigentliche Kriterium für die Schnöselhaftigkeit ist eben das Jugendliche allein, auf das nicht nur die Außenwelt ihn reduziert, sondern auch der Schnösel selbst – qua negativem Altersvorsprung ist er eben im Besitz der alleinigen Wahrheit, zwar verpickelt, ein Gernegroß und bestenfalls eine Heißdüse, die sich mit dem eigenen Rückstoß nach oben zu befördern wünscht, aber ein unerschütterlicher Egoleptiker, sozial höchstens am Rande des Messbaren einzusortieren, dafür jedoch eine Marke, wie sie auf lange Sicht garantiert im Bewusstsein bleibt. Das geschniegelte Gör ist eine hohle, aber auffällige Verpackung, die über den fehlenden Inhalt mit viel Geräusch hinweglaviert, eine verschwiemelte Dreingabe, die sich als die Hauptattraktion aufführt und ihr bisschen Lärm zur Norm erhebt. Was immer sich dreht, hat sich um ihn zu drehen, bescheidener geht’s nicht. Dass er sich selbst mit Dünkel ohne Stand ad absurdum zu führen anschickt, macht die Angelegenheit nicht besser, nur noch leichter zu durchschauen.

Die Einbildung schließlich ist sein höchstes Gut, zwingend figuriert im biblischen Josef, der sich für ein buntes Mäntelchen mit Schellen als Nabel der Welt vorkommt, ein gelackter Geck, mehr nicht. Zwar wird er ein passabler Verwaltungsbeamter für einen modischen Sonnenkult im Ausland, seine Lebensleistung besteht jedoch größtenteils darin, die eigene Sippe für Jahrhunderte in die Sklaverei deportiert zu haben, damit sich die Machthaber prächtige Pyramiden in die Wüste klotzen konnten. Heutzutage probiert es der Prahler gerne noch ein paar Nummern größer, klatscht aber mit derselben Bravour Parteien und Kaufhauskonzerne an die Wand, um hinterher als beratungsresistenter Ichling die Schuld bei allen anderen zu finden, nur nicht im eigenen Niedrighirnniveau. Wäre es nur die eigene Hand, die auf die heiße Herdplatte fasst und alles an Realität zünftig wegignoriert, geschenkt. Aber da den Schnösel die Folgen seines beknackten Tuns nicht im Ansatz interessieren, vor allem die Folgen nicht, die er nicht selbst auszubaden hätte, so macht er einfach weiter. Bis es knirscht. Sollte es dann schmerzen, möglicherweise wider besseres Wissen, wird es niemanden interessieren. Warum auch.

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