Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXVIII): Hasskommentare

22 01 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war kurz vor der Erfindung der Schrift. Uga hatte es gründlich satt, dass die Sippe jenseits der Felsspalte ihm immer die Erdhörnchen wegfraß – er war nicht schnell, hatte bei der Verteilung der Hirnmasse erstmal überlegt, wo man sich anstellt, und was seinen Lebensentwurf insgesamt betraf, praxistauglich konnte man den nur bedingt nennen. Wie gut, dass er sich mit Aggressionen auskannte. Er stellte sich auf den kleinen Vorsprung und urinierte dem Häuptling in den Kamin. Es änderte wenig an der Sache, nach einer kurzen Unterredung rückte die Gemeinschaft aus, schnappte sich Uga und drückte ihm die Reste des Gesichtsschädels in den Hinterkopf. Mit dem traditionellen Spieß von Erdhörnchen und Früchten beschloss man den Tag, und von der Botschaft: Hasskommentare sind laut, aber unnütz, da blieb nur der erste Teil.

Wenn überhaupt. Nicht allein durch die Erfindung der Schrift hat sich die vitale Äußerung der Steißtrommler verbreitet wie der Inhalt eines geplatzten Abwasserrohrs, Konsistenz und Gestank inklusive. Noch immer postiert sich zitternd vor Rachsucht der geistig dünn angerührte Modder der Gesellschaft am offenen Fenster und rülpst die zu Wortkotze geronnene Denkschwächelei in den desinteressierten Gegenwind. Das allein wäre noch nicht einmal der Erwähnung wert, fügte es sich nicht in ein harmonisches Gesamtbild.

Der durchschnittliche Bekloppte äußert sich innerhalb eines meist geschlossenen rechtsradikalen Weltbildes, aber ohne historische, politische oder sonst wie fundierte Kenntnisse. Das Movens seiner verbalen Überdruckentsorgung ist überwiegend ein Missverständnis, nämlich die Fehleinschätzung, irgendeine zurechnungsfähige Person würde sich für seine zusammengeschwiemelte Hirnkirmes interessieren. Dabei gibt der Lalllurch ein durchaus einheitliches Bild ab; die Verbalinjurie, das peinlich Drohen und Zetern, der Ausfluss aus einer der Öffnungen im Verdauungstrakt, die gerade zufällig nicht beschäftigt ist, alles das wird mit größter Liebe zum Detail auf niedrigstem Niveau gehalten, damit es auch ja alle kapieren, die ein kleines bisschen intelligenter sein mögen.

Fehlanzeige, es kapieren nicht einmal die, die noch bescheuerter sein mögen – temporäre Ausfälle übernimmt Kollege Alkohol immer gerne – und doch ist hier die hauptsächliche Zielgruppe zu finden, die den Müll im Kopf behält. Platz ist unter der Kalotte ja genug.

Das kraftvoll zusammengestammelte Geröll, Worthülsen, Modeausdrücke, die Modderschublade der politischen Propaganda, ist zunächst einmal nur verbaler Auswurf ohne erkennbare semiotische Existenzberechtigung. Das Geräusch einer Tüte Fauchschaben könnte sich zwar inhaltlich durchaus auf dieser Höhe halten, denn immerhin handelt es sich um zielgerichtete Kommunikation innerhalb eines genau abgesteckten sozialen Rahmens, doch darum geht es nicht. Der Hasskommentator gibt keine Meinung von sich, es handelt sich phänotypisch also nicht um eine argumentative Annäherung, sondern um das primatentypische Geplärr, in der irrigen Ansicht, andere – offenkundig weiter entwickelte – Arten brächen ihr lautstarkes Geheul vor allem dann hervor, wenn sie für eine richtige Prügelei zu schwach wären. Ein Irrtum, durchaus, aber das interessiert den lautstark Bescheuerten nicht einmal peripher. Er schreit hier, weil er woanders nie schreien kann.

Denn in der Kohlenstoffwelt, wo es Menschen gibt, größtenteils Vorgesetzte, Leute mit richtigen Berufen und belastbarem Wissen, dort traut er sich das niemals – nicht, weil er von den anderen niedergeschrien würde, er nässt sich nur schon beim Gedanken ein, vor drei anderen sabbernden Fettsäcken mit Körpergeruch und mittelmäßigem Förderschulabschluss zu stehen und vor lauter Gestammel ein kleines bisschen weinen zu müssen. Mammi kommt aber nicht, und damit fängt sein Problem an.

Der gemeine Hassposter ist ein besonders possierliches Exemplar überangepasster Versager, in deren Leben so gut wie alles schief gegangen ist, weil sie aus Angst, irgendwann einmal erwachsen zu werden, also werden zu müssen, einen epischen Selbsthass entwickelt haben, gleichzeitig aber zu feige sind, sich endlich eine Kugel in den Schädel zu jagen oder sich am Türgriff aufzuhängen. So müssen alle, die dieser evolutionär redundanten Zellverklumpungen nicht bedürfen, das Gepfeife aus dem Touretteventil ertragen, wenn mal wieder zu viel Luft auf die Ventrikel drückt. Das holt sich mit zittrigen Fingern und den Resten eines komplett verkackten Muttersprachunterrichts etwas in die Tastatur runter, eine soi-disant geistige Selbstverletzung, damit sie ihrer verschissenen Existenz überhaupt Herr werden.

Natürlich leidet das angesprochene Objekt, wenn derlei Deliriumsdelinquenten ihren Sums in die Gegend verteilen, doch mehr noch muss die Gesellschaft mit dem Output der Behämmerten fertig werden: ein Hasenhirn, das für seinen Verbalkäse strafverfolgt sein will, weckt zugleich die Begehrlichkeit, aller anderen Kommunikation auch zu überwachen. Dass sie damit mittelfristig ihr eigenes Grab ausheben, mag sein, ist hier aber nicht von Interesse; dass eine gesittete Debatte mit diesen Jodelbratzen nicht mehr vonnöten ist, braucht auch nicht betont zu werden. Vielmehr ist ihre eigene Dummheit der dialektisch anzuwendende Nachweis von gesteigerter Idiotie im Kreis der Deppen und Trolle. Was auf diesen Leim geht, ist Fliege und kann dementsprechend weg. Der Hasskommentar als Schibboleth der sozialen Distinktion ist nicht originell, aber wirksam. Und was kann man schon mehr von diesem Pack erwarten.

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