Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCVI): Die Esoterisierung der Öffentlichkeit

2 10 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer barfuß im bunten Federkleid auf dem Onkologenkongress erscheint und Blutkrebs durch Anpinkeln zu heilen verspricht, wird üblicherweise von der Gästeliste gestrichen. Ähnlich ergeht es Wünschelrutengängern im Teilchenbeschleuniger und Wirtschaftswissenschaftlern unter Bürgern ohne psychischen Defekt. Vereinzelt gelingt es geistig verwirrten Knalltüten, ihre Fieberfantasien für leichte Unterhaltung zu verkaufen, um im Mäntelchen des Erzbischofs ihre Existenz als gesellschaftlich nicht unbedingt schädlich erscheinen zu lassen. Ansonsten sind wir gewarnt: die Realitätsverweigerung nimmt Anlauf. Wir werden überrollt. Wir haben es wissen können.

Geschenkt das mit der Aufklärung, der Backlash knallt so was von in die Hirnrinde. Vor wenigen Jahren wäre man als Inhaber normaler Bildung nicht aufgefallen, hätte man Horoskope oder Tarot, Hand- und Glaskugelleserei nicht für Totenstarre im Denkapparat gehalten, doch damit ist’s vorbei. Wir haben uns angepasst. Findige Drecksäcke rudern auf dem breiten Strom der Volksverdeppung mit und sind auf den User IQ Underflow bestens vorbereitet: Kurse in Präkognition und Wahrsagerei, Kartenlesen und Kaffeesatzschwenken gelten in den rauchenden Trümmern der Arbeitsmarktstatistik als legitime Fortbildungsangeboten, mit denen die einen Idioten den anderen die Kohle aus den Rippen leiern sollen, um das Bruttoinlandsprodukt am Dampfen zu halten. Wer ehedem Systemadmin oder Nageldesigner wurde, schult nun auf staatlich geprüfter Prophet um und darf sich, moralisch knapp unter Homöopathen und Abdeckern, den Rotz in moralischer Eigenleistung schönreden. Weil das Prinzip der Selbstverantwortung eben auch hier gilt: der Gesundbeter tut nur seins, wer aber nicht gesundgebetet wird, war anscheinend nicht gläubig genug, ein Schwein oder hat es aus irgendeinem Grund halt nicht verdient. Die Mentalität einer Philosophie der Freiheit wird immer da gründlich verstanden, wo sie nichts zu suchen hat.

Das mähliche Einsickern radikalen Unfugs in die allgemeine Öffentlichkeit wird gerne von oben beaufsichtigt, gar von universitärer Warte, wie es in Hogwarts an der Oder den Angriff Steiner verzweifelt vorbereitet. Der Hokuspokus wird zwar recht reell als schwach auf der Brust angesehen, bekommt aber folgerichtig jede Menge Steuergeld in die passenden Öffnungen gepfropft, die sicherste Methode, sich stiekum das Bewusstsein der Masse zu erschwiemeln. Und nicht nur der als Vehikel zur neoliberalen Erfüllungspolitik erfundene Gutschein sichert den Arbeitslosen die Fortbildung zum Astrologen, der offiziöse Betrieb unterstützt das Gequase aus Schamanismus, Sterndeuterei und Erdstrahlen auch noch nach Kräften, denn die Schranzen der Hochschulverwaltung wissen, es gibt genug, die wo daran glauben, da muss man’s doch auch lehren. Mit derselben Suppe im Schädel kann man auch die rechte Rassenideologie zum Axiom stempeln und gesetzlich verankern, solange sie nicht mit skeptizistischem Instrumentarium widerlegt worden ist.

Sekundiert wird der Sott von medialem Feuer für Bachblüten und Ohrkerzen, Ätherleib oder Chakrenlotterie. Die Komplementärmedizin, jene aus allem Poren stinkende Nachgeburt der Heilkunst, feiert ihre krachenden Erfolge bei den humanevolutionären Aussetzern im Management, die den tantrakinesiologischen Nahtodzwergen die astralnationale Akashakacke in die Birne bügeln. Es hilft nichts, aber irgendein Schwallheini wird dabei reich, und damit ist der Zweck erfüllt.

Denn eine Periode dogmatischen Aberglaubens gegen jede Vernunft zieht zwangsläufig parasitären Schwachsinn an, der als Kollateralschaden der kodifizierten Religionen zur freien Ausübung erlaubt wird und nur selten ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Wie Höllenfeuer und blutrünstige Heiligenbildlein im Mittelalter die greinende Masse in Schach hielten, so rümpfen die Kardinäle bei Erdstrahlen und Feng Shui die Nase und wenden sich gelangweilt ab. Demnächst wird der Vatikan dann Reikimessen mit ayurvedischem Abendmahl abhalten, um auf dem Markt der Possen überhaupt noch eine Zielgruppe abzuschleppen; verdünntes Wasser zu verwässern ist auch keine Kunst.

Mit holotroper Schnappatmung wird der letzte Beknackte ins Gras beißen, der bei der Quantenheilung seine freie Energie verbaselt hat. Keiner zwingt einen, diesen Blubberlutsch auch nur ansatzweise zu glauben. Wer’s trotzdem tut – selbst schuld. Und das ist doch schon mal eine gute Nachricht, dass sich die zurechnungsfähigen Bürger ohne Dreck in den Synapsen leicht absetzt von den sabbernden Wichten, die an ihre Märchen selbst glauben müssen.

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