Fremdenverkehr

16 11 2015

„Und fast jeden Tag brennt hier eine Ausländerunterkunft. Naja, eigentlich jeden Tag. Mindestens eine. Die Chancen stehen also sehr gut, dass Ihre Unterkunft unter denen ist, die während Ihres Aufenthalts angezündet wird. Klar, das macht eine Menge Aufwand, aber so sind sie halt, die Deutschen. Da wird Perfektionismus noch groß geschrieben.

Sie müssen jetzt auch beachten, dass wir Sie mit ganz neuen Mitteln integrieren. Sie sind Ausländer, das heißt: ein schlechter Ausländer. Also kein Däne oder Franzose oder Amerikaner. Gut, bei den Amerikanern ist das wie mit den Türken, wir fahren da gerne hin und haben auch nichts gegen die, aber irgendwie sind sie uns suspekt. Noch nicht so schlimm wie Albaner, auch wenn die Bevölkerung Albanien nicht mal auf einer rot beschrifteten Landkarte finden würde, aber eben Ausländer. Wir haben Mitleid mit Ihnen. Zumindest rational. Und ansonsten finden wir Sie halt scheiße, weil sie ein Fremdkörper sind, der bei uns nichts zu suchen hat. Wir hassen Sie wie Arbeitslose und sind fest davon überzeugt, dass Sie eigentlich nur Geld wollen.

Das ist bei den Arbeitslosen hier ganz normal, dass der Staat ihnen grundsätzlich misstraut und bei jeder Kleinigkeit Betrug unterstellt. Die Deutschen sind da halt gerne korrekt, wir hätten ja sonst kein Geld mehr für Diätenerhöhungen oder zur Bankenrettung – da wird auch die Unterschicht dann in die politischen Entscheidungen mit einbezogen. Sie sehen, Sie werden sich sehr schnell in Deutschland an einem eigenen Platz finden, in einer eigenen Rolle, der Sie dann nur noch gerecht werden müssen.

Nein, Sie haben das falsch verstanden. Die Arbeitslosen werden nicht dafür ausgegrenzt, weil sie anderen die Jobs wegnehmen wollen. Obwohl, im Wahlkampf würde auch das ziehen. Ich notiere mir das mal für den Notfall.

Wie gesagt, Sie als unerwünschter Ausländer werden eine Menge unangenehmer Erfahrungen machen. Das sieht Ihre Rolle hier in Deutschland so vor. Wenn Sie beispielweise mal von einem der vielen besorgten Bürger auf der Straße angegriffen und zusammengeschlagen werden, dann stellen die Deutschen sofort die wesentlichen Fragen. Wer kommt für den Schaden auf? Warum bezahlen das die Ausländer nicht selbst? Wollen die hier etwa wieder nur unsere Krankenkassen schröpfen oder den Justizapparat lahmlegen? Da sehen Sie, die Deutschen haben noch einen Charakterzug. Sie schauen immer auf die Verantwortung. Und darauf, dass sie sie möglichst nicht selbst übernehmen müssen.

Damit sind Sie zugleich grundlegend in unser Sozialsystem integriert, denn das fußt ja auch auf Eigenverantwortung. Wenn man Sie auf der Straße zusammenschlägt, dann müssen Sie sich als zu integrierender unerwünschter Ausländer fragen lassen, oder am besten fragen Sie sich gleich selbst: hätte ich nicht eigentlich da bleiben müssen, wo ich hergekommen war, weil ich dann nicht in Deutschland zusammengeschlagen worden wäre? Und schon gewinnen Sie einen Einblick in die durchaus vernünftig und stringent aufgebauten Zusammenhänge dieser Gesellschaft, die Sie ja nicht aus ausländerfeindlichen Motiven für unerwünscht erklärt, sondern nur zu Ihrem eigenen Schutz. Sie sehen also, wir kommen Ihnen bei der Integration in unsere Gesellschaft schon ein ganzes Stück entgegen.

Nur dies Vorurteil mit der Servicewüste, das stimmt so natürlich nicht. Die Deutschen sind sehr darum bemüht, dass Ihr Einstieg in unser Land so rasch und reibungslos wie möglich funktioniert. Als unerwünschter Ausländer bringen Sie einige Ihrer unangenehmsten kulturellen Schattenseiten mit, zum Beispiel Schafe aus einer der vielen mitten in der Berliner Innenstadt weidenden Herden zu schlachten, blonde Frauen erst zu heiraten und dann zu vergewaltigen – Sie kennen das. Für Sie als Ausländer, der noch nicht so recht weiß, wie man sich in der neuen Heimat danebenbenimmt, ist das vermutlich eine unerwartete Stresssituation. Und den deutschen Gastgebern alles nachmachen, ihre Häuser anzünden oder Steuern hinterziehen, das ist schon wieder die Frage, ob man sich da nicht aus falsch verstandener Höflichkeit anbiedert. Also helfen die Deutschen Ihnen ganz selbstlos. Sie brauchen gar keine Supermärkte mit deutschen Kriegswaffen auszuplündern – dafür liefern wir die auch nicht nach Arabien, damit Sie die alle wieder mitbringen, nicht wahr – wir machen das für Sie. Das Gerücht reicht. Sie konzentrieren sich ganz auf das Rollenbild als unerwünschter Ausländer, den praktischen Teil der Öffentlichkeitsarbeit erledigen unsere Profis aus Rechtspopulismus und rechter Presse.

Deutschland muss neue Wege gehen. Seitdem der Fremdenverkehr bei uns zu schwächeln droht unter der Binnenkonjunktur, sind für froh über jede neue Anregung von internationalen Investoren. Und da sind wir sehr glücklich, dass es Menschen wie Sie gibt. Unerwünschte Ausländer, so weit das Auge reicht. Wir lernen durch Sie eine ganz neue Art von nachhaltiger Wirtschaft, denn so schnell wird der Strom an Ihren Landsleuten doch wohl hoffentlich nicht versiegen. Und so ist ja uns beiden gedient.

Wenn ich dann um Ihre Fingerabdrücke bitten dürfte?“

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