Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen

16 12 2015

„Und dann habe ich hier eine Reihe aufgestellt.“ Die mit Leitungswasser gefüllten Senfgläser gaben der adventlich geschmückten Stube einen ganz eigenen Reiz. Breschke wiegte sich stolz in der Hüfte. Keiner Feuersbrunst würde sein Haus zum Opfer fallen.

„Man muss nämlich sofort etwas zum Löschen griffbereit haben“, belehrte mich der Hausherr. „Wenn Sie erst in die Küche laufen müssen, ist es meistens schon zu spät.“ Neben dem Bäumchen auf dem Papppodest, letzteres in ein rotgoldenes Geschenkpapier geklebt, stand ordentlich ein Zinkeimer mit zehn Litern Wasser. „Der ist aber nur für die großen Brände, man muss ja nicht gleich an das Schlimmste denken.“ Ich hatte trotzdem den Verdacht, der alte Herr würde den Eimer nicht in die Höhe heben können, wenn es denn wirklich einmal brannte. Aber vielleicht täuschte ich mich auch, denn Horst Breschke hatte für diese Weihnachten die Sicherheitsbestimmungen klar verschärft. „Nur noch Wachskerzen“, verkündete er im Brustton der Überzeugung. „Dieses künstliche Zeugs kommt mir nicht mehr ins Haus.“

So unberechtigt war seine Sorge nicht. Die drei Lichterketten, die Breschkes im vergangenen Jahr in ihr schmuckes Bäumchen gewickelt hatten, sahen zwar in der orientalisch-bunten Verpackung noch einigermaßen vertrauenerweckend aus, doch schwand der Eindruck zusehends, als das leichte Flirren, das die winzigen, aber erstaunlich hellen Lämpchen beständig von sich gaben, sich zu einem unrhythmischen Blinken ausweitete. Wie nun die Dame des Hauses eines ihrer bronzenen Engelchen an den Zweig vor der stotternden Birne hängen wollte, zuckte sie empfindlich getroffen zurück; der zu erwartende Kurzschluss, der ein elektrisches System hätte sichernd abschalten müssen, er trat indes nicht ein. So merkte sie erst einige Minuten später wieder auf, als brenzliger Geruch die Stube durchzog. Das Wollfädchen, daran der Bronzeengel hing, kokelte schon munter vor sich hin und hätte um ein Haar Feuer gefangen an der viel zu heißen Lampe, die laut Schachtel Füer dem christ Baumm geeignet war, auch Ganz tagen leuchtende an, und obwohl sich Produkt und Beschreibung wie ein Weltfrieden versprechender ost-östlicher Divan lasen, wäre die ganze Sache fast in einer Katastrophe geendet. Breschkes Tochter hatte die Leuchtapparaturen aus zweifelhafter Quelle irgendwo im zolltechnischen Niemandsland zwischen Frankfurt und Singapur erstanden, ohne Preis oder Prüfsiegel. Mehr musste man im Prinzip nicht wissen.

„Wir haben sie entstaubt, und jetzt hängen sie wieder.“ Der pensionierte Finanzbeamte zupfte die bleiernen Kerzenhalter zurecht. Stilisierte Glocken beschwerten die kleinem Metallkelche, die die Zweige bedenklich nach unten zogen. „Deshalb brauchen wir auch die Löschvorrichtungen, denn man muss ja gerüstet sein.“ Wenigstens saßen die roten Stearinkerzen fest in den Halterungen; sie stammten aus dem Supermarkt, waren noch keine zehn Jahre alt und aus hiesiger Produktion. Man muss ja irgendwo mit den Sicherheitsmaßnahmen anfangen. „Stecken Sie schon mal die obere Reihe ein“, bat Breschke mich, „ich hole eben schnell die Übertöpfe.“

Tatsächlich hatte er ein halbes Dutzend Töpfe, in denen sonst Alpenveilchen auf ihren jähen Tod warteten, mit Wasser gefüllt. „Nehmen Sie mir mal das Tablett ab“, ächzte er. Ich stelle sie dann auf das Rauchtischen. Dabei handelte es sich um ein nierenförmiges Möbel, so hässlich wie halbhoch, das in der Ecke zwischen Sofa und Wand klemmte und sich ansonsten nicht blicken ließ. Hier aber sollten es eine tragende Rolle übernehmen. „Ich würde die ganzen Töpfe erst mal auf den…“ Doch ich kam gar nicht zu Wort. „Hier hat man sie besser zur Hand“, befand Horst Breschke. „Meine Frau sitzt meist am Tisch, oder sie liest da drüben im Sessel, aber hier habe ich nun mal den besten Zugriff. Wenn es wirklich einmal brennen sollte, kann man sich keine Verzögerung erlauben.“

Die anderen Gemüsegläser – Breschkes mussten sich wochenlang von Rotkohl ernährt haben – standen sorgsam aufgereiht an der Fußleiste. Zur Probe beugte ich mich nach unten, erwischte gerade eben ein Glas mit der Hand, bevor ich fast das Gleichgewicht verlor. Aber im Ernstfall würde das sicherlich viel schneller gehen.

Da passierte es. Knapp unter der Spitze bekam eine Kerze jäh Schlagseite, kippte gefährlich und tropfte ihre flüssige Last nach unten auf die Wachsdecke. Wie vom Blitz getroffen sprang Breschke auf, hievte den Blecheimer mit zitternden Fingern aus der Ecke und packe mit der flachen Hand auf den Boden des blechernen Kübels. „Jetzt warten Sie doch“, rief ich, „die Kerze kann man doch mit dem…“ Doch es war zu spät. Schnaufend stieß Breschke das Gefäß hoch, verhakte sich mit dem Pantoffel in der Teppichkante – das Zimmer schien den Brandschutzrichtlinien nicht ganz zu entsprechen – und landete nach einer Halbdrehung rücklings im Sessel, der nach hinten kippte. Ein gutes Dutzend Senfgläser polterte klirrend auf ihn herunter.

„Guter Preis“, meinte Frau Breschke. „Zwanzig Euro pro Lichterkette, das nenne ich einen guten Preis, und die haben ein TÜV-Siegel. Nehmen Sie noch ein paar von den Zimtsternen mit, aber wo wir schon einmal dabei sind: ob Sie mir den Kübel eben mit Sand füllen, unten im Keller? Man weiß ja nie.“

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