Underground

23 09 2015

Er zog noch einmal an seiner Zigarre, lehnte sich behaglich in seinen Sessel zurück und warf einen abschätzigen Blick auf die Zeitung. „Flüchtlinge“, sagte er spöttisch. „Kaum kommen ein paar Einwanderer, schon heult dieses Land auf. Als sei es der Mittelpunkt der Welt.“ Wer würde ihm schon widersprechen, denn er, er hatte die Welt gesehen, vermutlich mehr davon, als die anderen je sehen würden.

„Eine halbe Million kommen im Jahr, alle wurden von der Wirtschaft begierig aufgesogen. Die Obstplantagen waren auf sie angewiesen, nicht nur für den heimischen Markt. Auch der Export, Pfirsiche und Orangen, wäre ohne sie natürlich längst zusammengebrochen. Eigentlich die ganze Wirtschaft, aber das wollte natürlich niemand zugeben. Ein paar Hardliner, und zwar die, denen wir den Turbokapitalismus und den Verfall der Löhne verdanken, wollten sie schon immer aus dem Land werfen lassen, aber was sollten die kleinen und mittleren Unternehmen ohne ihre Erntearbeiter anfangen?“ Er streifte die Asche von seiner Zigarre und zog die Stirn missmutig in Falten. „Ich muss ja nicht eigens erwähnen, dass die Experten, die stets strengere Kontrollen, höhere Strafen und sowieso ganz spezielle fordern für rote Autos, in denen Ausländer mittwochs theoretisch zu schnell fahren könnten, dass diese Leute von jeder Sachkenntnis ungetrübt sind.“ Sein ganzes Wesen atmete Verachtung.

„Natürlich müssen sie Jagd machen auf ihre Illegalen, aber wozu? Sie buchten ab und zu ein paar Tausende ein, Südamerikaner, die eine Farce von einem Prozess erwartet, eine Verhandlung in einer Sprache, die sie zum Glück für die Machthaber nicht verstehen, und dann werden sie wegen falsch ausgefüllter Papiere verurteilt. Die Papiere haben die Schlepper ausgefüllt, nicht sie, aber das ist der Justiz auch schon egal, schließlich handelt es sich um Ausländer. Sie unterschrieben ein Geständnis, das sie nicht gelesen haben, weil sie meist nicht lesen können oder weil man es ihnen nicht gezeigt hat, und dann sind sie schuldig und kommen in den Knast. Dafür steigen die Preise für Fleisch und Textilien, das Reifenwechseln wird teurer, die Lagerarbeiter verlangen mehr Geld, die ganze Wirtschaft gerät aus den Fugen. Und Sie bekommen in den verschnarchten Nordoststaaten kein Personal mehr. Our liberties we prize and our rights we will maintain.“

Umständlich erhob er sich aus dem Sessel, um den Aschenbecher zurechtzurücken. Langsam wurde es dunkel. Aus dem Garten hörte man die Igel wispern. Es scharrte und schmatzte im Gras. Hier war die Welt noch in Ordnung.

„Sie haben das amerikanische System gründlich pervertiert, denn in diesem Land muss sich keiner melden, es besteht kein Zwang, sich irgendwo auszuweisen – machen Sie das mal einem Deutschen klar, der nicht einmal ein Paket von der Post abholen kann, ohne seinen Personalausweis zu zeigen. Das Land der Freien? das Land der Flüchtlinge. Weder Chinatown noch Little Italy wären ohne die Einwanderer, die Ureinwohner würden in Frieden ihre Bison weiden und es gäbe Platz für jeden. Aber sie wollen ja unbedingt einen Krieg gegen die eigene Zivilisation. Also müssen wir sie mit den eigenen Waffen schlagen. Wir gehen in den Untergrund.“ Seine Lippen verschlossen sich zu einem Schlitz. Eine harte Entschlossenheit trat in seine Miene, als rüstete er sich zu einem Kampf, den er nicht zu verlieren gedächte.

„Inzwischen ist die Politik so weit, dass sie den Unternehmen horrende Strafen aufbrummen, wenn sie durch illegale Einwanderer die Arbeitsplätze im Land halten, die die Politik ja angeblich durch ihre Verbesserungen vor der Abwanderung in die Dritte Welt schützen will. Und wir sollten es auch so machen. Wir verlagern den Aufschwung in den Untergrund. Mit den Arbeitskräften.“

Er zog an der Zigarre. „Es ist verhältnismäßig einfach, sich in den Untergrund zu begeben. Wenn Sie eine verfassungsfeindliche Einstellung haben und nicht gefunden werden wollen, schaffen Sie das sehr bequem, vor allem dann, wenn der Staat ja eigentlich hinter Ihnen her sein müsste. Aber wenn Sie einen Betrieb unterhalten, in dem Sie Schweine zerlegen, klappt das auch wunderbar. Es zwingt Sie nur niemand, Ihre Angestellten wie den letzten Dreck zu behandeln. Entlohnen Sie sie ordentlich, und dann bekommen Sie auch die Leute. Ganz New York funktioniert so. Sie haben eine parallele Ebene eingezogen unter der Wirklichkeit, niemand kommt dort herein, aber es funktioniert, und sie zahlen für einen Knochenjob teilweise doppelt so viel wie den Mindestlohn. Erklären Sie mir, warum das nicht funktionieren sollte, denn wenn es sich nicht rechnen würde, wer sollte es dann seit Jahren und Jahrzenten so praktizieren?“

Die Sonne war fast untergegangen. „Und denken Sie an die Sozialversicherungsbeiträge. Die überwiegende Mehrheit hat in die Sozialkassen eingezahlt und nie etwas für sich beansprucht. Wir würden sie nicht durchfüttern, nur füttern sie uns nicht mehr mit durch. Ein Hinderungsgrund, wie ich zugeben muss.“ Er legte die Zigarre behutsam fort. „Aber wir könnten doch beispielsweise, für den Anfang, ohne Bayern…“

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