So ziemlich am Ende

21 12 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder einmal haben wir gemeinsam einen Jahrkreis zu Ende gebracht. Es war ein seltsames Jahr, nicht zu sagen: es war kein gutes. Der Abschiede waren genug, die Stimmung ist etwas gedämpft. Der bewegende Augenblick, als wir uns vor wenigen Tagen am Grabe des verehrten Doktor Conradi versammelten, der nach kurzer Krankheit von uns gegangen ist, hatte nun auch nicht lange angehalten, schon vor der Kapelle war Hildegard wieder in Hochform und hatte eigentlich an allem etwas auszusetzen. Der Sarg war ihr zu schlicht und der Kranz zu pompös, die Orgel zu laut – der gute Conradi hatte sich eigens etwas sehr Kompliziertes von Franck gewünscht, wohl auch, um bis ganz zuletzt jemanden auf einer Holzbank sitzend zur Verzweiflung zu treiben – sowie das Wetter ganz unmöglich für so eine Feier, das habe der alte Geschichtslehrer mit Absicht so eingefädelt, und überhaupt wisse sie nicht, was sie dort solle, sie habe ihr Abitur ganz woanders abgelegt. Tante Elsbeth, schon hoch in den Neunzigern und als die bekannt, die den späteren Pädagogen mit den Neutra der u-Deklination gepiesackt hatte, hört nicht mehr so gut, doch sie spricht zum Ausgleich deutlicher. Da es just auf die Festtage zugehe, so die alte Dame auf ihren Stock und meinen Neffen Kester gestützt, könne man doch sicher die Geschenke umtauschen. Sie nämlich wünsche sich vom Knochenmann den Doktor Conradi zurück und biete ihm dafür Hildegard als vollwertigen Ersatz. Es stockte der Trauergesellschaft der Atem, wenn auch aus mehr als einem Grund. Reinmar, mit dem ich seit Schultagen eine Freundschaft pflege, hatte das für sehr gut befunden; sobald Hildegard da angekommen wäre, wo wir alle dereinst hin müssten, würde er sich nicht mehr freiwillig bei uns blicken lassen.

Doktor Klengel war nicht minder erschüttert. Er hat sich zurückgezogen und seine hausärztliche Praxis einer jungen Kollegin übergeben. Hildegard mokiert sich über sie und hat schon angekündigt, diese Praxis nicht mehr zu betreten. „Das ist keine Ärztin“, verkündete sie, „die war doch eben noch eine Medizinstudentin!“ Auf die Frage, wie sie selbst ihr Staatsexamen überlebt hat, verweigert sie hartnäckig die Antwort.

Dass auch Horst Breschke nebst Gattin unter den Gästen waren, hatte mich zunächst überrascht, Frau Breschke erklärte mir den Grund für die Einladung. Die Herren hatten sich vor Jahren in einem Sparklub für Beamten des höheren Dienstes angefreundet, wo sie als Oberamts- beziehungsweise -studienräte die ordentliche Dosierung von Zahnpasta aus der Tube diskutierten und leere Toilettenpapierrollen als Kaminanzünder ausprobierten. Der rüstige Pensionär fragte auch gleich, ob ich ihm einen Nachruf auf den Freund für das monatliche Magazin des Klubs verfassen wolle.

Sie hatte den Geschichtslehrer zwar erst spät kennen gelernt, dennoch war Anne zugegen. Die Welt ist bekanntlich klein, und so erfuhr ich zu diesem Anlass, dass ihre Perle Sofia Asgatowna auch bei Conradis geputzt hatte. Max Hülsenbeck hatte sie diesmal nicht im Schlepptau, und sie wird ihn auch nie wieder mitnehmen. Er hat sich heimlich, still und leise verkrümelt, bei der Staatsanwaltschaft kennt man ihn nicht mehr – Husenkirchen weiß etwas, sagt aber nichts, das ist immer noch besser als andersherum – und seine ehemalige Wohnung ist längst neu vermietet. Das hat auch sein Gutes, denn seit längerer Zeit konnte ich keinen Schokoladenvorrat mehr anlegen, ohne zu sehen, wie Anne regelmäßig spätabends darin einfällt. Ich hatte schon erwogen, die Pralinen gleich bei ihr zu deponieren und die therapeutischen Gespräche telefonisch zu erledigen, aber sie ließ sich nie darauf ein. Im nächsten Jahr wird sie sich selbstständig machen und eine eigene Kanzlei gründen. Wer noch keine Kakaoaktien besitzt, sollte jetzt sein Depot großzügig aufpolstern.

Mandy Schwidarski von Trends & Friends ist in Schwierigkeiten geraten. Ob Travel-Experte Maxim oder der Kollege Minnichkeit ihr noch länger die Treue halten? Beiden ist sie inzwischen je drei Monatsgehälter schuldig, ich bekomme noch eine hübsche Summe für eine Titelgeschichte, und ihre Telefonnummer wird inzwischen von einer etwas desinteressierten Automatenstimme beantwortet.

Mit Siebels, der grauen Eminenz der deutschen Fernsehlandschaft, hatte ich schon lange kein Wort mehr gesprochen. Er rief mich vor ein paar Tagen an und teilte mir mit, dass er wie gewöhnlich noch einmal dreizehn Folgen einer TV-Schmonzette abreißen würde – Nonnen in der Karibik, dazu ein Krankenhaus, in dem gleichzeitig eine jugendliche Reporterin sitzt, die die große Liebe sucht und dazu nach Bad Sülze zieht – um die Reste aus dem Gebührentopf durch den Ausguss zu jagen. Er hat sich vor längerer Zeit das Rauchen abgewöhnt und wird nun langsam zum Hypochonder. Vielleicht umgibt er sich ja deshalb seit Jahren mit TV-Ärzten.

Sigune, die ich gerne ebenso wenig gesehen und gehört hätte, beschäftigt sich inzwischen mit den Unterschieden zwischen Vollmond- und Neumondwasser. Vermutlich hat das eine total andere Dinge im Gedächtnis als das andere, ich kann mich nur gerade nicht erinnern, welches. Sie hat es mir in einem länglichen, wirren Vortrag erklärt, ich aber war bereits nach der Hälfte vollständig paralysiert und fragte mich, wie ich der Lage möglichst ungesehen würde entfliehen können. Eine gefühlte Stunde später – die Nachbarin hatte mich schon über die Vorteile der Planetentonschalen für eine natürliche Verdauung aufgeklärt – klingelte unvermittelt ihr Telefon und erlöste mich aus einer Muskelstarre, von der ich mich erst Tage später wieder erholen sollte. Vielleicht hätte ich Sigune fragen wollen, ob eine tibetische Teppichfliese dabei hilfreich gewesen wäre. Man weiß ja nie.

Dies ist in knappen Worten die Stimmung, in der wir am Weihnachtstag nun in kleiner Runde in Bücklers Landgasthof das Fest feiern werden bei Ente und Hecht. Einige Flaschen vom 1995-er Wupperburger Brüllaffen und 1993-er Gurbesheimer Knarrtreppchen sind dabei, Bruno, Fürst Bückler und seine rechte Hand Petermann haben schon Einzelheiten durchblicken lassen, Hansi weiht nach Jahren ein neues Service ein, und da er zum Geburtstag seiner Cousine Sofia Asgatowna gekommen ist, wird auch Gennadi Jefimowitsch sich nützlich machen. Als langjähriger Pâtissier eines französischen Hotels wird er die Küche auf die eine oder andere neue Idee bringen.

Mein Großneffe Kester trägt seit wenigen Wochen den Doktorgrad und hat mir genau erklärt, warum ich das nicht verstehe. Er hält Gluonen für berechenbar wegen einer Antisymmetrielücke, die in der Wellenfunktion der Baryonen auftritt. Damit könnten in drei bis siebzehn Generationen Grundannahmen der Stringtheorie experimentell überprüfbar sein. Ein beruhigendes Gefühl, wenn man immer etwas zu tun hat. Mein Patenkind Maja ist mit dem Studium ausgelastet und sucht nach einer Eingebung, um den Satz von Kronecker-Weber auf beliebige Zahlkörper zu verallgemeinern. Da sage noch jemand, mit Mathematik könne man im täglichen Leben nichts anfangen.

Eine gute Nachricht immerhin habe ich auch fürs kommende Jahr, denn der allgemein geschätzte Freund und Kollege Gernulf Olzheimer, der mich am Freitag zu vertreten pflegt, hat nach einer längeren wie lauten Wutrede auf das deutsche Gesundheitssystem, bei der er einen schweren Kristallascher durch die gläserne Terrassentür des Friedhofscafés schmiss – ich vergaß zu erwähnen, dass auch er dem alten Conradi das letzte Geleit gegeben hatte – angekündigt, auch weiterhin regelmäßig und pünktlich seine Kommentare bei mir abzuliefern. Außerdem habe ich immer einen vernünftigen Cognac vorrätig.

Die Schachpartie am dritten Festtag steht fest, ich habe ein ganzes Jahr lang geübt, ein Gambit abzulehnen. Möglicherweise ist das lehrreich, nicht nur fürs Schachspiel. Der mir seit Kindertagen vertraute Freund wird jedenfalls schweigen, und das ist auch gut so.

Nun habe ich fast alles verraten, abgesehen von den Präsenten, daher hier noch einmal vor Zeugen: dieses Jahr schenken wir uns nichts. (Das Muranoschälchen für Anne und die Uhr für Hildegard tun hier nichts zur Sache.) Es war ein seltsames Jahr, nicht zu sagen: es war ein anstrengendes. Wie in den Jahren zuvor werde ich mich ein bisschen zurückziehen, und am Montag, den 4. Januar 2016, geht es weiter.

Allen Leserinnen und Lesern, die dies Blog fast oder fast ganz immer und regelmäßiger als unregelmäßig oder doch nur manchmal oder aus Versehen gelesen, kommentiert oder weiterempfohlen haben, danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit und wünsche, je nach Gusto, ein fröhliches, turbulentes, besinnliches, heiteres, genüssliches, entspanntes, friedvolles und ansonsten schönes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches Neues Jahr.

Beste Grüße und Aufwiederlesen

bee

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9 responses

21 12 2015
Shhhhh

Das wünsche ich auch! Auf Wiederlesen.

28 12 2015
bee

Besten Dank, einmal wollte ich doch zwischen den Jahren vorbeischauen und die Satzzeichen nachzählen.

23 12 2015
lamiacucina

Lieber Her bee,
Ein Jahr Lesespass in Ihrem Blog verdient höchste Anerkennung und gehört neben der Tageszeitung zur Pflichtlektüre. Ich wünsche Ihnen, ihren Vertrauten und ihrem realen und fiktiven Personal ein gutes neues Jahr.

28 12 2015
bee

Das ist eine große Ehre, und ich gebe es gerne zurück: die Streifzüge durch die Schweiz wecken bei mir stets Lust auf Geschichte und Geschichten.

27 12 2015
Umleitung: „Verrückte Geschichte“, Planetentonschalen, „Presse“ und Ressentiments, das Gift des Terrors, Gewerkschaften, bumsfidele Bergleute und mehr. | zoom

[…] So ziemlich am Ende: „Eine gefühlte Stunde später – die Nachbarin hatte mich schon über die Vorteile der Planetentonschalen für eine natürliche Verdauung aufgeklärt – klingelte unvermittelt ihr Telefon und erlöste mich aus einer Muskelstarre … zynaesthesie […]

28 12 2015
nömix

Auch Ihnen die besten Wünsche, und ein gutes neues Jahr.

28 12 2015
bee

Vielen Dank, ich freue mich auf neue Aktenvorlagen!

2 01 2016
chaos-gytha

Ich freue mich auf das Jahr 2016.
Ihr Sarkasmus, Ihre Ironie und der nötige Biss an Zynismus, gepaart mit einem Funken Realität, machen Lust auf mehr.

2 01 2016
bee

Merci, ich kann nur so viel verraten: es bleibt spannend. Nachdem ich mir heute Vormittag schon die Finger geklemmt habe und Autogramme geben musste, weil man mich für einen bekannten Terroristen hielt, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass große Ereignisse sich in ihrem Schatten sonnen. Oder so.

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