Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXV): Die Prognose

11 12 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte es schon immer mit zwei Dingen gehabt: einer wachen Beobachtungsgabe und einem simpel strukturierten Intellekt. Wohl vermochte er die Anzahl der Sonnenaufgänge zu zählen, und wie durch eine geheime Abrede stimmte sie stets überein mit der Menge der Tage, die er erlebte. Die Folge der Tage jedoch, an denen es nass von oben kam, mal einen Tag, mal zwei, manchmal auch an keinem Tag innerhalb von vielen, das ließ sich so schnell nicht durch logisches Schließen ermitteln – es sei denn, Uga hätte den Kopf aus der Höhle am Tümpel gesteckt, aber das hätte ihn von seiner wissenschaftlichen Arbeit nur abgelenkt. So hockte er, ab und zu Striche zählen und geheime Rhythmen darin suchend, auf der nackten Erde und überlegte sich, ob Würfeln nicht der einfachere Weg gewesen wäre. Doch wer hätte ihm das geglaubt? und wer hätte es noch für eine Prognose gehalten?

Die Schau in die Zukunft erfolgt auf zweierlei Arten, einerseits auf der Grundlage exakter Zahlen, die über einen langen Zeitraum errechnet wurden, und andererseits durch Instrumente wie Kaffeesatz und Glaskugel. Letztere Methode verspricht noch einigen Erfolg. Denn erstere, ein Modell aus Ökonomie und Geldwesen, Staatskunst oder Krieg, ist lediglich der Versuch, genau die Vergangenheit im Auge zu behalten, während man rückwärts ins Verderben stolpert. Kein Analyst, der das Gesetz der Börse kennt – und es ist nur ein einziges, nämlich das Gesetz, keine Gesetze zu kennen – hätte eine Garantie darauf, dass sich nicht irgendwann massive Aktienberge zu Papierstaub verwandeln könnten, abgebröselt am Knick der Indizes, wie sie alle zur Hölle fahren. Allein wo die politischen Zeitläufte auf die Abschätzung der Gegenwart treffen, wird es komplizierter. Sicher interessiert es den Volkswirt, wohin sein Laden in den nächsten fünfzig Jahren sich entwickeln wird, muss er doch genau die Menge an Arbeitskräften und die Höhe der Außenhandelsbilanz bemessen können, um sicherzustellen, dass die Exportnation auch in siebzig, achtzig, hundert Jahren noch an der Spitze der Industrienationen stehen wird. Wer dazu seine Berechnungen im Jahr 1988 angestellt hatte, war allerdings dumm dran.

Nichts ist so lächerlich wie die öffentlich als belastbar vorgegaukelte Prognose eines großen Projekts, an dem Politik und Wirtschaft gemeinsam die öligen Flossen aneinander reiben. Bahnhöfe und Flughäfen, Endlager und Mehrzweckhallen, Tunnel unter und über den Meeren dieses Kontinents werden Jahre und Jahrzehnte vor dem ersten Spatenstich in die Welt geschwiemelt, mit lustlos zusammengehauenen Zahlen und nach Ablauf der geistigen Halbwertzeit auch in gestalterischen Zeitplänen. Wie überraschend, dass nach kaum dreißig Jahren die Maschinen, die zehn Meter hohe Löcher ins Massiv sägen, sehr viel mehr kosten als noch zu Beginn der Kalkulation. Beispiellos, wie wenige Jahrzehnte des technischen Fortschritts genügen, um drei Prozent weniger Arbeitskräfte einzusetzen, während sich der Bruttolohn innerhalb derselben Zeit schlank verfünffacht hat. Dass die Kosten gegen das erwartete Wirtschaftswachstum gerechnet wurden, kann auch niemanden mehr erstaunen.

Immerhin kann man mit Prognosen wunderbar Angst erzeugen, des Spießbürgers Nervenkitzel par excellence. Stagnierte die Zahl der Ärzte (die durch staatliche Zugangsbeschränkungen niedrig gehalten wird), wir wären in wenigen Jahren mit Medizinern unterversorgt. Wanderten kontinuierlich mehr Ausländer ein, wie die Zahlen aktuell gerade anstiegen, in achthundert Jahren spräche hier keiner mehr Deutsch. Dass vor achthundert Jahren die meisten Bewohner sowieso von außerhalb kamen und die Alteingesessenen auch nicht alle der deutschen Sprache mächtig waren: geschenkt. Ob wir in den kommenden achthundert Jahren angesichts der klimatischen Veränderungen, die noch zu prognostizieren sind, nicht größere Sorgen haben werden als das nationalistische Geweimer einiger Wahrsager, sollte auch ohne hellseherische Fähigkeiten zu klären sein.

Immerhin haben sich berufene Fachleute mit ihren Mutmaßungen gründlich blamiert. Kein Mensch wolle Schauspieler sprechen hören, darum sei der Tonfilm eine Schnapsidee, das Fernsehen biete keinerlei wirtschaftliches Potenzial, da auch das Radio schon als Massenmedium versagt habe, mehr als fünf Computer brauche die ganze Menschheit nicht und das Auto werde sich schon deshalb nicht durchsetzen, da es kaum so viele zum Chauffeur geeignete Personen gäbe wie Reiter. Alles kam ganz genau so. Vielleicht haben sie alle nicht bedacht, dass es außer dem Zeitungshoroskop keine wirklich belastbare Vorhersage gibt. An irgendetwas muss man sich ja halten.

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11 12 2015
Umleitung: Jede Menge Flüchtlinge, Rassismus und Hassreden. Dazu ein besonderes Augenmerk auf Geschichte, Bildung und Politik. Guckt mal! | zoom

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