Neigungen

29 02 2016

„Wir haben das auch lange nicht wahrhaben wollen, aber jetzt müssen wir den Tatsachen doch mal ins Auge blicken. Der Ministerpräsident hat, sagen wir mal, so eine, ich würde es so ausdrücken, also nicht falsch verstehen, er hat da eine gewisse Neigung. Nach rechts nämlich.

Nein, nicht falsch verstehen – das ist doch völlig normal, das kommt in jeder Familie vor. Also hier in Sachsen. Gucken Sie mal auf eine Landkarte, wo finden Sie dann Dresden? Richtig, rechts. Ganz weit rechts. Ganz weit unten. Da ist es ganz klar, dass wir auch eine landestypische Landespolitik betreiben müssen, wie der Bürger das will. Das wird auf Dauer schon sehr schwierig, weil die meisten Bürger sind ja bei der Geschichte Sachsens im tausendjährigen… nein, falsch: bei der tausendjährigen Geschichte Sachsens waren die alle dabei. Sagen die wenigstens. Da kann man für eine Politik der Zukunft und solche Sachen nicht mehr so viel Zeit aufwenden, verstehen Sie? Man muss sich eben mit der Vergangenheit beschäftigen. Und davon hat ja Sachsen nun wirklich eine Menge zu bieten. Also ich kenne ja auch sehr viele, die von gestern sind – manche sogar von vorgestern.

Er hat ja momentan auch diese Doppelbelastung zu stemmen, die eine Hälfte der Zeit muss er Sachsen als Ministerpräsident ignorieren, und die andere Hälfte ist ihm als Bundesratspräsident egal. Wenn Sie da immer mit so einer Neigung durch die Gegend laufen, das kann schon schief gehen, wenn man so schief geht. Überhaupt die Überforderung, man sieht es dem Mann ja an. Sachsen hat jetzt 2,9 Prozent Ausländer – da sieht man doch schon, Multikulti ist völlig gescheitert, das kann gar nicht funktionieren. Wie soll das denn funktionieren, wenn wir nicht mal drei Prozent haben? Soll jetzt jeder Sachse sich einen Ausländer suchen, den er persönlich tolerieren darf? in Teilzeit, damit die anderen da auch mal ran dürfen? Ich bitte Sie – diese Migranten unterstützen doch die Schieflage, sonst wären es ja viel mehr und wir könnten die irgendwie integrieren. Die wollen ja gar nicht! Da ist der Mann natürlich wieder abgeknickt, so in der Hüfte, das sah richtig schmerzhaft aus, und dann hat er gesagt, Multikulti geht nicht in Sachsen. Und er hat das nicht als Ministerpräsident gesagt, sondern als Bundesratspräsident. Da sehen Sie mal, wie er sich inzwischen mit der Vergangenheit identifiziert, er hat ja nicht mal mehr Zeit für ein bisschen Verantwortung!

Er hat manchmal so Ausfälle. So wie neulich in der Landtagskantine, da hat ihm einer den Putzeimer direkt in der Weg gestellt und der Ministerpräsident wäre fast darüber gestolpert. Da war er natürlich sehr erbost und hat gesagt, das sind keine Menschen, höchstens Küchenhilfen. Er liebt ja alle, er liebt ja alle Menschen, und wenn das keine sind, weil von denen keiner Menschenwürde hat, dann muss er die auch nicht antasten. Die gehören dann eben nicht zu Sachsen. Nicht mehr sein Problem, verstehen Sie?

Jetzt kommen natürlich die ganzen Kritiker an und meinen, fünfundzwanzig Jahre CDU, da könnte die Politik sich mal mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen, aber mal ehrlich: das würde doch kein Politiker tun. Das macht man nicht. Wer als Angehöriger einer Minderheit die Solidarität der deutschen Patrioten erwartet, der muss unser Wertesystem anerkennen. Und das gilt nicht nur für die Leute, die in Sachsen nicht CDU wählen. Wenn Sie sich unseren Wertekanon angucken wollen, der ist gar nicht so verstaubt, der ist sogar höchst lebendig. Den können Sie jeden Montag in Dresden begutachten, wie lebendig der noch ist. Und wenn da etwaige Minderheiten zu uns kommen, aus Erfurt beispielsweise, mit denen gibt es eben einen Konsens über unserer Werte.

Wissen Sie, das nimmt den Mann ja auch mit. Der hatte davon überhaupt keine Ahnung, weil er montags immer im Ausland ist oder liest oder Termine hat. Oder sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Der Ministerpräsident wäre um ein Haar total schockiert gewesen. Dann ist er wieder ein bisschen nach rechts gekippt, aber da stand dann schon ein Stuhl, und dann ging’s wieder. Ein Mitarbeiter hat ihm erzählt, dass das gar nicht so viele tausend Sachsen sind und dass die ab Dienstag auch wieder weg sind, und seitdem macht er sich gar keine Sorgen mehr. Wenn man schon keine Ahnung hat, ist das vielleicht auch das Beste.

Denn wenn Sie sich die anderen ansehen, die immer gegen Rechte demonstrieren oder mit diesen Ausländern zu tun haben, die sind ja nicht nur nicht mit diesen Ausländern vertraut, weil ja Multikulti nicht geht, sondern die sind auch, und das kommt noch erschwerend hinzu! Außerdem sind das so linke Demokratiefeinde, weil wenn Sie nicht einer demokratischen Widerstandsbewegung angehören, die in Wahrheit rechtsgerichtet ist, was bleibt denn da noch übrig? also hier in Sachsen? Es sind ja inzwischen schon Bürgermeister im Kanzleramt gewesen und haben gesagt, sie halten diese ständige Überforderung nicht mehr aus, die Überfremdung, sie müssten Unsummen zahlen für die islamischen Einwanderer, ihre Gemeinden seien längst pleite und sie hätten keinen Platz mehr, und dabei ist bei denen nicht ein einziger Asylant und war nie einer uns soll auch nie einer hin. Ja, Sie sagen jetzt, das sind alles verlogene, realitätsfremde Arschlöcher – die sind genauso wie der Ministerpräsident! Da sieht man doch, der Mann wirkt! Welcher Politiker kann das denn heute noch von sich sagen? Wir haben zwei Promille islamischer Invasoren im Freistaatsgebiet. Meinen Sie, wir hätten wir das ohne Tillich besser hingekriegt?“





Triumph des Wollens

28 02 2016

für Kurt Tucholsky

Das Licht geht aus und nicht mehr an.
Treppab ist schnell koppheister.
Jetzt zeigt der echte deutsche Mann,
er ist ein Handwerksmeister.
Er hat Elektrisch nie gelernt.
Was sind schon ein paar Funken.
Rasch noch ein bisschen Draht entfernt.
Was hat da so gestunken?
Am wenigsten braucht man jetzt Licht.
Das Fenster birst, der Dachstuhl bricht.
Das Feuer fräst sich durch die Nacht.
Das hat Herr Krause gut gemacht!
Der Rauch entquillt in schwarzer Fahne,
weil man den Hauswart nicht befragte.
Das sind so Dinge,
  leicht gesagte,
    leicht gesagte –
      doch getane?

Herr Hopenschauer ist verliebt,
schaut hoch auf die Etage –
wie schön, dass es so etwas gibt!
Allein ihm fehlt Courage.
So steht er zitternd vis-à-vis,
er und sein Sträußlein Rosen.
Er weiß, er fragt die Holde nie,
und macht sich in die Hosen.
Vielleicht ist es ihr angenehm,
er schickte ihr ein Briefpoem,
und mit gar sanft und feinem Reim
führt er sie in die Ehe heim.
Ach, flieht Amor auf leichtem Kahne,
dieweil er noch sein Leid beklagte –
das sind so Dinge,
  leicht gesagte,
    leicht gesagte –
      doch getane?

Der deutsche Bürger, wild besorgt,
er tobt und brüllt und stammelt,
das Hirn benebelt und verkorkt –
schon hat er sich versammelt.
Die Masse fühlt sich mächtig an,
hält sich gar für gefährlich,
und folgt sie schon dem starken Mann –
was aber will er ehrlich?
Bald will er Recht, bald will er Krieg,
vor allem will er: Politik,
denn er weiß alles, ungefähr:
dass er der beste Führer wär.
Das denkt er sich in seinem Wahne,
bevor er, wie auch sonst, versagte…
Das sind so Dinge,
  leicht gesagte,
    leicht gesagte –
      doch getane?





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCLXXXI)

27 02 2016

Wenn Jindřich im Wäldchen bei Unterhaid
spazieren geht, strotzt er von Munterkeit.
Um Tanne und Fichte
er springt mit der Nichte
des Nachbarn. (Sie trägt nur ein Unterkleid.)

Benoît, Fremdenführer in Dieppe,
der weiß: „Wohin ich Gäste schlepp,
ist es meistens teuer,
doch alles geheuer –
ich krieg ja was ab von dem Nepp.“

Bei Jaroslav brennt es in Zetten.
Er sucht, was er kann, noch zu retten,
doch lodern die Flammen,
das Haus kracht zusammen.
Zum Glück hat er die Federbetten.

Als Karim erstaunt in El-Lischt
den Mann sieht, der da vorbeizischt,
packt er ohne Fragen
den Buben am Kragen.
Er hat einen Räuber erwischt.

Wenn Radek zur Treibjagd in Schellwitz
auch kam: „Da ich oben recht schnell sitz,
ertrag ich die Runden
mit Dutzenden Hunden,
weil ich sonst schon von dem Gebell schwitz!“

Juhani, der kaufte in Lemland
ein Grundstück, wo er nichts als Lehm fand.
Mit viel Selbstvertrauen
begann er zu bauen,
denn Lehm gab’s ja schließlich auf dem Land.

Da Otakar öfter in Wühr
die Straßenbahn nahm, gab’s dafür
ein eigenes Sparschwein
für jedweden Fahrschein.
Das kostet ja schließlich Gebühr.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXII): Der Mensch als Störfaktor

26 02 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sache mag mit der Arbeitsteilung begonnen haben. Während Rrts Weib nach Stellen suchte, um die letzte Mammutkeule zum Dörren aufzuhängen, schleppten Uga und seine Gevatter das nächste tote Tier in die Höhle. Schöner Mist. Abgesehen von der jetzt schon versaubeutelten Trennkost – einmal bis Neumond Salate mit maximal Gürteltierstreifen, aber kein Mammut, kein Säbelzahntiger, auch kein Wollnashorn für zwischendurch – stapelten sich die Knochen kniehoch in der Abseite. Nggr wollte ja noch etwas daraus basteln. Irgendwann. Und schon schlich sich der fatale Gedanke ein, dass eigentlich die Bedürfnisse des einzelnen Stammesmitglieds im Hintergrund standen. Du bist nichts, Deine Sippe ist alles. Jedenfalls merkte der einzelne Mensch, so er sich als Mensch wahrnahm, dass er als ebendieser nicht viel galt. Höchstens als Störfaktor.

Der Schritt zwischen Steinzeit und Kapitalismus ist erfahrungsgemäß auf verhaltensrelevantem Terrain eher klein. Was wäre dies für eine schöne Welt, gäbe es keine Menschen, genauer: die Leute. Soziale Einbindung in der Reihenhaussiedlung ja, aber verdammt noch mal ohne diese Nachbarn, die offensichtlich beim Hirnschadenkaraoke den ersten Platz davongetragen haben. Ein Supermarkt ohne die ganzen Knalltüten mit ihren Drahtkörben voller Mist, ohne Verkäufer, die sowieso nie da sind, wenn man sie braucht – überhaupt das Arbeitsleben, wie schön könnte mancher Beruf sein ohne dieses Gefrett. Dachdecker, Bäckereifachverkäufer, Kfz-Mechatroniker, traumhafte Tätigkeiten wären das ohne die lästigen Kunden. Säße man im Callcenter und kein Schwein riefe an, es wäre das Paradies auf Erden. Erst recht auf der Autobahn könnte sich die Verheißung erfüllen: weit und breit keine anderen Blechkiste, heidewitzka! da kachelt der Bekloppte erst recht und mit Vergnügen ganz links in den Sonnenuntergang. Weil er es kann.

Die Welt ist nicht gerecht – abgesehen von Heimwerkermärkten, die haben das Problem mit zu viel sichtbarem Personal schon ganz gut im Griff – und zum Schluss stirbt man auch noch. Aber der Mensch mit seiner Neigung, die Dinge so gründlich wie irgend möglich anzugehen, er hat sich aus der Gleichung des Lebens schon so gut wie weggekürzt und genießt ein System, das ihm die Mühen der schiefen Ebene abnimmt. Der Mensch wird nicht gerade ausgerottet. Er stört nur gewaltig.

Das Gesundheitssystem popelt sich viele schöne Luftschlösser zusammen, die öffentlich finanzierte Gedönstherapie formerly known as Arbeitsamt sägt an der eigenen Personaldecke, weil die Däumchen zum Drehen nicht mehr ausreichen, Finanzämter erfinden automatisierte Transportwege vom Posteingang zum Aktenschredder, damit wenigstens die Geräuschkulisse der Beschäftigung erhalten bleibt. Ansonsten schwiemelt der Dumpfknecht sein Menschen hassendes Programm vor sich her, schiebt Unerwünschte ab, baut Zäune – Stacheldrahthersteller sind auch am Aktienmarkt – und kommt endlich auf die Idee.

Oder die Idee kommt auf ihn, denn was da als Wirtschaft grassiert, kann längst nicht mehr von den Primaten oder ihren minderbegabten Nachfahren entworfen worden sein, es kam mit Sicherheit unter einem radioaktiven Stein hervorgekrochen und hat sich vegetativ vermehrt. Es ist ein System, dessen einziger Zweck auf seiner eigenen Vergrößerung beruht, das sich in einzelnen Bereichen folgerichtig krebsgleich selbst zuwuchert und frisst und dabei den Menschen, jene Reprise des Überflüssigen, nach Kräften eliminiert. Er nervt als nörgelnder Verbraucher, bremst als Subjekt und Objekt von Arbeits- und Sozialrecht, er ist Sand im Getriebe der hirnlosen Beschleunigung und verführt zu seltsamen Ideen. Die Wirtschaft möchte gerne mehr Kostgänger rausschmeißen, als überhaupt am Fließband stehen. Sie muss sich, schwer genug, mit dem Machbaren begnügen.

Was könnte das Geld an Weltkriegen vom Zaun brechen, gäbe es keine Banken, keine Börsen, in denen quengelnde Kasper hockten, was könnten Börsen und Banken verbrechen, stünden nicht immer Menschen im Weg mit Grundbedürfnissen wie Atmen oder Kalorienzufuhr. Was gäbe es nicht an Parteipolitik ohne diese stänkernden Stümper, was könnte man diesen Planeten zupflastern mit Autos und je zehn Parkplätzen pro Wagen, mit Kernkraftwerken und Tiefbahnhöfen, Flugplätzen und Autobahnen, mit Techniksupermärkten und Kinokomplexen, Truppenübungsplätzen und Bürokomplexen, die zusammen mehr Fußballfelder ergäben, als man je hochkant aufs Saarland stapeln könnte. Gäbe es den Menschen nicht, das Kapital könnte sich alles unter den Nagel reißen. Doch gäbe es ihn tatsächlich nicht, wen sollen dann die Soldaten totschießen? So rettet er zuletzt doch noch Arbeitsplätze und – es sei ihm verziehen – den Aktienkurs. Am Ende wird’s doch nicht ohne ihn gehen. Noch nicht. Aber wir arbeiten daran.





Können wir kniggen

25 02 2016

„Nein, Sie sollen einfach nur nicht immer diese schlimmen Wörter über die Frau Bundeskanzlerin sagen! Niemand will hier Ihre politische Meinung beschneiden, das ist überhaupt nicht unsere Absicht, aber ‚Dreckschlampe‘ oder ‚Die dumme Sau sollte man nach Auschwitz prügeln‘, das ist doch wirklich nicht nett. Sie können ja gerne AfD wählen oder sich in einem anderen verfassungsfeindlichen Klub gegen Demokratie und Rechtsstaat aussprechen, nur bitte nicht mit diesen… –

Sie lachen, ja. Sie müssen das auch nicht den ganzen Tag machen, anderer Leute Telefonate mithören und dann auch noch ganz ruhig und mit der offiziellen Argumentationsrichtlinie auf diesen Mist eingehen. Aber die Partei wollte das so, und jetzt haben wir das so. Das können Sie nicht ändern, erst recht nicht hier in Bayern.

Dieses Positionspapier von der Klausurtagung in Wildbad Kreuth, wissen Sie: Terrorismus wirksam bekämpfen, da stand drin, dass die Partei gewaltverherrlichende und extremistische Inhalte vorab löschen will. Also nicht in den Reden des Vorsitzenden, da wird die Herrschaft von Rechts noch immer bis zur letzten Patrone verteidigt. Wir bekämpfen ja nicht den Terrorismus, sondern die Bürger – Moment, komme gleich! – sollen selbst ihre terroristischen Neigungen… –

Sie, das ist doch noch gar nicht raus, ob das ein Flüchtling war oder ein anderweitig ausländischer Mensch. Fragen Sie doch mal bei der Polizei nach, ob dieser Raubüberfall auf die Tankstelle überhaupt stattgefunden hat. Oder fragen Sie in der Tankstelle, die müssen es doch auch wissen. Was heißt denn hier Lügenpresse, wenn die Tagesschau nicht sofort etwas über einen Tankstellenräuber bringt, der in der vergangenen Woche – hundert Milliarden Euro? Unterlassen Sie doch diese haltlosen Behauptungen, das glauben Sie doch selber nicht! Nein, ich war noch nie in – ach, und deshalb lüge ich auch, nur weil ich Ihnen diese Räuberpistole nicht abnehme? Sie machen sich strafbar, wenn Sie weiterhin… –

Jedes mal dasselbe! Also wie gesagt, die Partei wollte zunächst Hassbotschaften aus dem Internet rausfiltern, und zwar schon vorher. Aber irgendwer muss ihnen mitgeteilt haben, dass nicht die ganze Kommunikation in sozialen Netzwerken stattfindet. Die Leute telefonieren ja auch noch, und für die Sicherheitsexperten, die das sofort als gefährliche Mitteilungen in nicht überwachten Kleingruppen eingestuft haben, da mussten wir natürlich etwas tun. Ganz egal, was. Und jetzt haben wir diese Telefonüberwachung in Echtzeit.

Sie können sich ruhig locker machen, Sie im Bundesgebiet kriegen davon nichts mit. Laut CSU-Sprachregelung ist das ‚Täterschutz‘. Tatsächlich haben wir schlicht und ergreifend nicht die Kapazitäten, um permanente Gefährderansprache außerhalb des Freistaates zu gewährleisten. Es ist ja jetzt schon kompliziert genug, dass Sie jedes Gespräch im Innenministerium anmelden müssen. Neulich hatten wir einen, der wollte seinen Arzt anrufen. Sechs Wochen später ist der auch gekommen. Und die Feuerwehr. Und der Bestatter. Und der Kammerjäger.

Hallo? ach, Sie schon wieder. ‚Ausländer raus‘, das kann ich so nicht gelten lassen. Die Aussage ist noch nicht direkt als Volksverhetzung zu werten, aber in ihrer rassistischen Grundhaltung müssen wir das leider ablehnen. Sie müssen sich, wenn Sie schon eine islamkritische Position einnehmen wollen, ein bisschen differenzierter ausdrücken. Wir können es nicht hinnehmen, dass sich Bürgerinnen und Bürger unseres Landes per SMS radikalisieren, verstehen Sie? Hallo? Hallo!?

Natürlich möchte man manchmal so richtig aus der Haut fahren, aber unsere Dienstanweisung ist, dass wir eine höfliche und direkte Ansprache in allen Fällen von Hassreden ausüben, in unserem Fachjargon: kniggen. Das ist so CSU-Manier, man klebt auf alles seine Etikette.

So sicher sind unsere Jobs übrigens auch wieder nicht. Erst dachten wir, die NSA würde sich das als Geschenk für den Wahlkampf unter den Nagel reißen, dann hieß es, der Stoiber hat die Sache an den Iwan vertickt und kassiert jetzt nur noch die Prozente. Aber egal, wie das ausgeht, am Ende wird das wahrscheinlich sowieso alles in ein Call-Center nach Indien verlagert oder sie bauen Sprachroboter in unseren Büros auf. Kann man ja nicht wissen.

Haben Sie da gerade zu einem Brandanschlag aufgefordert? Das dürfen Sie nicht. Das ist verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Ja, auch vorher, und der Versuch einer solchen Tat ist strafbar und die Anstiftung auch. Können Sie einen Moment in der Leitung bleiben, ich muss mir gerade eben Ihre Nummer… –

Dabei arbeiten wir noch gar nicht so effektiv, wie wir sein könnten. Weil unser Landesamt für Verfassungsschutz ja den Zugriff auf die Daten aus der Vorratsdatenspeicherung bekommt, und das hat der Bundesjustizminister vorher kategorisch ausgeschlossen, und hinterher hatte er keine Zeit mehr, das zu verbieten. Wenn ich mir überlege, dass da die einen oder anderen Amigos Waffendeals am Telefon nur noch kurz hinter der Grenze abwickeln, also direkt in Unterschneidheim, das ist schon mies. Aber solange sie dabei höflich bleiben, haben wir rechtlich ohnehin keine Möglichkeit. Und damit das auch so bleibt, werden wir demnächst… –

Wer ist da? Seehofer!?“





Teilchenbeschleuniger

24 02 2016

„Und gehen Sie bitte nicht an die Schachtel, da liegt der Himmel drin.“ Es waren dies, genau gesagt, nur einige blaugraue Wolken, allerdings über Paris. Viele kleine Stückchen lagen in dem umgedrehten Karton, eines verschwommener als das andere. Aber Breschke würde es irgendwann schaffen. Schließlich hatte das Puzzle nur 5000 Teile.

„Und zwar exakt 5000“, triumphierte er. Als erstes hatte er den Inhalt der monströsen Packung mit Hilfe einiger Marmeladengläser sowie eines Waschkorbs auf Vollständigkeit überprüft. Dann erst war er eine gute Woche lang damit beschäftigt gewesen, die Ecken und Kanten unter den Stücken herauszufinden. Und dann hatte er die Tür zum Dachboden aus den Angeln gehoben, mit dem Schwingschleifer geglättet und äußerst wackelig auf zwei Tischböcken zu einer Arbeitsfläche gemacht, die noch dazu eine Unterlage aus Wachstuch trug. „Sonst würde noch etwas durchs Schlüsselloch fallen“, belehrte mich Breschke. Das sah ich ein.

Seit knapp einem Monat nun hatte er den Rahmen zusammengesetzt. Die unregelmäßig ineinander passenden Stücke hatten sich hier und da widersetzt; offenbar hatte der Alte einige Male mit dem Daumen, weniger oft, aber dann um so deutlicher auch mit anderen Mitteln nachhelfen müssen. „Man muss zunächst einmal prüfen“, erklärte er, „welches der vielen Teile dasjenige ist, das man gerade sucht. Und es sollte eigentlich nur eines sein.“ Bemerkte ich hier eine leise Unruhe? In der Persönlichkeit des ehemaligen Finanzbeamten vereinten sich auf das Harmonischste penibelste Genauigkeit und geradezu abnorme Ungeduld. Wo immer Feingefühl und Sorgfalt vonnöten waren, bei der Bastelei an einem defekten Transistorradio aus der Zeit, als der Strom noch in Eimern ins Haus getragen wurde, oder beim Aufwickeln eines Knäuels Strickwolle, Breschke hinterließ meist etwas, das aussah, als hätte der Stromboli sich während einer Eruption in einem Wutanfall die Schnürsenkel zerrissen. Ein nicht unwesentlicher Teil des Wirtschaftsaufschwungs in den lokalen Handwerksbetrieben rührte von selbstbewussten Versuchen her, Renovierungsarbeiten auf eigene Faust zu beginnen, bis eben zu dem Grad, wo das größtmögliche Durcheinander einer unmittelbar drohenden Katastrophe den Schrecken nahm.

Bismarck, jener selten dumme Dackel, der am liebsten seinem Herrn zwischen den Beinen lief, beobachtete das entstehende Kunstwerk von der Couch aus. Zu seiner Entschuldigung kann gelten, dass er nie zuvor in der französischen Metropole gewesen war. Das traf zwar auf Horst Breschke ebenso wenig zu, immerhin hatte seine Tochter das Geduldspiel von einem durchreisenden Kubaner in der Schweiz erstanden; wer ein bisschen Gotisch sprach, würde wohl auch den Packungsaufdruck entziffern können. Immerhin war die Zahl der Teile korrekt angegeben – was als Vertrauensbeweis nicht zu schlagen war – und die Aufschrift ROMA verwies auf die Stadt der Liebe, wo neuesten Erkenntnissen nach Tullius Dingsbums zur Krönung des Kaisers Reno den Eiffelturm auf dem Forum errichtet hatte, einen Triumphbogen, Notre-Dame, Sacré-Cœur sowie das Moulin Rouge. Und zwar in einem 360-Grad-Panorama.

„Meine Frau meint zwar, dass ich damit nicht fertig werde, aber ich kann mir ja Zeit lassen.“ Der alte Couchtisch des Fernsehzimmers war ans Fenster gerückt, das TV-Programm spielte keine Rolle mehr im Leben der beiden. „Aber ich mache mir natürlich Gedanken, wie ich dies ordnen soll – ob das hier Bäume sind?“ Er zeigte auf den kleinen Haufen Puzzleteile, der nicht ganz zu den roten Dächern und einer weißen Wolke im Hintergrund passte. „Vielleicht sollten Sie die Stücke nach Farben vorsortieren“, schlug ich vor. Breschke seufzte. „Ich werde das streng wissenschaftlich angehen, mit einer Austauschmethode. Neulich habe ich noch von dieser neuen Erfindung da gelesen, wissen Sie? das mit den Atomen?“ Ich verneinte. „So einen Teilchenbeschleuniger müsste man haben“, erklärte er. „Man würde viel schneller sehen, welche Teile zueinander – Bismarck!“

Der Hund hatte nur ein bisschen neugierig die Pfote auf die Tischdecke gelegt. Andererseits hatte das schon ausgereicht, mehrere in genau bemessenem Abstand zueinander postierte Tripel von Straßenpflaster, Laternen und dem Grab des Unbekannten Soldaten empfindlich zu verschieben. „Es hat sich wohl nur das Tuch selbst bewegt“, überlegte ich. „Wenn die Puzzlestückchen noch zusammenhängen, handelt es sich um eine Art Gravitationswelle.“ „Interessant“, murmelte Horst Breschke, „sehr interessant.“ Damit beugte er sich über das kleine Rauchtischchen, das neben einer Fußbank als Ablagefläche für mehrere Kästen diente, in denen vorsortierte Teile auf ihren Einsatz warteten. „Ich hatte hier doch noch ein Gelbes“, ächzte er, „das war wohl aus einer Wand?“ Der Hund jaulte, denn seines Herrn Ellenbogen begann ihn recht rücksichtslos einzuquetschen, wie sich er – das Herrchen nämlich – über die Armlehne legte. „Passen Sie auf“, mahnte ich. Doch er hörte nicht. „Gleich habe ich es gefunden“, keuchte er, „das war an der Seite so komisch unrund und hatte einen kleinen rotbraunen Fleck wie von einer…“

In wilder Empörung, im nächsten Augenblick erdrückt zu werden, schoss Bismarck aus seiner Zwangslage heraus und verschwand unter dem Tisch, vielmehr: zunächst einmal verlor er ob der wächsernen Decke die Orientierung, dann stieß er an eine der klappbaren Standhalterungen, die zur Seite wegrutschte. „Obacht“, rief ich, doch es war schon zu spät. Die Türplatte sackte unter der Oberfläche weg und schlug rumpelnd auf den Resten des Bocks auf. Die Teile sprangen in alle Himmelsrichtungen. Bismarck war zur Tür hinaus und auf die Treppe geflohen. „Nein“, heulte Breschke auf, „das kann doch nicht wahr sein! So viel Arbeit umsonst!“ „Seien Sie tapfer“, tröstete ich ihn. „Das mit dem Teilchenbeschleuniger haben Sie immerhin schon mal ganz gut hingekriegt.“





Herrschaft des Unrechts

23 02 2016

„… und sämtliche Volksmusik aus dem Sender Bayern 1 entfernen wolle. Dies sei eine nicht zu tolerierende Einmischung in die…“

„… zu einer Demonstration in München aufgerufen habe. Bis auf die beiden CSU-Landtagsabgeordneten, die diese Kundgebung angemeldet hätten sei jedoch niemand…“

„… noch nicht im Sendegebiet bekannt sei, da die Zielgruppe die Wortbeiträge auf Bayern 1 generell nicht verfolgten. Die Mehrheit sei lediglich interessiert an Blasmusik, volkstümlichem Schlager und…“

„… keinen Anlass zu Sorge biete. Volksmusik werde weiterhin ausreichend im Programm der Funkanstalt bleiben, da sie zum unverzichtbaren…“

„… Gerüchten entgegentreten werde, der Verzicht auf die gewohnte Blasmusik sei eine Folge der von Bundeskanzlerin Angela Merkel geplanten Islamisierung der deutschen Medien. Seehofer sei dafür von der CSU-Landesgruppe scharf gerügt worden, auch habe die Bayerischen Landeszentrale für neue Medien ihm unmissverständlich…“

„… es nicht den Tatsachen entspreche, dass die zahlreichen Blaskapellen unmittelbar vor der Auflösung stünden, da sie im Bayerischen Rundfunk nicht mehr gespielt würden. Vielmehr versickerten die Ausschüttungen der Sender an die Interpreten weitestgehend in der Bürokratie der Gesellschaft für musikalische…“

„… allerdings im Spartenkanal Bayern Heimat gesendet werde. Damit sei der Anteil an volksmusikalischen Darbietungen nicht weniger als im…“

„… nicht ausschließen wolle, dass Söder die Entscheidung getroffen habe, um einen weiteren Sender für eine Hörerschicht zu öffnen, die dem kollektiven Jugendwahn verfalle. Seehofer fürchte, der Altersschnitt von unter 60 Jahren sei eine Katastrophe für den…“

„… in einer Pressemitteilung den amtierenden Ministerpräsidenten persönlich für die Agitation gegen den Rundfunk verantwortlich mache. Söder wisse aus sicherer Quelle, dass Seehofer nur ein altes Kofferradio mit defektem Einstellrad in seinem Amtszimmer stehen habe und nicht mehr ohne fremde Hilfe in der Lage sei, einen anderen Sender als…“

„… es sich bei Bayern Heimat um einen digitalen Rundfunkkanal handele. Im Lande von Laptop und Lederhosen gebe es jedoch nicht ausreichend Empfangsgeräte für die…“

„… gegen diese Entscheidung stärksten Widerstand angekündigt habe. Söder habe den Bundesminister für digitale Infrastruktur als einen Vaterlandsverräter…“

„… die bayerischen Sozialdemokraten sich in die Diskussion eingeschaltet hätten. Der Vorsitzende Pronold habe versprochen, im Falle eines Wahlsieges die Entscheidung rückgängig zu machen und sämtliche Volksmusiksendungen wieder uneingeschränkt in den…“

„… angekündigt habe, gegen die Entscheidung Klage vor dem Bundesverfassungsgericht zu …“

„… den Technologiestandort Bayern zu stärken. Dobrindt habe versprochen, jede Blaskapelle mit einem eigenen Glasfaserkabel auszustatten, das direkt zum Bayerischen Rundfunk…“

„… der Bayerische Trachtenverband als Entschädigung ins Gespräch gebracht habe, dass Helene Fischer im Radio nur noch im Dirndl auftreten dürfe, ansonsten werde Bayern die Landesgrenzen sofort…“

„… fordere die CSU-Landesgruppe auf, bei der Neuordnung des Kontingents den Programmschwerpunkt Volksmusik aus Franken komplett zu streichen. Die Christsozialen fühlten sich einer einheitlichen Leitkultur verpflichtet, die auf ethnische Minderheiten keinerlei…“

„… habe Seehofer dazu aufgerufen, auf gar keinen Fall der BayernSPD zu wählen, da sie ihr Versprechen aus juristischen Gründen gar nicht werde halten können. Das sei nur ein populistischer Trick, um im Freistaat eine Herrschaft des Unrechts zu…“

„… werde Söder ungeachtet der zahlreichen Klagen seines zukünftigen Amtsvorgängers im Falle eines Wahlsieges der CSU als neuer Ministerpräsident den Bayerischen Rundfunk wieder dazu bringen, ausreichend Volksmusik in sämtlichen…“

„… hätten inzwischen auch die Freien Wähler angekündigt, mit einer Unterschriftenaktion die Anstaltsleitung von ihrem gefährlichen Irrweg…“

„… zu einer Indiskretion gekommen sei. Söder wisse, dass in Seehofers Dienstwagen aus Sicherheitsgründen das Internet abgeschirmt werde, weshalb in diesem Fahrzeug nur Bayern 1 zu empfangen sei. Ohne Blasmusik sei der Ministerpräsident so gut wie nicht…“

„… sich die Brauchtumsverbände und das Erzbischöfliche Ordinariat Freising darüber einig seien, dass satanistische Musik wie Softrock zu einer Verrohung der Sitten und langfristig zum Verfall des christlichen Abendlandes…“

„… das Mikrofon nicht abgestellt worden sei. Der Ministerpräsident habe die Blasmusikanten als ‚Scheißbazis‘ und ihren Auftritt bei der CSU-Veranstaltung im Erdinger Moos als ‚behindertes Gefurze für Schwuchteln aus Schwabing‘ bezeichnet. Die Staatskanzlei habe bestätigt, dass sich Seehofer künftig ganz auf die Bundespolitik konzentrieren werde, um dem Verbraucherschutz für Kinderspielzeug und Haushaltskleingeräte zu mehr…“





Eigentlich immer

22 02 2016

„Morgen, Krawuttke.“ „Guten Morgen, Chef!“ „Und, wie sieht’s aus?“ „Sie wissen ja, wie es ist. Wenn man sich ranhält, reicht das Material, aber irgendwie fragt man sich schon, wie man das alles schaffen soll.“ „Na, keine Müdigkeit vorschützen! Kommen auch wieder bessere Zeiten. Die guten Leute fallen halt nicht vom Himmel.“ „Wem sagen Sie das, Chef!“

„Wobei, das mit den Flüchtlingen ist ja so eine Sache.“ „Bei uns in der Siedlung wohnen schon welche. Komische Leute.“ „Und?“ „Die machen das ganze Viertel kaputt. Die Fresse polieren sollte man denen. Erst neulich hat’s wieder gekracht.“ „Machen die Ärger?“ „Nee, die lassen sich ja zum Glück nirgends blicken.“ „Ist wohl auch besser so.“ „Das sage ich Ihnen, Chef: einer von denen bei mir vor dem Zaun, dem hau ich so eins aufs Maul…“ „Na, regen Sie sich mal nicht auf, Krawuttke. Die ziehen weiter. Wenn einer merkt, hier ist nichts zu holen, was meinen Sie, wie schnell die wieder fort sind.“ „Wollen wir’s mal hoffen, Chef. Lange schau ich mir das Theater nicht mehr mit an.“

„Regen Sie sich mal nicht auf, Krawuttke. Am besten, wir ignorieren die.“ „Geht doch nicht, Chef. Die bringen doch Unfrieden, nichts als Unfrieden.“ „Rahn erzählt, die haben neulich einen mit einem Fahrrad ertappt?“ „Fabrikneu! Skandal!“ „Und die Polizei konnte nichts machen?“ „Der hat dem Wachtmeister erzählt, er hätte sich das gekauft. Sogar den Kassenzettel soll er ihm gezeigt haben!“ „Naja.“ „Die fälschen sogar schon Kassenzettel, das müssen Sie sich mal vorstellen! Und der eine von denen, so ein Junger, Schnurrbart…“ „Ist ja nichts Ungewöhnliches, was?“ „Ach was, so läuft man doch nicht mehr herum – der geht jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe zur Bahn, dann kommt er spät am Abend zurück. Hat eine alte Aktentasche dabei. Eigentlich immer. Das ist doch nicht normal?“

„Was ich sagen wollte, Krawuttke – die zweite Stanze ist ja nun wieder repariert.“ „Ich weiß, Chef. Wir kriegen das nicht hin, Ehlert und ich. Uns fehlt ein tüchtiger Mann, wir haben schon überlegt, ob wir einen von der Löterei holen.“ „Und wer lötet dann? Krawuttke, Sie sind doch ein alter Hase. Wir brauchen einen, der stanzt und bördelt und nietet, das sage ich seit Wochen.“ „Ja, Chef.“ „Der letzte Auftrag ging an Weißmeyer & Söhne, wir müssen die Abteilung wieder voll kriegen!“ „Ja, Chef.“ „Bis dahin hauen Sie hier gefälligst einen Schlag weiter rein, Krawuttke. Ich lass mich nicht lumpen, das wissen Sie – was an Überstunden anfällt, das wird gezahlt.“ „Selbstverständlich, Chef.“ „Nur das mit dem Ausschuss muss mal aufhören, Krawuttke. Bei Ihnen will ich nichts gesagt haben, aber Ehlert fabriziert ja mehr Löcher als Blech.“ „Nein, Chef. Da lassen wir uns was einfallen. Am Wochenende rede ich mal mit ihm.“

„Oder gibt’s da Probleme?“ „Ja, nein – Chef.“ „Wie jetzt, ja oder ja?“ „Sein Neffe. Sie wissen doch.“ „Ach so, ja. Die Kollegen ziehen ihn immer wieder damit auf?“ „Ich sage ihm auch, da muss er drüber stehen. Ist ja nicht sein Filius.“ „Eben, Krawutte. Abrücken, das hält man sich besser aus dem Pelz.“ „Herrgott, ich weiß es doch auch nicht! Er fragt mich immer, ob seine Schwester ihn als Kind zu sehr verwöhnt hat oder ob man sich das in der katholischen Schule holt.“ „Was zerbrechen Sie sich Ehlerts Kopf. Ist doch seine Verwandtschaft.“ „Manchmal sagt er, er drückt seinem Schwager die Flinte in die Hand, und wenn er nicht will, dann schießt er das Drecksbalg selber über den Haufen.“ „Das soll er mal schön bleiben lassen. Wenn ich eins in meiner Belegschaft nicht brauche, dann ist das Skandal, sagen Sie das Ehlert.“ „Ja, Chef.“ „Und außerdem ist es vielleicht nur eine Phase. Das verwächst sich. Wenn er die Richtige findet. Und sonst, schicken Sie ihn in den Puff, daran ist noch keiner gestorben.“

„Und wenn wir eine Stellenanzeige in die Zeitung setzen?“ „In den Kurier?“ „Und in die Abendpost. Die lesen ja eher die Arbeiter.“ „Aha, Ihre Flüchtlinge. Vergessen Sie das, Krawuttke. Die wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Meinen Sie, Chef?“ „Habe ich schon mal eine Bewerbung von einem bekommen? Marotz reicht mir immer nur die rein, die er selbst einstellen würde. Ist aber keiner dabei.“ „Vielleicht kriegt man die billiger?“ „Für billig hab ich kein Geld, Krawuttke. Wir machen seit fünfzig Jahren Qualität, da kann ich mir keine Experimente erlauben.“ „Natürlich nicht, Chef. War ja auch nur so ein Gedanke.“

„Und sonst?“ „Muss ja, Chef. Aus dem einen Lehrling, da kann richtig was werden. Der ist jetzt bei Lüdemann.“ „Beim Tiefziehen?“ „Erstklassig, der haut eine Wanne nach der anderen raus.“ „Na sehen Sie, und wir dachten erst, der sei auch so ein Drückeberger.“ „Man steckt eben nicht drin, Chef. Wie meinte mein Großonkel immer: man kann den Leuten bloß bis vor die Stirn gucken.“ „Ja, da sagen Sie was, Krawuttke. Da sagen Sie was.“ „Wenn wir jetzt die neue Profilmaschine hätten, Chef, dann…“ „Langsam, langsam. Es läuft ja nicht schlecht, aber die Investitionen mache dann doch immer noch ich.“ „Ja, Chef. Nichts für ungut, Chef.“ „Dann mal frisch ans Werk! Noch eine Schicht Krawuttke, und dann ist Wochenende.“ „Endlich!“ „Und Sie gehen doch hin, Krawuttke?“ „Selbstverständlich, Chef. Ich und meine Frau, wir wählen beide Adenauer!“





Dienst an der Waffel

21 02 2016

Doch, wir schaffen das mit der Integration. Und zwar mit Ursula von der Leyen in den Wettbewerb der Regierungsdarsteller, innerhalb möglichst kurzer Zeit möglichst viel Unfug von sich zu geben, der von den übrigen Pappnasen wieder in seine Bestandteile zerlegt wird. Flüchtlinge, so tönt die Ministerin, können ja ihre Ausbildung bei der Bundeswehr machen. Als Koch oder Maurer. (Außerhalb Deutschlands gab es noch nie Maurer, in Syrien wurde noch nicht einmal das Kochen erfunden. Das muss man als Ministerin wissen.) Eine hervorragende Botschaft, die gerade von CDU bis ganz rechts zur SPD für Schüttelfrost sorgt. Gerade die jungen Männer im wehrfähigen Alter, die bei der Leyen-Spieltruppe mitmachen sollen, würde die Restregierung am liebsten zurück über die Grenze jagen, weil sie außer blonde Frauen belästigen und Bomben schmeißen bekanntlich nix im Kopf haben. Aber das passt schließlich zu Uschi, der Arbeitsmarktexpertin, die gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: es ist viel heiße Luft, aber dafür kostet es ordentlich Geld. Alle weiteren Anzeichen, dass diese Regierung ein massives Problem mit Politik hat, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • rasiergummi: Wir warten noch, bis bei Ihnen Bartwuchs einsetzt.
  • andrea nahles tryptophan: Im Gegensatz zu Sonja Zietlow bin ich mir sicher, die muss aus rohem Schweinefleisch geschnitzt worden sein.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCLXXX)

20 02 2016

Der Hansl, der mosert in Gratwein.
„Der Doktor ist, was ich als fad mein.
Der alte war besser,
ein Säufer und Fresser,
ich trink noch heut nach seinem Rat Wein.“

Herr Rezai eröffnet in Schusch
sein Häuschen mit Blumen und Tusch,
wobei sich bezeigte,
dass alles sich neigte.
Es war halt gewöhnlicher Pfusch.

Der Albin wacht grantig in Übelbach.
„Von drüben macht mich stets ein Dübel wach,
dann fängt’s an zu Bohren
direkt in die Ohren –
so lang, bis ich über dem Kübel lach!“

Nadeschda trug in Krasny Kut
zum Frühlingsbeginn einen Hut
statt Kopftuch und Mütze.
Schon liegt in der Pfütze
der Hut. Und ein Schirm wär jetzt gut.

Der Ignaz besichtigt in Totterfeld
den Wald, wo er über den Schotter fällt.
Selbst auf allen Vieren
schaut er noch nach Tieren.
„Jetzt kommt, dass ich hier einen Otter meld.“

Man schätzte Carlijn, die in Tiel
die Mannschaft stärkt beim Fußballspiel.
Sie konnte nicht passen,
doch wuchs sie um Klassen,
so oft, wie sie im Strafraum fiel.

Der Kurti, der fluchte in Rabenwald,
dass es durch die Lichtung beim Graben schallt.
„Die Hochzeitsgeschenke
sind nichts, was ich denke –
jetzt schaut’s, was ich von diesen Gaben halt!“