Europäische Wertegemeinschaft

24 09 2015

„Das wird noch ein schlimmes Ende nehmen!“ „Jetzt malen Sie doch nicht gleich den Teufel an die Wand, wir haben schon ganz andere Problematiken überstanden.“ „Problematiken – das ist eine echte Krise! eine Katastrophe ist das, eine veritable Katastrophe für die Wirtschaft, die Gesellschaft, den Staat und…“ „Halblang, das ist doch völlig übertrieben. Natürlich gibt es jetzt internationale Verwerfungen, aber irgendwann werden sich die Wogen auch wieder glätten, meinen Sie nicht?“

„Aber auch wenn wir politische Konsequenzen fordern oder vielleicht sogar schon durchsetzen können, das ist doch nicht mit ein paar medialen Botschaften getan!“ „Natürlich nicht, aber auf der anderen Seite: meinen Sie etwa; dass sich die internationalen Börsenspekulanten plötzlich aus Pietät zurückhalten und Deutschland ein bisschen mehr als sonst schonen?“ „Es geht ja längst nicht nur um Deutschland, auch wenn das natürlich im Fokus der Auseinandersetzungen ist, aber es geht doch längst um Europa.“ „Wenn Sie das so sehen, wo ist denn dann der spezifisch deutsche Beitrag in der EU?“ „Die Zuverlässigkeit natürlich! Wenn die Deutschen etwas machen, dann ist das immer durchdacht und hat keine Konsequenzen, die man noch nicht absehen kann.“ „Verstehe. Deutsche Gründlichkeit.“

„Und das trifft uns gerade jetzt, wo wir in der Flüchtlingskrise endlich einmal die Gelegenheit haben, ein freundliches Gesicht zu zeigen.“ „Finden Sie? Turbokapitalismus mit menschlichem Antlitz?“ „Jedenfalls ist die internationale Gemeinschaft der Ansicht, dass wir das sehr gut machen, dass wir ein Vorbild sind. Wenn die Deutschen sagen: wir schaffen das, dann schaffen die Deutschen das auch. Das sagt sogar die Kanzlerin.“ „Aber Sie dürfen im Umkehrschluss nicht die Kanzlerin dafür verantwortlich machen, wenn das mit der marktkonformen Demokratie doch kein Versprecher war. Sie hat diese Sachzwänge ja nicht erfunden.“ „Sachzwänge!? Erst sind es Problematiken, jetzt Sachzwänge, was haben Sie bloß für ein sonniges Gemüt? Wenn Deutschland sich immer mit solchen Eigenmächtigkeiten durchwurschteln will, dann sind wir nicht Europas Lieblinge, sondern weiterhin der Buhmann.“ „Jetzt übertreiben Sie aber wirklich. So eine Kleinigkeit ist doch schnell vergessen, dann geht man zur Tagespolitik über und letztlich auch zur Realpolitik – da gibt es nun mal Verwerfungen, und dann renkt sich alles wieder ein. Die Ergebnisse der letzten Tage…“ „Die Ergebnisse der letzten Tage haben jedenfalls gezeigt, wie es aussieht. Man guckt sich kurz schuldbewusst um, ob man einen Sündenbock für die ganze Misere findet, dann tut man kurz reumütig, und dann macht man die ganze Sache so weiter, wie man sie immer schon gemacht hat. Das nennen Sie Sachzwänge?“ „Sie müssen dabei berücksichtigen, dass man die internationalen Sachzusammenhänge, die etwaigen Verbindlichkeiten und vor allem die vielen wirtschaftlichen Implikationen, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt oder an der Börse, nicht einfach so ignorieren kann. Das geht uns Europäer alle an.“ „Sie schwurbeln sich hier schon wieder was zurecht – die Zeche zahlt der kleine Mann, das ist doch die Kernbotschaft! Die da oben machen sowieso, was sie wollen, warum sollten wir davon profitieren?“

„Ich möchte Sie ja nicht verletzen, aber Sie scheinen immer noch der Ansicht zu sein, Deutschland müsse die europäischen Werte um jeden Preis verteidigen.“ „Aber natürlich, wir leben doch in einer europäischen Wertegemeinschaft, und wenn wir diese Werte nicht gemeinsam verteidigen, in was für einer Welt sollen wir denn dann leben? und in was für einem Land? Meins ist das jedenfalls nicht mehr, und das sage ich nicht, weil die Kanzlerin das auch gesagt hat, denn hier geht es um sehr viel mehr! Das Ansehen Deutschlands steht auf dem Spiel, aber es ist die Politik, die es aufs Spiel setzt, und wir als Bürger werden im Stich gelassen von einer Wirtschaft, die…“ „Ich dachte schon, Sie wollten zum rechtspopulistischen Rundumschlag ausholen und die Flüchtlinge für den Niedergang der Demokratie verantwortlich machen, da bin ich ja noch mal beruhigt.“ „… einer Wirtschaft nämlich, die uns längst degradiert hat zu Subjekten, zu Börsensubjekten, hören Sie? Börsensubjekte, und die auf eine nachhaltige Entwicklung überhaupt keinen Wert mehr legt, sondern nur noch auf ihre neoliberalen Theorien, die dann irgendwann scheitern, weil ein paar geldgierige Arschlöcher nach oben gehievt worden sind in der Absicht, die Industrienationen über ihre Investitionsmacht auch zu unangreifbaren politischen Mächten zu machen, zu einem politisch-finanziellen Komplex, in den es für die demokratische Gesellschaft – und kommen Sie mir jetzt nicht mir Ihren Sachzwängen, ich schlage Sie grün und blau! – in den es kein Eindringe mehr gibt. Die immunisieren sich gegen ihre ständigen Fehlleistungen und geben den ganzen Mist auch noch als Erfolge aus, damit sie ungestört so weitermachen können, und wer hat dann darunter zu leiden? An wem bleibt das alles hängen? Na?“ „Ich verstehe ja Ihren Unmut, und mir ist auch nicht wohl bei der Sache, aber glauben Sie nicht, dass man die Stabilität des Euro…“ „Euro!? wer reden denn hier vom Euro? Mann, es geht doch um Volkswagen!“

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