Luft nach oben

29 09 2015

Es wuhte, nein: es wuhuute. Noch hinter verschlossenen Fenstern hatte man das Gefühl, die Bäume würden vom Lärm über den Zaun gedrückt. Bismarck kauerte winselnd hinter dem Lehnsessel. Herr Breschke war außer sich vor Wut.

„Das macht er mit Absicht“, schrie der Alte und hieb mit der Faust auf den Küchentisch, dass der Löffel aus der Zuckerdose sprang. Schweigend legte ich ihn zurück, die Krümelchen auf der Decke ignorierend. „Er sagt zwar, dass er den Geburtstag für seinen Enkel ausrichtet, aber das macht er immer am Samstag, und das ist immer in einem anderen Monat, und das macht immer Krach!“ Der pensionierte Finanzbeamte rieb sich die Hand und stierte zum Küchenfenster. Zwei Luftschläuche, rot und blau, mit dümmlich aufgepinselten Gesichtern, wie man sie sonst vor drittklassigen Möbel- und Autogeschäften herumstehen sah, um wenigstens über die Peinlichkeit des Anblicks noch ein wenig Augenmerk zu erlangen, zwei dieser Schläuche, jeweils auf elektrisch betriebene Gebläse montiert, hampelten im Herbstwind. Und nicht einmal in die Hauseinfahrt hatte Gabelstein die Dinger gestellt, sie wuhuhuuten knapp hinter der Hecke auf das Grundstück des Nachbarn, laut und lärmend, dabei doch vollkommen überflüssig. „Ich säge diesem Patron die Kabel durch“, keuchte Breschke. „Das lassen Sie mal schön bleiben“, warnte ich ihn. „Die stehen unter Strom, und Sie wollen sich doch für diesen Filou nicht in Gefahr begeben?“ Außerdem war es nicht gesetzlich, und dass Breschke das so gut wie ich wusste, war mir klar. Es hätte ihn nur in diesem Augenblick nicht daran gehindert, eine Kurzschlussreaktion zu vollziehen.

Gabelstein, das war der Nachbar, der darauf wartete, dass die Hausfrau Laken auf die Leine hängte, um dann sein Laub in Windrichtung zu verbrennen; der Nachbar, der seinen nächtlich geschippten Schnee auf Breschkes Gehweg türmte; der Nachbar, der Schnecken in den Salat der Umwohner setzte und sich höhnisch über den Fraß verwunderte. Mancher hatte ihm ein gewaltsames Ableben gewünscht. Andere hätten sich sogar selbst gerne daran beteiligt.

„Das ist eine Ausrede“, brüllte Horst Breschke aus dem Küchenfenster, „das ist doch gar nicht genehmigungsfähig!“ Gabelstein stand im Garten und täuschte ein bisschen Laubharkerei vor. „In meinem Garten kann ich machen, was ich will.“ Der kleine, dickliche Mann mit der roten Glatze triumphierte. „Die Gemeindesatzung sieht vor, dass auch samstags bis zum Abend Gartengeräte mit erhöhtem Lärmpegel eingesetzt werden dürfen, und ich habe mir das schriftlich geben lassen.“ Er rieb mir ein Blatt Papier unter die Nase. „Falls Sie in näherer Zukunft mal Lesen lernen sollten.“

Die Tür fiel krachend ins Schloss; Bismarck schoss heulend unter die Couch. Frau Breschke verschwand mit Leidensmiene im Bügelzimmer. Hier half offensichtlich nicht einmal diplomatisches Geschick.

Wie recht ich hatte, merkten wir Augenblicke später. Ein Automobil mit Hänger war rückwärts in die Einfahrt gerollt. In erstaunlichem Tempo hatte der Fahrer mit Gabelsteins Hilfe eine Hüpfburg ausgefaltet und an einen elektrischen Ventilator abgeschlossen. Schon blähte sich ein quietschgelbes Ding auf dem Rasen, während im Küchenschrank die Tassen in leichtes Tremolo übergingen. Breschke schoss zum Fenster. „Gabelstein“, kreischte er, „machen Sie das aus! Wenn meine Frau Ihretwegen Kopfschmerzen kriegt, mache ich Sie fertig!“ Der miese Patron legte hinterhältig eine Hand hinter die Ohrmuschel, dann schritt er bis knapp vor die Hecke. „Schreien Sie doch nicht so“, keckerte er. „Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!“ Herr Breschke ballte die Faust, doch ich zog ihn in den Flur. „Zwei Anrufe“, bat ich. „Geben Sie mir kurz das Telefon. Da ist noch Luft nach oben.“

Wachtmeister Klawitter war rasch zur Stelle. Durch das Küchenfenster sahen wir eine durchaus hübsche Pantomime, wie der Polizist mit zwei Fingern Gabelstein an den Zaun heranwinkte, wie dieser ungehalten dem Ordnungshüter einen Zettel in die Hand drückte, wild, möglicherweise auch lautstark gestikulierend, wie dies den Beamten nicht beeindruckte, wohl aber, dass der kleine Dicke sich mit dem Finger an die Stirn tippte und Wachtmeister Klawitter ihn über den Zaun hinweg am Kragen packte. Wie heisere Sirenen verebbte das Gebläsegetöse.

„Ich habe gleich den Gehörschutz eingepackt.“ Jonas wickelte die Schnur ab und steckte sie in die Kabeltrommel am Fuß der Kellertreppe. „Wenn Sie ihn nicht mehr brauchen, rufen Sie mich an.“ Grinsend schritt Breschke zur Hecke, ging leicht in die Knie und betätigte den Schalter. Es wuhuute. Wie von der Tarantel gebissen rannte Gabelstein zum Zaun. Er schien irgendetwas zu brüllen, man verstand nur leider nicht, was. In gewaltigen Fontänen pustete Herr Breschke das Laub vor sich her, hier, wo es so reich vom Nachbargrundstück hinübergesegelt kam. Gabelsteins Schädel blinkte wie eine rote Glühbirne. Ich gab ihm das Papier zurück. „Gartengeräte“, röhrte ich. „Nur Gartengeräte, ja? Falls Sie in näherer Zukunft mal Lesen lernen wollten.“

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