Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXI): Der Bürger als Staat

6 11 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Grundgedanke des Demokratieprinzips ist schwer zu verstehen. Er ist leicht zu verstehen, wenn man die Tatsache akzeptiert, dass sich die amorphe Masse in ihrer Spannweite zwischen Homo sapiens sapiens und Genomzonk mit Wahlen artikulieren darf sowie in der Gewissheit, dass die Organe des also entstehenden Staates im Namen des Volkes ihre Macht und ihr Recht ausüben. Er ist schwer zu verstehen, wenn man die Grützbirnen begutachtet hat, die sich für das Volk halten und in guter nationaler Tradition durch gefühlte Mehrheit Rechte beansprucht. Mehr ist daran auch nicht zu kapieren als den kläglichen Versuch der plärrenden Masse, sich als Staat aufzuspielen.

Kein Fackelzug, kein von sächsischem Schnaps gefluteter Sprechchor überspielt das peinliche Gehampel einer Rotte von Versagern, die jeden Montag um eine Hirnspende Schlange steht. Was hier seine Mixtur aus lächerlicher Larmoyanz und Aufmerksamkeitsdefizit zu Markte trägt, ist nach eigenen Begriffen Retter einer abendländischen Kultur, kündigt per procura Durchsetzung angeblich rechtsstaatlich legitimierter Interessen an und gibt sich insgesamt für nicht weniger aus als der Staat selbst, dessen Vorteil er zu mehren meint. Zugleich weimern die Behämmerten, dass sie angeblich vom Staate verlassen seien, und schwiemeln sich ein Konstrukt zusammen aus Staatsnotwehr, jüdischer Weltverschwörung und BRD GmbH. Alles das sondert der Bewohner ab im Bewusstsein, dass er irgendwie verantwortlich sei, wofür auch immer.

Natürlich sind Koordinationstrottel wie diese nicht zu doof für ein Kreuz auf einem Stück Papier, sie gehen nur gleich den direkten Weg rechts vorbei an der Verfassung. Der besorgte Wutnickel nimmt sein postuliertes Widerstandsrecht in die eigene Hand und gründet eigene Organe, Bürgerwehr und Privatpolizei, um direkt umzusetzen, was ihm die Protagonisten des Staatstheaters vorturnen. Was da als christlich durchgeht oder gerade noch eben als deutsch, ist nicht viel mehr als das Abziehbild einer Primatenfantasie, wie sie aus den Biernebeln des Brüllmülls hochkommt.

Der verhetzte Untertan – es handelt sich nur dem Namen nach um einen Bürger, wenn er den anderen Bürger- und Menschenrechte beschneidet, die er für sich selbst reklamiert – spielt Obrigkeit, aber eine Obrigkeit, die absolutistisch herrscht und das Zerrbild repliziert, das sie dem Staat zu sein unterstellt. Nazis werfen dem Staat, der sie qua Verfassung zu bekämpfen hat, ernsthaft vor, Nazis zu sein. Selbst ernannte Patrioten laufen Reklame für eine völlig verseifte Version von Staat, die sie im Vollsuff nicht besser hätten hinbekommen können: L’Éclat c’est moi.

Nach Abzug der üblichen gruppendynamischen Prozesse – die meisten Mitglieder der bildungsfern-verrohten Schichten hätten gar nichts gegen eine vollfinanzierte spätrömische Dekadenz – ist auch dies nichts anderes als der Hass erfolgreicher Billiglöhner gegen angeblich faule Arbeitslose, denen das Proletariat der Werktätigen eigentlich nur neidet, dass sie nicht viel weniger zum Leben haben, dafür aber morgens ausschlafen können. Sie haben sich aus Vaterlandsliebe mit Hakenkreuzen, Brandsätzen und Sprengstoff eingedeckt, sie zünden ein paar Menschen an, aber naturgemäß nur aus hehren Motiven: sie sind der Souverän.

Wer da für den Hausgebrauch Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion anpöbelt, bedroht oder körperlich angreift, zeigt, welches Bild vom Staat er tatsächlich hat. Und so, wie die verdumpften Flusenlutscher jede ihrer heimlichen Wunschvorstellungen, in denen sie blonde Frauen im Tierheim abschlachten und Schafe schänden, auf die verhassten Minderheiten projizieren, fühlen sie sich dem Objekt ihrer Abneigung viel näher verwandt als dem Ordnungsgebilde, das sie zu sein vorgeben. Derselbe Typus von autoritärer Persönlichkeit, die jedem faschistoiden Schreihals in den Enddarm kriecht, sprengt sich unter anderen Umständen auch für islamistische Religioten in die Luft. Diese Staatsschauspieler haben nicht weniger als eine tief empfundene Feindseligkeit gegenüber denen, die einen totalitären Staat ablehnen und mit Darmleuchtern wie ihnen nichts zu tun haben wollen.

Aber, liebe Opfer, wenn wir schon auf der Zielgeraden zur Lynchjustiz sind, warum drehen wir den Spieß nicht mal um? Wenn Ihr sowieso schon der Welt mit dekorativem Leiden die Ohren vollheult, warum tun wir nicht einmal das, was Ihr Euch so sehnlich wünscht, und greifen mit der eisernen Hand des Gesetzes durch? Weil Ihr fürchtet, es könnte das Gesetz des Stärkeren sein. Und sich an den eigenen Maßstäben messen lassen, das passt ja wirklich nicht zu Euch.

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