Stallgeruch

30 11 2015

„Ich weiß es doch auch nicht! Wir sitzen hier seit Wochen und kriegen einfach nichts für unsere Weihnachtsfeier angemietet! Das ist doch abnorm! Imageprobleme? Wir sind die zukünftige Regierung im Deutschen… also in der Bundesrepublik! Die wird’s ja dann noch geben. Übergangsweise.

Sie immer mit Ihren klugen Ratschlägen – das haben mir die Führer… also die Parteiführung, die haben das auch schon so gesagt. Erst recherchieren, dann freundlich anfragen, und irgendwann klappt es mit der Reservierung. Aber Pustekuchen! Ich muss nur einmal ‚Alternative‘ sagen, dann hängen die meisten schon ein. Das ist doch eine Beschneidung der politischen Meinungsfreiheit! Wenn wir erst den Reichstag übernommen haben, dann wandern diese Untermenschen alle in die… –

Hallo? Danke für den Rückruf, bei Ihnen war ja besetzt. Also wir bräuchten Ihren Landschaftssaal, drei Tage, plus Verpflegung, kaltes Büfett wäre wirklich sehr gut, und dann fünf Doppelzimmer, Dusche reicht, und wenn Sie haben auch Frühstück. TV ist nicht nötig, wir können Fernsehen nicht ab. Ach so, ja. Also wir sind ein kleines, naja, eher sind wir mittelgroß, Verband würde ich nicht direkt sagen, ja, Interessenvereinigung, das trifft es schon ganz gut, und wir würden Sie bei gutem Erfolg gern öfters in unsere… Hallo?

Man kann ja mittlerweile paranoid werden! Das mit der Rufnummernunterdrückung hat schon nicht funktioniert, da nehmen die meisten sowieso nicht mehr ab, und wenn ich jetzt über unsere offizielle Telefonanlage gehe, dann googlen die alle unsere Durchwahl. Das hat denen doch bestimmt so ein Muselknecht beigebracht! Klar, das streiten die Linkslinken sofort ab, aber das sind die Fakten!

Mit Tricks arbeiten? Machen wir doch schon, die Deutschen sind nur intelligenter als befürchtet. Wenn wir das nicht hinkriegen, ich sage Ihnen, die Parteiführung dreht durch. Die drehen durch! Ich meine, wenn das schon Probleme bereitet, wie sollen wir denn dann die Machtergreifung… –

Hee!? Allahu akbar, scheiß deutsche Kartoffel! Gibst Du mir fünf Zimmer, sonst ich mach Dich Dschihad, scheiß Hure! Und Festsaal mit Tanne für Ungläubige, sonst ich mach Sprengstoffgürtel in Dein scheiß Hotel! Salam alaikum! Allah il Allah!

Das hätte doch klappen müssen!? Ich meine, in der Parteiführung erzählen Sie immer, Du musst hier nur als Islamistiker herkommen und kriegst absolut alles – die Bundesregierung zahlt’s ja – und jetzt hängt die einfach ein? Die müssen das doch längst wissen, das steht doch in jeder Zeitung, die Regierung sagt denen doch, dass Asylanten alles kostenlos kriegen. Oder hat das die Lügenpresse etwa wieder verschwiegen? Sie meinen, das liegt an meinem sächsischen Akzent? Na jetzt hören Sie mir aber mal auf!

Hallo? Ja, hier auch, Gott zum Gruße! Liebe Schwester in Christo, zur Geburt unseres lieben Herrn Jesulein hätten wir gerne Ihren Salon angemietet, nebst der festlichen Schlemmereien aus Küche und Keller. Gerne, gerne – und recht hübsch soll das Bäumchen sein, und Engellein und eine Krippen mit daran, nicht wahr? Und auch bunte Tellerchen mit Pfeffernuss und Mandelkern, das wäre allerliebst, und bitte nur deutschblütiges Dienstpersonal, wir wollen doch den Heiligen Abend nicht mit dahergelaufenen Wüstensöhnen… Hallo? Hallo!?

Ich hab’s Ihnen doch gesagt, das wird nichts. Das mit der bürgerlichen Fassade ist sowieso nur aufgesetztes Theater, und irgendwann kommt es ja doch heraus, also warum machen wir das jetzt noch? Stallgeruch? Ich bin weder Maria noch Josef, wie stellen Sie sich da vor, dass wir mit Stallgeruch eine Weihnachtsfeier organisiert kriegen?

Hallo? A schejn gutn tog, ich gvalt tsu fregn oyb ir hobn zer nitl a sheyne zal? Mir batsoln gut gelt! Hallo? Verdammt noch mal, wer herrscht hier eigentlich über Deutschland, die oder wir!? Das ist doch die Höhe! Nicht mal bei dieser Mischpoke werden wir ernst genommen! Und wir sollen uns immer alles gefallen lassen? Wie weit soll das denn noch gehen? Weihnachten steht vor der Tür, und wir sind ein Volk ohne Raum!

Es ist doch zum Weglaufen! Stellen Sie sich mal vor, wir haben nächstes Jahr auch noch Parteitage zu organisieren! Wie soll das denn gehen? und wie wollen wir das als Partei glaubwürdig hinkriegen?

Privat organisieren? Also ich weiß ja nicht, da kriegen wir doch nicht alle unter. Und Spenden sammeln? Das hilft uns auch nicht weiter. Solange wir hier nirgends ungestört tagen können, ist das doch obsolet. Ich meine natürlich, ungestört feiern. Ach, ist ja auch kein so großer Unterschied. Und Sie meinen wirklich, wir sollten uns vielleicht… haben Sie die Telefonnummer? Ist das ein privater Anschluss? Man muss das ja wissen, ob man sich auf die Leute auch verlassen kann. Und Sie haben schon mal mit ihm gesprochen? Was macht er denn für einen Eindruck? Zuverlässig? Dann würde ich es vielleicht mal probieren.

Hallo? Heil und Sieg! Wir brauchen da mal was für die Sonnenwendfeier, Genosse!“





Ich hab Polizei

29 11 2015

Ein schwerer Fall von Wehrkraftzersetzung: während die verwahrloste Unterschicht auf dem Mainzer Gutenbergplatz unter dem Banner der AfD ihre rassistischen Hetzparolen hochkotzte, sangen Mitglieder des Staatstheaters im Foyer den Schlusschor aus Beethovens IX. Symphonie. Alle Menschen werden Brüder. Die Strafanzeige wegen undemokratischer Störung einer angemeldeten Versammlung kam dann auch prompt vom unteren Rand der Gesellschaft. Die Polizei übernahm es gleich selbst, das Gepöbel dieses Volksverräters Schiller zu unterbinden. So wünscht man sich die Ordnungsmacht. Zu beschäftigt, um sowieso behördenbekannte Straftäter anhand von DNA-Spuren zu identifizieren, aber immer da, wo es braun und warm ist. Man kann ja nie wissen, wer der nächste Dienstherr wird. Alle weiteren Anzeichen, dass individuelle Ignoranz der Leitkultur die Karriere im Sicherheitsapparat nicht behindert, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • robert gernhardt kleines lied: Und Sie haben auch mal woanders gesucht?
  • spiralmaschinen töne: Ab einer gewissen Umdrehungsgeschwindigkeit klingt alles.
  • vulgärpsychologie: Ich beschäftige mich nicht mit Xavier Naidoo.
  • stahlkappenschuhe passiv bewaffnet: Eigentlich machen sie nur bei aktivem Einsatz Spaß.
  • schwarzwurzelsalbe meniskus: Es geht auf Weihnachten zu, nehmen Sie Biospargel.
  • gnadenschuss bundeswehr: Auch das stellt das G36 vor erhebliche Herausforderungen.
  • hildegard und ihre gummischürze: Kochen Sie im Abendkleid Marmelade ein?
  • pflaumenpfingsten: Sie dürfen dann gerne wieder vorbeischauen.
  • schussecht ursprung: Außerhalb der CSU.
  • haare weglasern uckermark: Merkel nutzt dazu den Gegenwind.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCLXX)

28 11 2015

Es feierte Ondřej in Häring
Verlobung, wobei es hoch herging.
Sie tranken und aßen,
wobei sie vergaßen
wie viel, bis der Kopf ihnen schwer hing.

Wenn Porntip sich nachts in Khlong San
erschrak, war es meistens ihr Mann,
des Schweigen betraf sie.
So fand in den Schlaf sie,
wenn er laut zu schnarchen begann

Dass Radek zur Jagd in Ahlkirschen
kein Glück hat, das sieht man beim Pirschen.
Zwar müht er sich tüchtig,
Doch ist das Wild flüchtig.
Die Stiefel, die neuen, sie knirschen.

Wenn Sindhu beim Werken in Hann
sich auf ihre Lehre besann,
fällt es ihr nicht schwerer
als damals dem Lehrer,
weil sie es bis heut besser kann.

Wenn František rannte in Kauf,
dann meist nachts und im Dauerlauf.
Trotz Warnen und Mahnen
nimmt er Autobahnen
zum Laufen. Da hält ihn nichts auf.

Dambudzo, der schälte in Dete
von Hand zwanzig Pfund rote Beete
in seiner Kombüse,
denn jenes Gemüse
verfärbt alle Küchengeräte.

Dass Petr beim Fußball in Pauten
die Mitspieler kräftig verhauten,
das war, weil der Tormann
so gar nichts im Tor kann,
sonst würd’s jetzt nicht Null zu Zehn lauten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXIII): Das Gewurstel

27 11 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da war diese ganz leichte Abbruchkante, die die Sippen beim Schneefegen immer geärgert hatte. Uga, westwärts, fegte bei Bedarf, ließ auch den Matsch nicht liegen, und erfüllte mehr oder weniger seine Aufgabe, den Platz an der Höhle eisfrei zu halten, wenn die Schauer hernieder prasselten. Nur Frtz konnte das nicht verknusen. Er ritzte drei Monde lang Prognosen für die Flockendichte in den ostwärts gelegenen Felsvorsprung, mittelte Nässe samt Niederschlag und hälftelte sie auf die drittelige Bemondung, alles vor Erfindung der Homöopathie wohlgemerkt, und er stellte hernach mit wissenschaftlicher Akribie fest: hier regnete es, da aber auch. Nun hätte sein sicherheitsorientiertes Denken die historische Größe wohl fleißig mit eigener Abluft aufgepumpt, doch nein – wer erfand den Schirm und das Zelt, Vordach, Campingwagen, Haus und Outdoorkleidung in anästhetischer Farbe? Selbstredend der Sanguiniker mit selbstironischer Temperaturkontrolle. Ihm, der den Niederschlag als nicht planbares Ereignis in seine pulsierende Lebenswirklichkeit einbezogen hatte, eröffnete sich augenblicklich die lebensfrohe Spontaneität, das Dasein bei jedem Wetter zu genießen. Frtz aber, und er bleib sich darin treu, begründete die Ideologie des rechten Winkels.

Für das alte Regime, das kurz nach dem Hochmittelalter die Fünfjahrespläne bis zum Kollaps der Sonne in der Schreibtischschublade zu liegen hatte, liefert die Klemmfraktion schon recht viel. Kaum eine Wirtschaftsprognose geht auf mehr als fünfhundert Jahre, das Wetter scheint am Durchschnitt festgenagelt zu sein, die Bevölkerung hat streng logarithmisch zu wachsen. Pille, Euro, Weltkrieg? Für die Besserwisserfraktion nur kleine Übel, um die große Wahrheit ideologisch zu festigen. Vielleicht kam es ihnen nach 1945 auch nur auf die Reproduktionsrate an und die absoluten Zahlen waren ihnen wumpe. Keiner wüsste, wie sich Europa aus der Katastrophe langfristig würde retten können, aber das heißt ja nicht, dass sie es nicht wenigstens probieren würden.

Aber keiner würde es heute wissen, schlimmer: es gibt keinen, dem das nicht gleichgültig wäre. Dass ein multinationaler Gummikonzern heute zehntausend Arbeiter entlässt, obwohl es gestern noch keiner geahnt hätte – geschenkt. Die Pleite einer Bank, die mehrere zehntausend Arbeiter seicht verblümt in die Scheiße reitet – Glück gehabt, die meisten Proleten können eh kein Latein.

Die Kehrseite der neuen Weltordnung heißt Flexibilität, und jeder Depp verlangt sie von seinem Taxifahrer, denn wer nicht auf einen Zweihunderter ohne Trinkgeld passend herausgeben kann, ist eben für die postmoderne Gesellschaft nicht gut genug. Selbst aber wurstelt sich der gemeine Bürger durch die verschwiemelte Funktion der Planbarkeit: Geburt, Examen, Rente, Reihengrab. Wo sich auf einmal die Koordinaten biegen, haben natürlich die Koordinaten schuld. Wer würde auch angesichts der gravierenden geopolitischen Lage eine Änderung vom Staatsbürger verlangen, abgesehen von den Ossis? Wetter und Gravitation, Zinssatz und Geschichte haben sich zu ihrem guten Ende rein an der Befindlichkeit des deutschen Staatsbürgers zu orientieren. Millimetergenau. Deshalb macht’s ja auch keinen Unterschied, ob der wegen der Rentenkürzungen auf die Straße geht oder bei einer drohenden Enteignung durch die Hartz-Reformen das Land für Monate quasi lahmlegt.

Beides nicht passiert, aber der Deutsche wusste ja vorher, wen er zehn Jahre später dafür würde verantwortlich machen können.

Natürlich verzweifelt, wer sein Heimatland unbedingt so haben will, wie es immer schon gewesen sein muss, und dafür die Werte seines Heimatlandes preisgibt; natürlich verzweifelt, wer ein Land vor vorbildlicher Weltoffenheit, schneller Auffassungsgabe und internationaler Anerkennung, technologischer Führerschaft, kultureller Brillanz und sozialer Vorbildfunktion schützen will, damit seine Einwohner aus einer Rotte Dumpfklumpen besteht, die auch in der Wüstensonne eine Woche lang Atemübungen machen, bevor sie bei Rot das ausgetrocknete Flussbett überqueren.

So wurstelt sich der Bürger derzeit durch, aber: er verlangt von seiner Regierung im Großen die hellseherischen Fähigkeiten, die er selbst nicht hat. Und eine Garantie, dass ihre Handlungen seltener schiefgehen als sein eigenmächtiges Getue. Das sinnlose Fischen im Trüben wird gleichsam zum Paradigma geheiligt, nicht wenige Figurinen der Staatslenkerei machen es sich zu eigen, und das ist doch nicht mehr als Gleichgewicht zu halten auf abschüssiger Bahn. Nach schön schauerlichen Geschichten sollen die Nachfahren von Frtz einen Fünfjahresplan aus der Rübe gerattert haben. Sie haben damit zwar keinen Krieg gewonnen – was auch daran gelegen haben mag, dass sie keinen begannen – aber für ein Gewurstel in geordneten Bahnen gesorgt. Nichts und niemand wird sie dabei stören, es sei denn, sie müssten irgendwann für sich selbst sorgen. Und dann gnade ihnen die Geschichte.





Go East

26 11 2015

„Sie sind sich also ganz sicher, dass das die Probleme mit einem Schlag lösen wird?“ „Nicht mit einem Schlag, aber langfristig. Und darauf kommt es doch heute an.“ „Ich kann mich irren, aber Ihre Lösung…“ „… ist vielen vielleicht zu pragmatisch, ich weiß, aber wir müssen endlich mal einen Schlussstrich ziehen. Wir können es uns nicht leisten, Millionen unintegrierbarer Parasiten bis in alle Ewigkeit durchzufüttern.“ „Und Sie wollen nun tatsächlich…“ „Ja. Wir schieben diese verdammten Nazis alle ab.“

„Ich will jetzt nicht altklug erscheinen, aber Sie wollen das ehemalige Beitrittsgebiet wieder von der BRD lösen?“ „Wir sind keine Unmenschen, und irgendwo müssen diese Leute ja auch leben.“ „Das heißt, die DDR wird wieder ein totalitärer Staat?“ „Wenn Sie sich die Bewohner ansehen, die haben zum größten Teil das Ende der letzten Diktatur gar nicht zur Kenntnis genommen, und wenn, dann mit Bedauern.“ „Also die Nazis nach Osten, die Mauer wieder hoch?“ „Definitiv?“ „Was macht Sie so sicher, dass ausgerechnet die Nazis eine neue Mauer bauen?“ „Was macht Sie so sicher, dass ausgerechnet wir im Westen das nicht täten?“

„Gut, es heißt ja schon ‚Antifaschistischer Schutzwall‘.“ „Einmal das, und dann müssen Sie bedenken, dass es der Bauwirtschaft einen großen Boom verschaffen könnte.“ „Das klingt gut, aber Sie werden sicherlich viele Saisonarbeiter einsetzen müssen, die äääh…“ „… Ausländer sind? Die sind natürlich im Westen. Wir verkaufen denen eine ausländerbefreite Zone als neues Deutschland, und dann können sie sehen, wie sie zurechtkommen.“ „Also die sind dann unter sich? Keine Bürger mehr mit Migrationshintergrund?“ „Eben, keiner wird bei der Müllabfuhr arbeiten.“ „Und der Radikalismus?“ „Um den würde ich mir keine Sorgen machen. Auch da, wo die Leute nie einen Ausländer gesehen haben, werden die Dümmsten davor warnen, dass die bald in der Mehrheit sind. Das läuft.“

„Also geht das mit den PEGIDA-Demonstrationen auch so weiter?“ „Sicher, wir können doch einem Staat nicht gleich nach seiner Gründung seinen Gründungsmythos nehmen. Oder seine Leitkultur.“ „Wie definieren Sie die denn?“ „Wir würden die nächtlichen Brandanschläge auf jeden Fall zum kulturellen Weltkulturerbe erklären. Das dürfen die gerne für sich alleine beanspruchen, wir vernichten damit ja kein Volksvermögen.“ „Und Sie meinen, dass…“ „Ja. Auch wenn in ganz Ostland noch nie jemand einen Marsmenschen gesehen hätte, ein Gerücht reicht aus.“

„Aber es sind nicht alle Sachsen automatisch Ausländerfeinde.“ „Stimmt. Die Deutschen werden einfach bei uns integriert, wir haben schon mal eine Wiedervereinigung geschafft.“ „Und das wird eine homogene Gesellschaft?“ „Hoffentlich nicht.“

„Das wird zu einem ökonomisch katastrophalen Ergebnis führen.“ „Hoffentlich!“ „Ach so, Sie meinten den Osten.“ „Da ist es ja nicht so schlimm, die Leute kennen das. Aber das wird sie natürlich nicht von ihrer Neigung zu Verschwörungstheorien abhalten, und schwupps! sind dann die Weisen von Zion wieder schuld, dass es in Gera keine Bananen mehr gibt.“ „Fürchten Sie denn überhaupt keine internationalen Schwierigkeiten?“ „Ach was. Ein traditioneller Blut-und-Boden-Staat wird sich schon irgendwie behaupten. Wahrscheinlich wird Österreich ihn früher oder später diplomatisch anerkennen.“ „Dann stehen die Chancen ja auch gar nicht so schlecht für einen Anschluss, oder?“ „Entschuldigung, aber waren Sie mal in Thüringen? Da schluckt doch jeder Deutschkursleiter am dritten Tag Zyankali. Was wollen Sie da groß integrieren?“

„Und diese Werbekampagne…“ „Go East? Machen wir natürlich. Mit Xavier Naidoo und Björn Höcke.“ „Sie wollen echt, dass die systemkritischen Bürger uns verlassen? Führt das nicht zu einem Ausbluten unseres Staates?“ „Sie meinen: Aderlass.“ „Egal, es werden viele gehen.“ „Umso leichter finden Sie hinterher eine bezahlbare Wohnung im demokratischen Sektor.“ „Und die Stabilität?“ „Unsere?“ „Nein, ich meine… also…“ „Ach so. Da mache ich mir keine großen Sorgen. Früher oder später gucken die sich auch mal Westfernsehen an und beschimpfen dann ihre heimischen Erzeugnisse als Lügenpresse.“

„Und wir selbst?“ „Was ist mit uns?“ „Wie kommen wir denn selbst mit den Nazis zurecht?“ „Bestens. Nicht nur, weil dann ein paar Hardliner sagen können, wir haben keine Schuld mehr an der Geschichte, die Verantwortlichen sitzen jetzt alle wieder hinter der Mauer.“ „Wir haben da ein neues Nationalsymbol, wie ich fürchte.“ „Wir sind der alleinige Betreiber der innerdeutschen Grenze, und als solcher sind wir Natürlich auch der politische Nutznießer der Entwicklung. Allein Seehofer wird ja schon ein Erfolg sein – der reagiert sich ständig an seinem kleinen Stückchen Mauer ab und fordert wieder Belastungsobergrenzen und darf dann völlig hysterisch den einzigen Ostflüchtling pro Monat nach Oberammergau abschieben.“ „Sie meinen, es gibt hier wieder eine richtige Demokratie?“ „Auf jeden Fall. Die Sicherheitspolitiker sind mit dem Grenzstreifen so beschäftigt, dass sie ihren ganzen Überwachungsmist glatt vergessen.“ „Jetzt haben Sie mich überzeugt. Das ist ein Land, in dem ein richtiger Rechtsstaat, eine demokratische und freiheitliche Ordnung die ganze…“ „Moment, so einfach ist das nun auch wieder nicht. Glauben Sie nicht, dass es auch hier eine Fundamentalopposition geben wird?“ „Das ist mir doch wurst – wenn’s denen hier nicht passt, dann sollen sie halt nach drüben!“





Fürsorgediktatur

25 11 2015

„Und jetzt stellen Sie sich nicht so an, wie sollen wir denn sonst die Produktivität der Werktätigen steigern? Aufwieder!“ Frau Grünnsch knallte den Hörer in die Gabel. Der hässlich graugrüne Apparat verführte aber auch dazu. „Wir haben sogar noch die Originalgeräte von damals“, berichtete sie nicht ohne Stolz. „Da saß ich im Rat des Kreises und hatte dieselben Leute wie heute an der Strippe. Und die meisten sind immer noch ein bisschen doof auf einer Backe.“

Das Gebäude in der Dresdner Innenstadt machte einen etwas kühlen, aber ordentlichen Eindruck. „Das merken die Anrufer ja nicht“, beruhigte die ehemalige Dozentin für Marxismus-Leninismus mich, „in ihrer Fantasie wollen sie noch immer den Hausvertrauensmann sprechen. Manche auch noch den Blockwart.“ Es klingelte. „Grünnsch“, schnauzte sie in die Muschel. Man hörte erregtes Kreischen am anderen Ende. Die Telefonistin verzog das Gesicht. „Und als was haben Sie dann gearbeitet, wenn ich fragen darf?“ Das Geschrei schwoll nicht ab, im Gegenteil. „Und was haben dann bitte die Flüchtlinge mit Ihrer Dummheit zu tun, Sie Diversantin? Sie hätten mal lieber als Heldin der Arbeit die Planübererfüllung weiter vorangetrieben, anstatt hier dem faschistischen Klassenfeind das Wort zu reden!“ Sie hielt den Hörer inzwischen weit weg vom Kopf, denn die Anruferin hatte sich zu einem gewaltigen Crescendo gesteigert, der das Trommelfell zu zerfetzen geeignet war. „Sie stellen die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik in Frage! Das wird ein Nachspiel haben!“

Ich hatte ein Fenster geöffnet; kühle Herbstluft zog in das kleine Zimmerchen. „Es handelte sich um eine der vielen enttäuschten Rentnerinnen, nehme ich an?“ Grünnsch nickte. „Sie wollte ihrem Hass auf Ausländer Ausdruck verleihen, weil die ein Dach über dem Kopf bekommen, während sie für insgesamt zehn Jahre Berufstätigkeit in einem Industriekombinat eine so kleine Altersversorgung erhält.“ „Sie wissen die Leute zu nehmen“, bemerkte ich. Die gelernte DDR-Bürgerin nickte wieder. „Wir haben es da mit einem grundlegenden Problem zu tun. Diese Leute hatten es früher immer sehr bequem, alles auf den Klassenfeind zu schieben.“ Ich lächelte, und sofort unterbrach sie sich. „Nein, verstehen Sie das nicht falsch – sie kannten ja gar keinen aus dem Westen, das war nur ein Zerrbild, das die Parteibonzen zurechtgelegt hatten, um ihr eigenes Versagen zu vertuschen.“ „Das geht nicht mehr“, führte ich ihren Gedanken weiter, „weil sie nun selbst zu diesen Kapitalisten gehören.“ „Deshalb brauchen sie jetzt einen neuen Sündenbock“, vollendete Grünnsch. „Und sie nehmen gerne wieder einen, von dem sie so gut wie nichts wissen. Außerdem ist die Alte seit Jahren Rentnerin, sie musste schon von dreihundert Euro leben, als noch keine Flüchtlinge in Sicht waren.“

Das Telefon klingelte unablässig. „Woher haben Sie den ganzen Mist, den Sie da über die Regierung erzählen? Sehen Sie etwa Westfernsehen?“ Eine gefährliche Pause entstand. Wer würde zuerst auflegen? „Diese verfluchte Medieninkompetenz“, stöhnte sie. „Der südafrikanische Einbrecher, wie hieß er noch? egal, dieser Saboteur erzählt überall herum, dass es in Berlin keine Weihnachtsmärkte mehr gibt, weil das die Islamisten so verlangen.“ Ich zögerte einen Augenblick. „Meine Güte“, fluchte sie. „Als ob hier auch nur einen die Berliner Weihnachtsmärkte interessieren würden! Die meisten sind doch nicht einmal getauft und halten das für die jährlich wiederkehrende Auferstehung des Staatsratsvorsitzenden unter der Regie des deutschen Einzelhandelsverbandes! Und dann tun sie auch noch christlich!“ Sie hatte sich wirklich keinen leichten Job ausgesucht. Aber einer muss es ja machen.

Jetzt erklärte sie einem älteren Herrn, der sich offenbar für politisch aufgeklärt hielt, weil er schon seinerzeit die Mondlandung der Amerikaner für ein Täuschungsmanöver gehalten hatte, wie es sich mit dem Aufbau des deutschen Staates verhielt. Auch hier hörte sie nur mit einem halben Ohr zu, der Monolog des Alten bewegte sich seit geraumer Zeit im Kreis. „Ich verstehe es tatsächlich nicht“, sagte Grünnsch mit monotoner Stimme. „Sie sind ihre alte Fürsorgediktatur gewohnt, die alles regelte und bestimmte, und sie waren froh, sich nicht mit Dingen auseinandersetzen zu müssen, die sie ohnehin kaum begriffen hätten. Die jetzige Regierung macht es eigentlich nicht viel besser, aber sie wollen unbedingt, dass sie dazu die Krisen der guten alten Zeit bekommen.“ „Sie wollen wieder eine Fürsorgediktatur?“ Grünnsch schüttelte den Kopf. „Den meisten reicht eine Diktatur.“

Die meisten riefen an, um sich über die Regierung zu beschweren – sie nannten sie zwar Ministerrat, aber man wusste ja, wer gemeint war – und tatsächlich fragte eine Dame nach, ob sie sich zu der montäglichen Demonstration begeben dürfe, da sie befürchtete, einen Eintrag in ihre Kaderakte zu bekommen. Grünnsch beruhigte sie; da die Dame weit über siebzig war, würde sie sich keinen neuen Job mehr suchen müssen. Und dann meldete sich er, der sich fast jeden Tag meldete. „Sie können keine Eingabe machen“, leierte sie herunter, „und die Freie Deutsche Jugend ist sowieso nicht für Sie zuständig. Lassen Sie es, und kommen Sie nicht wieder auf die Idee, hier anzurufen.“ Sie ließ den Hörer kraftlos sinken. „Er will etwas anmelden“, riet ich, „etwa ein Transparent?“ „Nein“, murmelte sie, „aber dicht dran. Er beantragt die behördliche Genehmigung für einen Brandanschlag.“





Saufdruck

24 11 2015

„… fordere das EU-Parlament ein härteres Vorgehen gegen den Alkoholmissbrauch in den Mitgliedsländern. Man müsse notfalls eine…“

„… nicht mit der Bundesregierung zu machen. Da die derzeitige politische Situation ohnedies viel stärker angespannt sei als in den bisherigen…“

„… ein Verbot des Alkoholverkaufs nur das letzte Mittel sein könne. Die durch das Gesetz beschlossene Rationierung aus 10 Milliliter pro…“

„… dass der in seinem geliebten Vaterland ausgerufene Alkoholhass nur eine Anbiederung an den Islamismus sei. Jeder echte männliche Herrenmensch, so Höcke, schätze den Alkohol schon wegen seiner Eigenschaft als brennbares…“

„… sich die Brauereien auf Kleinstflaschen einstellen würden. So sei ein halber Liter allerdings nur mit Pfandkosten in Höhe von…“

„… auch zur deutschen Leitkultur gehöre. Seehofer werde der EU ein Ultimatum bis zum…“

„… die Unterdrückung des Obstbrandes in Deutschland nicht mit der Verfassung vereinbar erscheine. Der Deutsche Juristentag habe das Gutachten mit viel…“

„… von den Bündnisgrünen strikt abgelehnt werde. Da angesichts der geringen Gebindegrößen die Flaschenproduktion Amok laufe, würde der prognostizierte Schadstoffausstoß eine Erwärmung des Klimas um mehr als…“

„… zu ersten wirtschaftlichen Konsequenzen geführt habe. Da sich die Mineralölpreise nicht parallel senkten, habe es zu einer flächendeckenden Schließung von Tankstellen im städtischen…“

„… für den falschen Ansatz halte. Maas könne den Alkohol nicht pauschal als schädlich einstufen, da der ja sonst illegal…“

„… könne man inzwischen auch Pils, Export und Radler in Taschenflaschen kaufen, die innerhalb der gesetzlichen Mengen von…“

„… habe Dobrindt angekündigt, er werde das Projekt zwar nicht verhindern, aber wenigstens eine Alkoholmaut für im Freistaat geborene…“

„… auch die meiste Krankenhäuser für nicht vertretbar hielten. Viele Ärzte seien ohne Alkohol auf Dauer nicht für den Schichtbetrieb zu…“

„… dagegen einen starken Befürworter in Pfeiffer fänden. Der Kriminologe mache den Alkohol verantwortlich als Einstiegsdroge in die Verwendung von Computerspielen, die bekanntlich zu Rückenmarkschwindsucht, Pickeln, Taubheit und Attentaten in terroristischen…“

„… hinter dem Hauptbahnhof eine Kölsch-Szene aktiv sei. Strafrechtlich sei dagegen nicht einzuschreiten, da es sich bei dem Getränk nicht direkt um eine alkoholische…“

„… sämtliche Mitglieder der NPD in eine Heilanstalt eingeliefert worden seien, um den…“

„… nach Aussage interner Beobachter weiter gewährleistet sei. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages seien innerhalb weniger Tage wieder vollständig zurück auf Lakritze, Kokain und…“

„… sich im öffentlichen Ausschank Probleme ergeben hätten, da bei den Kleinstmengen die Schaumkrone oft höher als der…“

„… sichere der Schnaps viele Arbeitsplätze. Man könne nicht alle Fachkräfte in Berufsfeldern wie Investmentbanking oder…“

„… der Zuschaueranteil von RTL auf eine nicht mehr messbare Quote gefallen sei. Es sei ohne eine ausreichende Versorgung mit Alkoholika nicht mehr möglich, Fernsehsender wie diesen zu…“

„… habe die CSU einen Generalstreik verkündet, da sie ohne eine geordnete Bierzufuhr nicht in der Lage sei, für eine landespolitisch…“

„… auf regelmäßigen und ausreichenden Verzehr branntweinhaltiger Getränke angewiesen sei. So könne namentlich im Gerüstbau die übliche Rotation zwischen Berufstätigkeit und Rehabilitation alleine für eine Vollbeschäftigung der vorhandenen Fachkräfte…“

„… sich Seehofer schon seit mehreren Wochen im künstlichen Koma…“

„… könne Gabriel keine Veränderungen innerhalb der Binnenkonjunktur feststellen. Der Wirtschaftsminister habe einen gleichbleibenden Verbrauch von Alkoholika ermittelt, es gebe daher keine Notwendigkeit, die…“

„… eine deutsche Leitkultur gesetzlich festzuschreiben, in der zwei bis maximal fünf Liter Bier pro Tag als Mindestmenge für alle…“

„… sich die SPD geeinigt habe. Nahles wolle daher nur die Bezieher von Transferleistungen gesetzlich mit einem absoluten Alkoholverbot belegen, da diese ohne nicht in der Lage seien, die erwartbaren Steuererhöhungen für Geringverdiener innerhalb des Regelsatzes zu…“

„… seien die Montagsdemonstrationen auf dem Dresdner Theaterplatz ohnehin seit Anbeginn als Bekenntnis sowohl für mehr Alkoholkonsum als auch für die hirnorganischen Spätfolgen des…“

„… dem Alkohol auch eine Vorbildfunktion attestiere. Aus eigener Erfahrung mit der bayerischen Bevölkerung rate Söder zu einer Tagesration von vier Flaschen Wein, um jede aufrührerische Neigung gegen die Regierung bereits im Keim zu…“





Patrona Bavariae

23 11 2015

„Führerschein haben Sie auch einen? Sehr gut. Elektrotechnik und das mit dem Sprengstoff bringt man Ihnen dann noch bei in unseren Kursen. Und wir haben auch einen Praxisanteil, da können Sie dann Bomben üben.

Unsere Fachschule ist ein wenig ab vom Schuss, aber es soll Sie ja auch keiner dort entdecken. Das ist jetzt nicht direkt Erdinger Moos, eher Richtung Garchinger Heide. Also nicht nur aus der Luft erreichbar wie die anderen wichtigen Bauten in der Region. Blockunterricht ist Montag bis Freitag von Achte bis halber Fünfe, wir haben eine dreiviertel Stunde Brotzeit. Zwei Semester sind Orientierung, dann haben wir je ein Semester Ausbildung in den Schwerpunktfächern – Sprengtechnik ist Pflicht, daneben können Sie sich in Geheimdiensttechnik, Folklore, Finanzen und Logistik ausbilden lassen – und dann kommen die Praxissemester mit der Abschlussprüfung. Finanzen sind uns sehr wichtig, denn Sie müssen sich als Freistaatlich Geprüfter Diplom-Terrorist auch selbst tragen. Es gibt zwar ein paar Landeszuschüsse, und dann haben wir auch eine Stiftung im Auge, aber das ist noch nicht ganz durch. Das dauert noch bis zum nächsten CSU-Parteitag.

Wir wollen erreichen, dass der Freistaatlich Geprüfte Diplom-Terrorist neue Qualitätsmaßstäbe setzt. Denn es kann ja nicht angehen, dass die Sozen da mit Merkel dieses Freihandelsabkommen einführen, und dann müssen wir uns auch beim Terrorismus an ausländische Standards halten. Wo kommen wir denn da hin! Nein, wir als Bayern sind nur unserer eigenen Freistaatlichen Grundordnung verpflichtet, und das deklinieren wir durch alles durch, bis zum letzten Schuss!

Die religiöse Fundamentalisierung wird bei uns ebenfalls sehr groß geschrieben. Das bedeutet jetzt natürlich nicht nur, dass Sie unbedingt katholisch sein müssen. Für Franken beispielsweise besteht auch die Möglichkeit, sich mit einem Attest als Protestant an unserer Schule einzuschreiben. Wir sind da sehr viel toleranter als die Mitbewerber. Aber ein klares Bekenntnis zu Bayern, und das kann man schon als eine quasireligiöse Einstellung werten, das muss einfach sein. Sie können auch nicht Brauer werden und dann den Alkohol aus Prinzip ablehnen.

À propos Schuss, Sie werden bei uns nur auf bayerischen Qualitätswaffen ausgebildet, oder doch wenigstens auf solchen, die wir bei Herstellern aus befreundeten Bundesländern beziehen. Da kriegen Sie nicht plötzlich so eine Kurdenknarre, wir halten auf uns und rüsten den terroristischen Nachwuchs mit erstklassigen Geräten aus. Stellen Sie sich das mal vor, Entführung einer Bundeskanzlerin, ich nenne aus Geheimhaltungsgründen schon gar keine Namen, und dann haben Sie nur ein G36 dabei. Das wäre doch peinlich!

Und wir haben auch eine völlig neue Art von Munition entwickelt. Da wird weniger gesprengt, da arbeiten wir mit Geschossen, verstehen Sie, das hat die Welt noch nicht gesehen! Für leichte Einsätze und schon im fortgeschrittenen Training empfehlen wir unser Spitzenmodell Patrona Bavariae. Der Ministerpräsident setzt sich gerade dafür ein, das Objekt an der Südgrenze einem ausgiebigen Praxistest zu unterziehen.

Nein, Folklore ist nur ein Wahlfach, allerdings muss ich darauf hinweisen, dass Sie mit einer guten Note im Abschlussexamen auch Schwächen in der Spreng- oder Nachrichtentechnik ausgleichen können. Wenn Sie jetzt zum Beispiel eine gute bis sehr gute Tarnung als Bayer zeigen – Krachlederne, Seppelhut mit Gamsbart, Wadlstrümpfe und vor allem einen ordnungsgemäß toupierten Backenbart – dann stärkt es freilich unser Image als Terroristen ganz enorm, und eben das brauchen wir. So eine Kofferbombe auf dem Bahnsteig abstellen, das kann jeder. Aber mit dem richtigen Schneid vors Brandenburger Tor, aus voller Kehle ‚Gott mir Dir, Du Land der Bayern!‘ schreien und dann eine Nagelbombe zünden, Jessas! das müssen die uns erstmal nachmachen, diese Saupreußen!

Sie können ja auch erstmal am Schnuppertag teilnehmen, da treffen wir uns alle auf der Wiesn, und dann böllern wir hat ein wenig umher. Das ist so eine Tradition, das sollten wir auch nicht so sehr in Frage stellen. Sicher fällt Ihnen hinterher die Entscheidung für uns auch leichter, wenn Sie die Faszination an unserer Befreiungsarbeit kennengelernt haben.

Die ersten Trainingseinheiten absolvieren sie mit einem normalen halb automatischen Gewehr, als Bestückung reichen wir das Vorgängermodell Söder. Hat nicht ganz soviel gekostet wie die Parallelentwicklung Dobrindt – eher eine Art technische Spielerei, wir wollten wissen, ob man die Trefferquote noch herabsetzen kann – ist aber als klassisches Hohlmantelgeschoss wirklich herausragend. Die Wirkung ist verheerend, das können Sie mir glauben.

Ja, man kann die auch koppeln, allerdings braucht es dazu eine doppelläufige Flinte. Wir benutzen sie dann als Dumm-Dumm-Geschoss.

Also Sie haben sich entschieden? Sehr gut, dann bitte einmal hier unterschreiben und da und hier. Ach, eine Frage hätte ich noch – wen sollen wir denn verständigen, ich meine… im Falle eines Falles…“





Feinste Rezepturen

22 11 2015

für Kurt Tucholsky

Herr Plitschlich, seines Zeichens Koch,
rührt eifrig in der Suppe.
Was drin ist, sollt er wissen, doch
es ist ihm reichlich schnuppe.
Der Küchenjunge speit schnell aus,
die Kaltmamsell läuft fluchend raus,
doch Plitschlich ficht das gar nicht an.
Wenn’s einer kann, dann dieser Mann.
  „Ihr sollt mich nie befragen,
    was sich da drin verbirgt –
      glaubt Ihr etwa im Ernst,
        ich würd’s Euch
          sagen?“

Frau Schnurr frisiert die halbe Welt,
sie wellt und schneidet trocken.
Wer etwas auf sein Köpfchen hält,
dem dreht sie feine Locken.
Doch manchen juckt die Lauge sehr,
die Schwarte brennt, das Auge mehr.
Das ist der Dame höchst egal,
sie nimmt die Plempe allemal.
  „Ihr sollt mich nie befragen,
    was sich da drin verbirgt –
      glaubt Ihr etwa im Ernst,
        ich würd’s Euch
          sagen?“

Herr de Maizière, ein blasses Licht
im Abglanz der Regierung,
weiß alles lückenlos meist nicht,
dafür fehlt ihm die Führung.
Wie gut, dass er für alle denkt,
dass alle ohne ihn beschränkt
und dumm und schrecklich vorlaut sind.
Man hört doch gerne auf ein Kind.
  „Ihr sollt mich nie befragen,
    was sich da drin verbirgt –
      glaubt Ihr etwa im Ernst,
        ich würd’s Euch
          sagen?“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCLXIX)

21 11 2015

Der Alpbichler meinte in Pill,
der Gast wisse nie, was man will.
Man gab zum Versuchen
ihm Wurst, Fisch und Kuchen –
heureka! er aß und war still.

Wenn Filip sich oft in Butschatsch
beschwerte, dass er tief im Matsch
den Ringkampf erlebte,
dem gleichzeitig klebte
der Jubel an wie sein Geklatsch.

Es jammerte Edmund in Kössen,
wenn alle die Jäger nun schössen,
die Jäger mit Büchsen
von Hasen und Füchsen,
dass sie alle Tiere verdrössen.

Imran aus Dera Ghazi Khan,
der lebt in dem schrecklichen Wahn,
man würde gewisslich
ihm stehlen gebisslich
gemächlich alsbald Zahn um Zahn.

Es klopfte Hans’ Herz, als in Feuersang
die Mette so tönte, wie’s heuer klang.
„Die beiden Sopräne,
von beiden ist jene
so gut, dass beileibe ich Feuer fang.“

Da Lieuwe sich quälte in Diemen
mit wunden und blutigen Striemen,
so fragte man künftig,
ob er auch vernünftig
den Einkauf trug auf breiten Riemen.

Der Schorschl, der speiste in Felben
gern Rüben, vor allem die gelben.
Doch äfft ihn geschmacklich
sein Urteil, das was wacklig.
Mit roten schmeckt’s wie mit denselben.