Eiskalt

6 01 2016

„Also fünf Personen?“ „Kann ich noch nicht genau sagen, vielleicht werden es auch sieben.“ „Also sieben.“ „Oder sechs. Ich kann es, wie gesagt, noch nicht einschätzen.“ „Dann sagen wir doch: fünf bis sieben Personen.“ „Einverstanden.“ „Aber wenn es sich noch ändern sollte, dann sagen Sie bitte noch rechtzeitig Bescheid.“ „Aber gerne.“ „Sie wissen doch, Personal ist knapp, und ehe man zu viele Kräfte bei einem Einsatz bindet, den man auch mit weniger hätte erledigen können, da plant man lieber gezielt.“ „Wem sagen Sie das, Herr Oberinspektor.“

„Dann kann ich das so vom Antragsformular übernehmen?“ „Ja, bitte sehr.“ „Fünf bis sieben Personen, Bombe oder Attrappe, abgestellt auf dem Hauptbahnhof um null Uhr – können Sie eventuell etwas früher? Es ist wegen der Schichteinteilung, wir müssten da sonst unterwegs die Einsatzkräfte wechseln, das ist immer sehr zeitraubend.“ „Halb zwölf?“ „Das reicht. Haben Sie schon einen Koffer für den Sprengsatz?“ „Müssen Sie den vorher kontrollieren?“ „Nein, wir wollen nur vermeiden, dass wir aus Versehen ein anderes Gepäckstück mit der Bombe verwechseln.“ „Weil Sie das sonst sprengen?“ „Das auch, aber vor allem kann es ja passieren, dass wir dann einem anderen Einsatz in die Quere kommen.“ „Wie, wird das bei Ihnen nicht koordiniert?“ „Schon, aber es gibt Einsätze vom Geheimdienst, die legen die Bombe und dann wird die von ihnen zufällig entdeckt und auch gleich in die Luft gesprengt.“ „Und das ist unkoordiniert?“ „Wenn der Verfassungsschutz das macht, ist das immer… wie war die Frage?“ „Ach nichts.“ „Ich gebe Ihnen mal einen Prospekt mit, wir haben da immer welche in der Schublade. Die haben auch ganz hübsche Sporttaschen, da passt so eine Bombe locker rein.“

„Nur mal theoretisch: wenn wir noch ganz kurzfristig technische Probleme haben sollten, wie können wir Sie erreichen?“ „So eine Drohung werden Sie ja bei Facebook veröffentlichen.“ „Das war so geplant.“ „In dem Fall nehmen Sie die kurzfristig wieder runter, dann wissen wir schon Bescheid.“ „Und wenn wir gerade kein Netz haben?“ „Sie haben doch meine Nummer, schicken Sie mir halt eine SMS.“ „Die kommt noch an?“ „Wenn ich den Einsatz leite, dann kümmere ich mich persönlich darum.“ „Gut zu wissen.“

„Sie müssen auf jeden Fall Pässe mitnehmen.“ „Wollen Sie uns kontrollieren?“ „Nein, das würde die diensthabenden Beamten vermutlich während eines Einsatzes überfordern.“ „Machen Sie da keine Personenkontrollen?“ „Doch, normalerweise schon. Aber wenn es sich um eine terroristische Lage handelt, können wir natürlich nicht zwei Sachen auf einmal machen.“ „Das ist einzusehen. Wozu sind denn dann aber die Pässe?“ „Sie müssen doch die Pässe am Tatort…“ „Ah, ich verstehe. Sie haben dann die Dokumente und können uns auf frischer Tat…“ „Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden! Wir machen nicht zwei Sachen gleichzeitig, und außerdem sind wir vor Ort sowieso nur für die Sicherung des Einsatzes verantwortlich. Wenn wir einen unbekannten oder flüchtigen Täter suchen müssen, machen das die Kollegen im Innendienst.“ „Aber wozu brauchen dann Sie die Pässe?“ „Wir müssen anhand der Dokumente feststellen, dass sie nicht zu anwesenden Tatverdächtigen passen, und dann können wir sie dem Innendienst übergeben. Zur Fahndung.“ „Sie können uns doch nicht dem Innendienst…“ „Nein, die Pässe natürlich! Meine Güte, es ist aber auch kompliziert!“

„Aber da gibt es ein Problem.“ „Nämlich?“ „Von drei Mitgliedern weiß ich zumindest, dass die gar keine Pässe haben.“ „Wieso haben die keine Pässe?“ „Ich habe ja auch keinen.“ „Aber wieso haben die denn keine Pässe? Wie sind Sie überhaupt in die Bundesrepublik, ach was: wie hat man Sie überhaupt in die EU reingelassen!?“ „Gar nicht.“ „Wie, gar nicht? Wollen Sie mir hier auch noch weismachen, dass Sie illegal…“ „Nein, ich bin nirgends eingewandert. Ich bin hier geboren.“ „In der Bundesrepublik?“ „Nein, in Belgien.“ „Als Libanese?“ „Mein Vater war Libanese und hat die belgische Staatsangehörigkeit angenommen, als er Richter wurde. Mutti ist aus den Niederlanden.“ „Aber wie sind Sie dann zum Terrorcamp in…“ „Welches Terrorcamp denn schon wieder?“ „Ja, wo Sie ausgebildet wurden halt.“ „Ach so, das war in Erfurt. Da brauchte ich nur den Personalausweis. Aus der Europäischen Union war ich noch nie draußen.“ „Haben Sie einen, der Sie mit falschen Papieren versorgen kann?“ „Falschgeld höchstens.“ „Dann fragen Sie, ob Sie nicht bis nächste Woche syrische Pässe auftreiben können.“ „Wieso denn syrische? Wir sind alle…“ „Hören Sie, ich habe den Vorgang doch jetzt hier schon angelegt, wollen Sie denn, dass wir alles noch mal von vorne machen?“ „Weil wir keine Pässe haben?“ „Wenn ich gewusst hätte, dass ich Sie als EU-Täter anmelden muss, dann hätte ich vorher einen zweiten Satz interne Formulare zur Weitergabe an die befreundeten ausländischen Dienste anlegen müssen. Meine Güte, wie stehe ich denn jetzt da!“ „’tschuldigung.“

„Es gäbe da noch eine Lösung, aber die wollen Sie nicht, und ich auch nicht.“ „Sie meinen…“ „Ja, tote Täter reden meistens nicht, vor allem nicht über die Hintermänner.“ „Dürfen Sie denn Informationen einfach so an die Öffentlichkeit bringen?“ „Um die Leute noch mehr zu verunsichern? Auf keinen Fall!“ „Fingerabdrücke?“ „Negativ, in unserem Spurensicherungsteam sind zwei Auszubildende, die vernichten die Ergebnisse hinterher immer aus Versehen.“ „Mist.“ „Wem sagen Sie das.“ „Ich habe noch einen alten Führerschein von meinem Vater.“ „Aus Belgien? Der ist doch…“ „Nein, libanesisch.“ „Na super, sagen Sie das doch gleich!“ „Mein Vater ist aber seit 1999 tot.“ „Das ist bedauerlich, aber nicht mehr mein Bier.“ „Ich dachte, Sie könnten mit dem Dokument etwas anfangen?“ „Kann ich auch, aber bei der folgenden Ermittlungspanne hält der Innendienst den Kopf hin.“

„Sie schicken mir eine Bestätigung zu?“ „Ich drucke Ihnen die gleich zum Mitnehmen aus.“ „Oh, sehr freundlich.“ „Gern geschehen. Und verüben Sie bitte keine anderen Anschläge als den hiermit beantragten.“ „Ach wo, wir würden doch die Polizei nicht einfach ins Leere laufen lassen.“ „Nur der Vollständigkeit halber, das wäre eine Straftat: Irreführung der Behörde.“ „Auf keinen Fall, Herr Oberinspektor.“ „Ich wollte es auch nur gesagt haben. Also dann, bis übermorgen. Und seien Sie bitte pünktlich, ja?“