Morgenstund hat Gold im Mund

28 10 2015

Nein, sie ist keine Frohnatur. Tatsächlich wird man den Tag loben, an dem man sie vor der dritten Tasse Kaffee nicht angesprochen, ja: an dem man sie so gar nicht erst zur Kenntnis genommen hatte. Sie wird einem auch dies vorwerfen, irgendwann, wenn sich dazu die Gelegenheit bietet, beispielsweise an einem sonnigen Nachmittag in der Toskana, drei bis fünf Jahre später, nach einem Museumsbesuch, einer Schachpartie oder einem Klavierkonzert. Aber nichts davon ist vergleichbar mit dem Anblick, den Hildegard unmittelbar nach dem Betreten der Küche bietet. Es gibt Dinge, an die man sich einfach nicht gewöhnt.

Und Hildegards Morgengesicht ist eine dieser Herausforderungen. Sie ließ sich wortlos wie immer auf den Stuhl fallen und starrte auf das Fenster zum Garten, während ich eilends Kaffee in die Tasse goss, doch ich war wie so oft ein kleines bisschen zu spät. Sie raunzte irgendetwas, das ich nicht gleich verstand, und ich wagte auch nicht, sie danach zu fragen. „Wir sollten mal in die Arkaden“, säuselte ich leichthin, „Doktor Klengel war von diesem neuen Frühstückskaffee doch sehr angetan.“ Blanker Hass flutete mir entgegen. In diesen Augenblicken war jeglicher Versuch, sie vor Sonnenuntergang aus dem Haus zu locken, ein Angriff auf ihre körperliche Unversehrtheit. Das musste gut geplant sein, weshalb ich nicht nur ihren Wecker ausschaltete, sondern auch todesmutig den Kaffee versteckte und zur Vorsicht mein Testament auf dem Küchenschrank deponierte. Hildegard biss, aber sie biss an.

Die Arkaden, jenes hübsche Karree in der Uhlandstraße Ecke Hölderlinstieg, hatte seit einigen Tagen schon in aller Frühe geöffnet. Hildegard schlurfte neben mit her, die Fäuste ganz tief in die Manteltaschen vergraben, bis wir die Türen der Passage erreicht hatten. Kein Portier weit und breit, die Beleuchtung schummerte noch halbnächtlich vor sich hin, nur das Café auf der mittleren Ebene hatte schon die Tische herausgestellt. Am Tresen lehnte eine verschlafene Frauensperson, die mit mürrischem Blick Käsebrötchen, Streuselschnecken und heiße Getränke feilbot. Die Gefährtin ließ sich auf keine Diskussion ein, sie folgte einfach dem Geruch des Kaffeeautomaten.

Bevor Hildegard auch nur einen Satz hatte zu Ende sprechen können, fiel die Büfettkraft ihr auch schon ins Wort. „Draußen nur Kännchen“, muffelte sie. „Milch und Zucker nehmen Sie selbst.“ Die Brötchen sahen alle aus wie vom vorigen Tag, zumindest die etwas besser erhaltenen; der Rest hatte schon die eine oder andere Wirtschaftskrise mitgemacht. Ruckartig zeigte Hildegard auf die letzte Semmelhälfte mit Weichkäse. „Camembert ist aus“, raunzte die Alte. „Aber das…“ Ich wollte gerade eben einlenken, doch sie machte eine scharfe Bewegung mit der Handkante. „Das wollen Sie nicht essen“, knurrte die Verkäuferin. „Nehmen Sie halt Kochschinken.“ Hildegard hasste Kochschinken, genauer: sie hasste nichts so sehr wie Kochschinken, insbesondere Wurstaufschnitt zum Frühstück. Der Kaffee drohte zu erkalten. Und es gab keinen Käse. Wir befanden uns unversehens im Feindesland.

Mürrisch rührte die Gefährtin in der Kaffeetasse herum, und sie hatte nicht einmal bemerkt, dass die lauwarme Plörre mäßig eingeschenkt war; lediglich anderthalb Tassen ergab das Gefäß, Milch und Zucker befanden sich nur auf jedem zweiten Tisch, wobei man der Milch doch ansah, dass sie noch übernächtigter sein musste als die Tresendame. „Ich werde fürs zweite Frühstück noch ein paar Brötchen mitnehmen“, kündigte ich an, doch da war es auch schon geschehen. Hildegard hatte den Tisch verlassen und war schnurstracks ins Innere der Bäckerei gelaufen. Hütete sie Rachegedanken? Mir schwante Übles.

Sie tippte mit dem Finger auf die Vitrine. Die Verkäuferin schien es nicht zu interessieren, sie griff blindlings in den Korb mit Roggenmischdings und Mehrkornzeugs, holte zwei bis drei Klumpen heraus und stopfte sie in eine knitterige Tüte. Doch nicht mit Hildegard. „Dreikorn“, bellte sie. „Zwei Dreikorn und zwei Dinkelkracher!“ „Sind aus“, murmelte die Verkäuferin, gleichwohl sich (und das erstaunlich frisch, selbst im naturgemäß trockenen Zustand) jede Menge Dinkelkracher vor ihr in der Brötchentheke stapelten. „Nehmen Sie doch Schwarzschrotlinge, die müssen auch weg.“ Fast hätte man Mitleid mit der Bäckereiverkäuferin entwickeln können, wie sie schlaftrunken am Tresen lehnte und eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte. „Dreikorn“, befahl Hildegard. Die Verkäuferin stopfte ein Dutzend Dinkeldinger in die Tüte. Warum nicht gleich so.

Die Morgenluft tat Hildegard gut. Schon schmiedete sie Pläne, was sie mit dem Rest des angebrochenen Tages anfangen würde. „Und morgen“, frohlockte sie, „sollten wir ein bisschen früher aufstehen. Nur ein paar Minuten, weißt Du?“

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