Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCIX): Stammtischpolitiker

23 10 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seit Wochen hatte es in Strömen geregnet. Die Götter schienen ihren Teil der Abmachung vergessen zu haben. Uga sah seine große Stunde gekommen. Mit der Keule fuchtelnd sowie unter großem Geschrei ließ er seinen Unmut an diesem Mainstream aus, der dem Wolkengott und seinem Sohn, dem eingeborenen Donnermacher, mehr huldigte als der Dicken Frau, die im Frühjahr ihren Hüftspeck segensreich über die Täler schüttelte. Die Gesellschaft hatte die Werte ihrer Großväter vergessen, das Wasser vom Hochplateau kam jedes Jahr ein bisschen näher und die Anwohner der westlichen Felswand, die das alles nicht zu kümmern schien, da sie den Wolkentypen zum Stammesgott erkoren hatten, waren offensichtlich schuld. Krieg ging nicht, die anderen waren zwar mehr, aber dafür auch stärker. Die Fresse aufreißen, das ging immer. Und dafür war Uga ja da. Für nichts anderes. Wie ein Stammtischpolitiker.

Kaum war der Alkoholausschank erfunden und halbwegs reglementiert worden, mischten sich die Demagogen auch schon unters Volk. Sie hatten zwar großflächig keine Ahnung, wussten dafür aber immer alles besser. Nachfahren von ihnen haben das Interwebnetz erfunden, in dem man in drei Minuten sechs Sequester Juristik supponiert, obwohl man tags zuvor noch Quantenphysiologe war. Das hockt in der Ecke und quengelt, während die Erwachsenen tätig werden wollen. Und damit ist alles gesagt über die Jammerlappenherde, deren Geweimer sich mühelos der Erdkrümmung anpasst.

Der Stammtischpolitiker ist ein Verlierer im Bildungswettrennen, macht aber nix: er blökt seine halb garen Absonderungen auch nur in Richtung der einfachen Strickmuster, die bei Hauptsätzen mit etwas Glück schmerzfrei bleiben. Er hat wenig zu verkaufen, vielleicht ein paar verschwiemelte Vorurteile, etwas Nationalbesoffenheit und für den ganzen Rest die Angst vor dem Weltuntergang. Wir wissen zwar, dass der Tod unausweichlich ist, aber wir lernen gerne, dass der Marsmensch unsere Töchter nur entführt, damit das Bruttosozialprodukt in Sachsen-Anhalt absinkt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist das Denkgranulat aus der drogendurchfressenen Birne eines Zonks, aber wer selbst unter der Alukapuze groß geworden ist, neigt ja nicht naturgemäß zum Zweifel.

Doch gerade hier sollte möglichst brutal Unaufgeklärtes aus dem Schädel gekloppt werden, bevor sich die Realitätsallergiker mit ihrem meist feucht-völkischen Geseier über die Vollverdübelten erheben. Die Vereinfacher haben eine einigermaßen klare Agenda: sie vereinfachen, bis die Tatsachen sich willfährig ineinander pfropfen lassen. Der schwarze Mann im Nachbardorf ist schuld am Gewitter vom letzten Jahr, das den Preissturz beim Rohöl ausgelöst hat. So einfach ist die Welt mit fünf Halben in der Birne, und wer es komplizierter zu erklären versucht, ist halt ein studierter Esel.

(Sie sind oft selbst studiert, lassen es jedoch selten so heraushängen; der durchschnittliche Schnappatmer ist F-Jurist, weiß seine postpubertäre Karriere allerdings fintenreich zu verschleiern. Man hält ihn nicht zufällig für einen der Dummklumpen, für die er sein Gefolge hält.)

Die Provinzlautsprecher versuchen mit Macht, sich ihrer Geschäftsgrundlage zu entziehen, denn ihr Stündchen schlägt erst in der Not. In allen Anfechtungen, die ein besonnener Geist gelassen an sich abprallen ließe, bläht das seine Backen und plärrt nach einfachsten Strukturen, Führer und Volk, bedingungsloser Gefolgschaft bis knietief in die Scheiße, von der sie genug im Schädel haben. Letztlich sehnen sie sich nur nach der Abschaffung des Rechtsstaates unter dem Deckmäntelchen seiner Hege und Rettung, und von da aus flüchtet sich der Kurzstreckendenker in die Struktur. Gegen die Flut vom vergangenen Jahr helfen nicht Dämme, sondern das Standbild des Wolkengottes zu demolieren, und der Ölpreis steigt wieder, wenn man die Fremden aus dem Tal jagt, die Grenzen schließt und den Arbeitslosen die Schuld am Wetter gibt. Nichts davon hilft, aber darum geht es ihnen auch gar nicht. Sie verkaufen Schlauchboote, weil sie hoffen, dass die Flut kräftig schwillt.

Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu besorgten Bürgerwehren, die postmoderne Inquisition spielen wollen, weil ihnen die Knalltüte trotz Amt und Würden Misstrauen vor dem Staat einprügelt. Aber es geht ihnen auch nicht um Recht und Ordnung, denn dann gäbe es kein Geschrei mehr am Stammtisch, keine Untertanen, die vor lauter Angst vor den Fremden lieber Feuer im eigenen Haus legen, damit sie den anderen auch etwas in die Schuhe schieben können. Sie sind nur Bürgerkriegstreiber, die an der Munition verdienen, und bis sich das herumgesprochen hat, werden sie weiter zündeln und auf die Dummheit der schwadronierenden Stumpfhirne zählen. Eine sichere Bank, durchaus. Man verrät ja seine Sippe nicht.

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