Der Fluch der trinkenden Klasse

28 01 2016

„Gehen Sie nicht zu nah ran.“ Siebels machte eine Handbewegung, als kippe er sich etwas ins Gesicht. „Im Regelfall benutzen die Brüder ein Mundwasser mit therapeutischen Whiskyextrakten.“ Wir passierten die Schranke, der Pförtner tippte sich nur leicht an den Mützenschirm. So also sah es im Landesparlament aus.

Auch hier hatte Siebels, die graue Eminenz des deutschen Fernsehens, wieder plörrigen Automatenkaffee auftreiben können. Gelangweilt rührte er in seinem Becher. „Sie haben gleich die Gelegenheit, mit einem echten Rechtspopulisten über die Schönheiten des Raumordnungsverfahrens zu debattieren.“ Damit öffnete er ohne vorher anzuklopfen das Zimmer des Abgeordneten Dicks, der müde in seinem Sessel hing. Von seiner Gestalt ging etwas Fettiges aus, vermutlich hatte er schon seit Wochen nicht mehr gebadet. „Keine Ahnung“, murmelte die zerrüttete Gestalt. „Ist ja alles hier in diesen Dingern da.“ Er blickte auf den Kameramann und zeigte auf einen Stapel Papier, offensichtlich die Neufassung des noch nicht verabschiedeten Landesplanungsgesetzes. „Es geht um die Raumordnung im Untergrund“, erklärte Siebels, „und er hat vor der ersten Lesung schon drei von 273 Seiten geschafft.“ Dicks hatte bei der Zuteilung in diesen Ausschuss offenbar eher an die nationalsozialistischen Untergründe ganz anderer Länder gedacht als an die Toxizität der eigenen Böden – was aber für seine Partei durchaus eine lohnenswerte Überlegung gewesen wäre – und musste sich nun in die geologisch wie grammatisch komplexen Eigenarten des Gutachtens einarbeiten. „Er war mal Taxifahrer“, murmelte ich, „sagt mir wenigstens das Handbuch.“ „Abwarten“, gab Siebels wortkarg zurück.

Im benachbarten Raum hatte sich der Abgeordnete Lummermann, seines Zeichens Fraktionsführer, mit einem Stapel Handbücher ans Werk gemacht, die zweite Rede seiner parlamentarischen Laufbahn zu verfassen. „Das deutsche Wesen“, deklamierte Lummermann in die Kamera, „ist der Grund, woran die Welt verwest – nee, Moment mal…“ „Seine erste Rede war ja nicht so der Bringer“, erinnerte ich mich. „Wem sagen Sie das“, seufzte Siebels. „Einen richtig echten Studenten der Germanistik engagieren, eine von Fremdworten gespickte Suada zu verfassen, und dann am Pult eine Viertelstunde lang herumstammeln, weil man den Mist nicht aussprechen kann.“ Er rollte mit den Augen. Lummermann lief rot an. „Die haben mir nur nicht zugehört!“ Dabei hatte die Rede so ein ausgefeiltes Konzept: in wenigen Sätzen legte sie dar, dass schon in den nächsten zehntausend Jahren kein ordentlicher Deutscher mehr in diesem Regierungsbezirk leben würde, weil das Erbgut der Schwarzafrikaner den Verlust der Muttersprache begünstige. Vor diesem Hintergrund müsse die Finanzierung des regionalen Denkmalschutzes ganz anders bewertet werden. „Wir können doch unsere kulturell unwiederbringlichen Bauten nicht für diese ganzen Neger instand setzen“, ereiferte er sich. „Wo bleiben denn da die Deutschen?“

„Das wäre schon mal ein erster Eindruck“, knurrte Siebels, trank einen letzten Schluck aus dem Plastikbecher und warf ihn mit achtlosem Schwung in den nächsten Papierkorb. „Mir scheint, diese Patrioten haben sich ein vollkommen falsches Bild von der Arbeit in einem Parlament gemacht.“ Er nickte. „Dieser Labermann hatte eigentlich nur vor, ab und zu seine Volksreden von der Gefahr durch Horden fremder Völker zu schwingen. Er kann es zwar sowieso nicht, aber es offenbart ein profundes Missverständnis der Demokratie.“ Siebels steckte sich einen Zahnstocher in den Mund. „Dass die geistig nicht begüterten Helden sich am parlamentarischen Ausschusskram die Birne einrennen, ist doch geradezu putzig. Keiner hat ihnen vorher gesagt, dass Landespolitik ein Vollzeitjob ist, bei dem man in Akten ertrinkt.“

Dem Vernehmen nach hatte Lummermann bisher nur ein Faxgerät zu entwenden versucht, einen Bürostuhl und einige Bogen Postwertzeichen. Seine Kompromissfähigkeit wurde auf eine harte Probe gestellt, als er dem Antrag eines politischen Todfeindes zustimmen musste, weil er seinem eigenen aufs Haar entsprach. „Diese Leute entsprechen sehr genau ihrem prügelnden Klientel, sie sind faul, ungebildet, verlangen dafür aber eine vollständige Alimentierung ohne Gegenleistung, die sie anderen natürlich absprechen.“ Durch die Tür sah man noch, wie der Abgeordnete seinen Sermon wild gestikulierend probierte. „Arbeit“, sagte Siebels, „ist nun mal der Fluch der trinkenden Klasse. Aber wir müssen uns nicht fürchten vor diesen Knalltüten, einen nationalen Umsturz planen sie nicht. Sie wollen nur genauso an die Futtertröge wie die anderen Politiker, mit Pensionsanspruch und Dienstwagen.“ Ich war skeptisch. „Meinen Sie nicht, dass Sie übertreiben?“

Der Pförtner war sich sicher, dass der Abgeordnete Klöter seit seiner Einführung das Büro nicht ein einziges Mal betreten hatte. „Den Schlüssel“, zeigte er, „den haben wir ja noch hier, und eingerichtet ist das Zimmer auch noch nicht.“ Siebels zog sich noch einen Becher Kaffee. „Ein Glück – Deutschland ist gerettet.“

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