Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXIX): Die Sehnsucht nach dem starken Mann

29 01 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich hat der Hominide mit der Evolution die eine oder andere Verhaltensweise kritisch überdacht. Man riecht einem Artgenossen nicht mehr im Schritt, die Gesichtserkennung hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung durchgesetzt. Man prügelt sich wegen Meinungsverschiedenheiten nicht mehr, sondern setzt Schusswaffen ein, bei größeren Differenzen auch stehende Heere und Marschflugkörper. Staaten haben in vielfacher Hinsicht die prähistorischen Götzenbilder ersetzt, und jeder ist sich im Klaren darüber, dass die eigene Nation von Gott erwählt wurde, die anderen jedoch der letzte Mist sind, es sei denn, sie sind als Absatzmärkte interessant; in dem Fall kriecht man ihren Vertretern auch gerne wieder in den Schritt. Was bleibt, ist der Wunsch nach Unterwerfung.

Die Stammesgesellschaft verbindet idealtypisch zwei Existenzhilfen für Behämmerte: sie finden sich in einer festen Rangordnung, die ihnen keine geistige Leistung zum sozialen Aufstieg abverlangt, gleichzeitig erhebt ein Herkunftsmythos von Blut und Boden den absoluten Anspruch, die identitär funktionierende Herde gegenüber jeder anderen Sichtweise zu immunisieren. Nichts festigt diesen Herdentrieb besser als die Anerkennung des großen Häuptlings, nichts sichert des Häuptlings Macht besser ab als die autoritäre Persönlichkeit. Aus der Immunisierung folgt sogleich das Bewusstsein, gebenedeit zu sein unter den Dumpfklumpen auf dem Antlitz der Erde; die untertänige Haltung ist scheinbar der Garant, dass es so bleiben wird. Zwei Prinzipien schwiemeln sich zu unheiligen Allianz, die schon einzeln zivilisationsfeindlich sind.

Das Führerprinzip rettet die Rotte vor jeglicher Geschichte, auch und erst recht vor der, die sie erlebt. Seine Irrationalität gibt dem gewöhnlichen Deppen die Sicherheit, immer seine Erziehung über Bord kippen und sich dabei auf höhere Ziele berufen zu können. Was der Häuptling will, ist ja Befehl Gottes, so fügt sich der Kurzstreckendenker in reaktionäre Verhaltensmuster einer mehrfach gründlich gescheiterten Gesellschaft.

Andererseits tendiert der Bekloppte nach Kräften zur Regression, um eine Vergangenheit zu erleben, eine gute alte Zeit, die sich seine Ahnen vom Hals gewünscht haben. Sein Konservativismus muss reaktionär werden, immer reaktionärer, denn es soll alles so werden wie früher, noch früher, noch früher, wie kurz vor dem Urknall. Es gab noch klare Rollenbilder, die Weiber hielten die Schnauze, eine ordentlich definierte Minderheit durfte man bei schlechten Ernten oder außenpolitischem Desaster auf den Scheiterhaufen jagen, den Rest richtete der starke Mann, denn er hatte immer eine einfache Lösung für alle Probleme dieser Welt.

Denn der starke Mann, jene messianische Hohlmeise an der Spitze der Suppenkasper, ist sich stets eins mit den Schranzen an seinem Rocksaum. Er sondert populistische Nullstellen ab, denn er lebt von der Drohung, vom Getöse, vom Schwall, nicht aber von der Führung, die tatsächlich Veränderung bedeutet und damit eine reelle Gefahr darstellt für das Prinzip der Veränderungslosigkeit. Die Basis seiner Argumentation – und also seines Handelns – ist die Zerstörung, da Reflexion ihm als Schwäche erscheint. Der starke Mann tritt erstmal alles kaputt und fragt dann, wie er mit den Folgen fertig wird. Oder wie er seine Nachhut für den Schaden bluten lässt.

Je weniger der gemeine Depp in die intellektuelle Unterfütterung seiner zivilisatorischen Bemühungen investiert, desto eher wird er seinen kognitiven Bauschaum zum reaktionären Imperativ umfräsen. Warum sollte das Schaf, dessen Horizont sich mit Blöken erschöpft, plötzlich über die Herde hinauswachsen wollen? Solange die Überlieferung der Vorväter überhaupt einen Anführer vorgesehen hat, ist der ja schon gekommen, womit sich jede Notwendigkeit für eine differenzierte Betrachtung der Lebensumstände erübrigt. Initiationsriten, die mythisierende Gleichschaltung der Pubertierenden und die Überhöhung der Sozialstruktur zur Familie unter der Leitung der strafenden Vaterfigur tun ein Übriges, um die sektenähnliche Gehirnvollwäsche in den Kleinsten zu beginnen und ihre Ergebnisse später zu zementieren. Wozu aber?

Der Deutsche ist stets Opfer, verfolgt, erniedrigt und von der Welt falsch verstanden, und weil er nichts besser versteht als den Rollentausch, muss er zunächst einmal Täter werden. Nie ist er sich seiner Sache so sicher, als wenn er davon ausgehen kann, dass der starke Mann ihn führt, günstigerweise direkt in die Grütze, weil er dann nämlich nichts dafür gekonnt haben wird. Auch die Zivilisation, diese lästige Kosmetik aus einer Zeit, die zu weit ging, streift er dafür gerne ab – wissend, dass er ja aus tief empfundenem Hass gegen alles, was er als noch minderwertiger ansieht als sich selbst, den gesellschaftlichen Emporkömmling spielen müsste, der er aber mangels gesellschaftlicher Mobilität nie sein wird. Er braucht einen Führer, damit er sein Karma als Waschlappen ausleben kann. Der starke Mann bringt den Wesenskern des Bescheuerten zum Vorschein. Wer sagt’s denn.

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