Fürsorgediktatur

25 11 2015

„Und jetzt stellen Sie sich nicht so an, wie sollen wir denn sonst die Produktivität der Werktätigen steigern? Aufwieder!“ Frau Grünnsch knallte den Hörer in die Gabel. Der hässlich graugrüne Apparat verführte aber auch dazu. „Wir haben sogar noch die Originalgeräte von damals“, berichtete sie nicht ohne Stolz. „Da saß ich im Rat des Kreises und hatte dieselben Leute wie heute an der Strippe. Und die meisten sind immer noch ein bisschen doof auf einer Backe.“

Das Gebäude in der Dresdner Innenstadt machte einen etwas kühlen, aber ordentlichen Eindruck. „Das merken die Anrufer ja nicht“, beruhigte die ehemalige Dozentin für Marxismus-Leninismus mich, „in ihrer Fantasie wollen sie noch immer den Hausvertrauensmann sprechen. Manche auch noch den Blockwart.“ Es klingelte. „Grünnsch“, schnauzte sie in die Muschel. Man hörte erregtes Kreischen am anderen Ende. Die Telefonistin verzog das Gesicht. „Und als was haben Sie dann gearbeitet, wenn ich fragen darf?“ Das Geschrei schwoll nicht ab, im Gegenteil. „Und was haben dann bitte die Flüchtlinge mit Ihrer Dummheit zu tun, Sie Diversantin? Sie hätten mal lieber als Heldin der Arbeit die Planübererfüllung weiter vorangetrieben, anstatt hier dem faschistischen Klassenfeind das Wort zu reden!“ Sie hielt den Hörer inzwischen weit weg vom Kopf, denn die Anruferin hatte sich zu einem gewaltigen Crescendo gesteigert, der das Trommelfell zu zerfetzen geeignet war. „Sie stellen die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik in Frage! Das wird ein Nachspiel haben!“

Ich hatte ein Fenster geöffnet; kühle Herbstluft zog in das kleine Zimmerchen. „Es handelte sich um eine der vielen enttäuschten Rentnerinnen, nehme ich an?“ Grünnsch nickte. „Sie wollte ihrem Hass auf Ausländer Ausdruck verleihen, weil die ein Dach über dem Kopf bekommen, während sie für insgesamt zehn Jahre Berufstätigkeit in einem Industriekombinat eine so kleine Altersversorgung erhält.“ „Sie wissen die Leute zu nehmen“, bemerkte ich. Die gelernte DDR-Bürgerin nickte wieder. „Wir haben es da mit einem grundlegenden Problem zu tun. Diese Leute hatten es früher immer sehr bequem, alles auf den Klassenfeind zu schieben.“ Ich lächelte, und sofort unterbrach sie sich. „Nein, verstehen Sie das nicht falsch – sie kannten ja gar keinen aus dem Westen, das war nur ein Zerrbild, das die Parteibonzen zurechtgelegt hatten, um ihr eigenes Versagen zu vertuschen.“ „Das geht nicht mehr“, führte ich ihren Gedanken weiter, „weil sie nun selbst zu diesen Kapitalisten gehören.“ „Deshalb brauchen sie jetzt einen neuen Sündenbock“, vollendete Grünnsch. „Und sie nehmen gerne wieder einen, von dem sie so gut wie nichts wissen. Außerdem ist die Alte seit Jahren Rentnerin, sie musste schon von dreihundert Euro leben, als noch keine Flüchtlinge in Sicht waren.“

Das Telefon klingelte unablässig. „Woher haben Sie den ganzen Mist, den Sie da über die Regierung erzählen? Sehen Sie etwa Westfernsehen?“ Eine gefährliche Pause entstand. Wer würde zuerst auflegen? „Diese verfluchte Medieninkompetenz“, stöhnte sie. „Der südafrikanische Einbrecher, wie hieß er noch? egal, dieser Saboteur erzählt überall herum, dass es in Berlin keine Weihnachtsmärkte mehr gibt, weil das die Islamisten so verlangen.“ Ich zögerte einen Augenblick. „Meine Güte“, fluchte sie. „Als ob hier auch nur einen die Berliner Weihnachtsmärkte interessieren würden! Die meisten sind doch nicht einmal getauft und halten das für die jährlich wiederkehrende Auferstehung des Staatsratsvorsitzenden unter der Regie des deutschen Einzelhandelsverbandes! Und dann tun sie auch noch christlich!“ Sie hatte sich wirklich keinen leichten Job ausgesucht. Aber einer muss es ja machen.

Jetzt erklärte sie einem älteren Herrn, der sich offenbar für politisch aufgeklärt hielt, weil er schon seinerzeit die Mondlandung der Amerikaner für ein Täuschungsmanöver gehalten hatte, wie es sich mit dem Aufbau des deutschen Staates verhielt. Auch hier hörte sie nur mit einem halben Ohr zu, der Monolog des Alten bewegte sich seit geraumer Zeit im Kreis. „Ich verstehe es tatsächlich nicht“, sagte Grünnsch mit monotoner Stimme. „Sie sind ihre alte Fürsorgediktatur gewohnt, die alles regelte und bestimmte, und sie waren froh, sich nicht mit Dingen auseinandersetzen zu müssen, die sie ohnehin kaum begriffen hätten. Die jetzige Regierung macht es eigentlich nicht viel besser, aber sie wollen unbedingt, dass sie dazu die Krisen der guten alten Zeit bekommen.“ „Sie wollen wieder eine Fürsorgediktatur?“ Grünnsch schüttelte den Kopf. „Den meisten reicht eine Diktatur.“

Die meisten riefen an, um sich über die Regierung zu beschweren – sie nannten sie zwar Ministerrat, aber man wusste ja, wer gemeint war – und tatsächlich fragte eine Dame nach, ob sie sich zu der montäglichen Demonstration begeben dürfe, da sie befürchtete, einen Eintrag in ihre Kaderakte zu bekommen. Grünnsch beruhigte sie; da die Dame weit über siebzig war, würde sie sich keinen neuen Job mehr suchen müssen. Und dann meldete sich er, der sich fast jeden Tag meldete. „Sie können keine Eingabe machen“, leierte sie herunter, „und die Freie Deutsche Jugend ist sowieso nicht für Sie zuständig. Lassen Sie es, und kommen Sie nicht wieder auf die Idee, hier anzurufen.“ Sie ließ den Hörer kraftlos sinken. „Er will etwas anmelden“, riet ich, „etwa ein Transparent?“ „Nein“, murmelte sie, „aber dicht dran. Er beantragt die behördliche Genehmigung für einen Brandanschlag.“

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