Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCVIII): Leben mit Seitenaufprallschutz

16 10 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt: die institutionalisierte Verdeppung des Bürgertums. Das an sich wäre noch nicht neu, ist doch der geistig ungesegnete Untertan einer der liebsten für Potentaten jeglicher Couleur, doch die krude Mixtur lässt aufhorchen: Totem und Tabu. Wo Neurotiker sich ihre Welt aus Schmierseife schnitzen, sind auch immer genügend Wilde vorhanden, um darauf auszugleiten. Die Ambivalenz der Gefühlsregungen ist nicht von ungefähr ein Königsweg in schizoide Gefilde, wie sie ein Leben im Spätkapitalismus – quasi die Hölle, nur mit externem Wachpersonal – zur Kuschelgruppe im Folterknast werden lässt, letzteres auch gerne umgekehrt. Wir dürfen uns aufs Maul hauen, aber nur mit Seitenaufprallschutz.

Weil wir, Abendland immerhin, wenn auch nicht besonders christlich, den verschwiemelten Mist mit der Vollkaskomentalität ungefragt den Herrschern überlassen. Die politische Klasse plärrt dem Bürger permanent die Ode auf die Eigenverantwortung ins Ohr. Sie kümmern sich einen feuchten Dreck um die Untertanen; diese aber kommen zurecht, und wo nicht, ist es ihr Fehler, und ansonsten hält jeder fein die Schnauze. Wehe aber vor der Parze, die sich als Realität der Ideologie in den Weg stellt: dann zählt wieder der Seitenaufprallschutz als religiöser Ersatz für die ungläubige Gesellschaft.

Die postdemokratische Regierung entwirft ein alternativloses Programm, das nach strikter Anweisung abzulaufen hat, auch wenn das Volk im Weg steht – exakt so, wie neoliberale Dumpfdüsen es an Marx hassen gelernt hatten – und betätigt sich ansonsten als eine Rotte von Schwarzsehern: alle Einwanderer sind schwerstens kriminell, das Interwebnetz ist sowieso nur für Verbrechen und Unmoral zu gebrauchen (wie Buchdruck und Film zuvor), ein bedingungsloses Grundeinkommen sorgt für flächendeckende Faulheit in der Exportnation, am Ende sterben die Deutschen aus und die anderen haben endlich gewonnen. Alle diese hirnlosen Verallgemeinerungen machen das Leben leichter, vorausgesetzt, man ist Realpolitiker und gibt den Eulen da draußen im Land nur dann die Hand, wenn die Kameras mitlaufen. Genau das lehrt die Stammtischrhetorik, dass alle Bimbos Verbrecher sind und alle Nichtdeutschen allein zur Schändung des arischen Weibs übers Mittelmeer paddeln. Und wenn so ein Neger beim Anblick der uringetränkten Volksgenossen auf Heil und Sieg nicht sofort und akzentfrei antwortet, dann hat der besorgte Bürger nur ein Gefühl parat: Todesangst. Was man als Herrenrasse halt so fühlt.

Es ist ja kein Zufall, dass populistische Aluhütchenspieler jegliche Nichtigkeit, die sich schon mit Statistik, Soziologie und einem bisschen Grundschulwissen elegant zerlegen ließe, zur Weltuntergangsfantasie aufbauscht, damit sie hinterher in Dauerschleife rauskauen können, dass sie, sie allein die ganze Welt vor der sicheren Apokalypse gerettet haben. Die Apokalypse ist eben nicht passiert, und wozu mehr Beweise. Das politische Personal malt den Popanz in frischestem Schwarz, und schon kneift der relevante Teil der Wähler den Schwanz ein. Die Sache könnte ja möglicherweise schlecht ausgehen – wenn alles nach Plan verläuft.

Interessanterweise gilt der als hysterisch und demokratiefeindlich, der Triggerwarnungen an den gesellschaftlich relevanten Projekten anbringen will; nichts davon darf ausgesprochen werden, wenn es um Rüstungsverkäufe, Umweltzerstörung oder blinde Zukunftsgläubigkeit geht wie die Folgekosten der Kernkraft. Man muss vor der Vorstellung warnen, dass plötzlich alle Personen im erwerbsfähigen Alter sich eine Beschäftigung suchen könnten, die ihren Bedürfnissen entspräche; wer hirnrissige Bahnhofsbauprojekte mit derselben Nörgelei zu beantworten probierte, kann sich als Staatsfeind in der spitzen Ecke einrichten. Angst ist eine großartige Triebfeder, die eigene Macht auf Kosten des Apparats zu sichern. Es darf nur nicht die eigene Angst sein.

Inzwischen gehen US-amerikanische Bildungseinrichtungen den Weg bis zum bitteren Ende und verbieten offensive Wörter – weil in einer Kultur, die das Wort Vergewaltigung aus dem Sprachgebrauch streicht, bekanntlich niemand mehr vergewaltigt wird. Warum nicht auch in einem Aufwasch Rassismus, Korruption oder Bigotterie haben daran glauben müssen, ist bis dato nicht bekannt. Vermutlich sind sie den westlichen Werten schon auf niedermolekularer Ebene verzahnt und nicht mehr durch Gehirnwäsche wegzuschrubben. Auch dies Verfahren, eine Wirklichkeit nur ad usum Delphini zuzulassen, ist nicht mehr als der untaugliche Versuch, die Gesellschaft als Souverän von ihrer eigenen Wahrnehmung und damit von der Handlungsfähigkeit zu trennen. Ein eingebildeter Seitenaufprallschutz, den wir uns einreden lassen, hat nur den Nachteil der Wirklichkeit. Wer denkt schon daran, was passiert, wenn hier jemand einfach mal das Fenster öffnet.


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