Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXIV): Der Weihnachtsmarkt

4 12 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So viele verhaltensoriginelle Wesen gehen ihrer Beschäftigung als Vollzeitdeppen nach, so viele penetrante Hohlmurmeln machen einander und leider auch uns das Leben schwer. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit – aber da nun nicht minder. Gibt es denn eine Entschuldigung für den Drang nach Sturm und Trank, wie er sich jahreszeitlich stets dann entlädt, wenn die Dunkelheit gnädig die seltsam schwankenden Gestalten schluckt? Als Allzweckwaffe kann wohl nur die Tradition gelten, höchstens die saisonale Bündelung der Symptome, wie sie zum Glücke nur einmal auftritt, und zwar genau dann, wenn sich die Sache zum Ende neigt. Der Weihnachtsmarkt duldet keinen Aufschub.

Schließlich tentakelt die unschuldigen Opfer schon weit vorher der olfaktorische Haken an, die Wehrlosigkeit und den depressiven Grundzustand frivol ausnutzend, da die Kälte von jenem Gemisch aus gasförmigem Zucker und atmosphärischem Fett penetriert wird. Schmalzgebackene Schwarte von Zimtwurst trifft auf Lebkuchenpunschbraten, leise Kopfnoten von Reifenabrieb und Holzwolle wabern seicht in gegrillte Fruchtsuppendünste, Honig und Karamellschweiß. Das Grillrostinferno offenbart dem unbedarften Konsumenten ein Sperrfeuer aus Schokolade und Speck, Kanonaden von Kardamom und Vanille, bis die Magenschleimhaut sich bebend ergibt. Noch eine Thüringer mit Käsespieß, noch ein Eimer kandiertes Konfekt, schon sieht der Gebeutelte sich konfrontiert mit einer Portion Crêpe in Marmeladenplempe, deren Kaloriengehalt die gröbsten Wirkungen der letzten Missernte im Sahel spontan zu lindern geeignet wäre. Von Vorglühwein und einer Portion Spanferkel auf Toast entspannt wagt sich der Besucher an die nächste Bude, wo Printen und Bier etwaige Stimmungsabschwünge einebnen, bevor der Kau- und Schlingprozess im Reich der vegetativen Reflexe ausklingt.

Die äußeren Reize tun ein Übriges, die bereits kräftig angeheiterten Querkämmer zu enthemmt bis durchgebraten anmutender Dämlichkeit zu treiben. Wie in der Schülerdisko orgelt die akustische Schräge quer durch alle verfügbaren Dimensionen, und auf ähnlichem Niveau verfängt die Lightshow, jene aus ein paar grellbunt verschwiemelten Leuchtmitteln mit und ohne Blink-Blink hergerichtete Zufallsinstallation, die auch gestandene Phlegmatiker zu spontanen Ausbrüchen ad hoc erworbener Epilepsie triggert. Da schon seelisch stabile Typen – buddhistische Mönche während der Selbstfindungsphase, Heilige im Endstadium oder Mitglieder des Xavier-Naidoo-Fanklubs Bad Bramstedt, komplett schmerzfrei – in seltsam arhythmische Zuckungen übergehen, die sich auch nicht durch sanfte Massage der Schwarte beheben lassen, so ist hier Vorsicht geboten. Der handelsübliche Weihnachtsmarktbesucher hält nur wenige Humpen lang durch, bis er sich schreiend ergibt und sein Frühableben in Aussicht stellt, wenn er nicht schleunigst aus dem Blitzgewitter fliehen kann. Mit der ortsüblichen Mixtur von billigem Rotwein, Zimt sowie Speck-Konservierungsstoff-Tierimitat in der Plauze lehnt sich der Flaumeier zurück gegen die Wand und lauscht dem Kreiseln der Mageninnenwände, bis seine Peristaltik ihm brüllend den Weg zur nächsten Abfallsammelstation befiehlt.

Allein, da kommt er nie an. Nicht wenig vom Charme des winterlichen Budenzaubers wächst daran, wie die Besucher sich formschön und elegant des sauren Gewölles entledigen, das ehedem Äpfel, Nüss’ und Mandelkern war, jetzt aber als Upcycling fürs innerstädtische Vogelfutter der Gemeinde eine Menge bares Geld erspart. Πάντα ῥεῖ sagt der Grieche. Wie begonnen, so geronnen.

In Wahrheit können weder das ostinate Gedudel baufälliger Weihnachtsfolklore aus schrammelnden Kleinstlautsprechern noch der strenge Geruch der knietiefen Brockensammlung, der das nächtliche Pflaster bis zum Morgengrauen verseift, davon noch ablenken, dass es sich um eine gezielte Aktion handelt. Was von außen wie ein ganz normaler Auffüllplatz für Freakshowkandidaten anmutet, die sich turnusgemäß ins Rudelkoma bembeln, ist eine Maßnahme zur Wahrung der inneren Sicherheit. Tausende Arbeitnehmer, die sich die erforderliche Elastizität im Bewegungsapparat antrinken und den gewünschten Appetit erzeugen, der zur optimalen Durchführung einer betrieblichen Jahresendfeier unabdingbar scheint, landen nach erfolgreichem Vollzug – einschließlich unsittlichen Anträgen, sinnlosem Gelalle vor versammelter Belegschaft sowie Frustsuff anlässlich einer ausbleibenden Beförderung im bevorstehenden Geschäftsjahr – wieder auf dem Areal zwischen Fußgängerzone, Markt und Parkplatz, das noch immer mit höhnisch flimmernder Reklame Alkoholika und Feststoffe anpreist. Ein letzter Trunk vor dem Filmriss, eine Schinkenknacker mit lappigem Brötchen, schon ist der posttraumatische Bürger wie geblitzdingst. Wo etwas rauskam, wird auch wieder etwas reingehen. Irgendwann später jedenfalls. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.