Sekt oder Selters

2 02 2016

05:45 – Durch das kriegsverdunkelte Schlafzimmer im Haus Frühlingsstraße 26 schmettert schmackig das Horst-Wessel-Lied. Ruckartig reißt Beate Zschäpe die verquollenen Augen auf. „Ich bin unschuldig“, murmelt sie, hebt den rechten Arm und tastet nach dem Wecker. Ab morgen, das schwört sie sich, wird sie aber so was von zurückschießen.

05:50 – Nach einer kurzen Selbstfindungsphase, zu der sie das Glas auf ihrem Nachttisch leert, schlurft Zschäpe ins Bad. Sie findet die Tür verschlossen vor. Der Mitbewohner Uwe Mundlos stylt seinen Oberlippenbartwuchs. Aus dem Nebenraum ertönt eine Reichsparteitagsrede.

06:01 – Etwas hastig, da leicht verspätet, erscheint auch Uwe Böhnhardt zum Morgenappell in der Küche. Zschäpe rügt ihn, da er sein Braunhemd wieder nicht ordentlich in die Jogginghose gestopft hat. Sie spuckt auf ihr Taschentuch und reibt ihm einen Zahnpastafleck aus dem Gesicht.

06:23 – Während Böhnhardt schon wieder an der Playstation hockt und Hitleropoly spielt, räumt die gute Hausfrau die Utensilien des deutschen Frühstücks zurück. Verärgert bemerkt sie, dass in der Besteckschublade schon wieder ein Schalldämpfer liegt.

06:46 – Ein Krachen zerreißt die morgendliche Stille in der nationalen Notgemeinschaft. Mundlos wirft sich mannhaft unter den Küchentisch. Zschäpe entnimmt dem Eimer unter der Küchenspüle einen Feudel. Zwanzig Minuten Kühlschrank sind für deutschen Schaumwein offenbar nicht genug.

07:12 – Es klingelt. Die beiden Uwes ziehen sich rasch Sturmhauben über den Kopf, während Beate mit Sonnenbrille, Skimütze und falschem Bart getarnt zur Tür geht. Sie stellt sich als Arthur Zulu N’Dongibele vor. Während ihr der Bart verrutscht, drückt der Paketbote ihr wortlos einen Karton in die Hand. Endlich Frühstücksbrötchen.

07:29 – Zschäpe schmiert sich zum zweiten Frühstück ein Schrippchen mit Maurermarmelade. Erfreut stellt sie fest, der Senderido-Bote hat noch ein paar Schachteln Senf der Marke 7,65 mm Browning beigelegt. Das muss sie gleich den Uwes zeigen.

08:19 – Die vaterländische Gesinnung des Volksgenossen scheint zu schwinden. Mit Eifer notiert Böhnhardt die Standorte rassefremder Imbisskaschemmen und misst auf der Karte des besetzten Reiches in den Grenzen von 1949 die erforderlichen Einsatzradien ab. Jegliche Hilfe wird von ihm zurückgewiesen. So kümmert sich die Mitbewohnerin wieder um das Mädelmagazin mit den identitären Stricktipps.

08:35 – Mundlos hat wieder ein bisschen an seinem selbst gebauten Computer gesessen. Stolz zeigt er den anderen, dass Paulchen Panther jetzt den Hitlergruß machen und mit sächsischem Akzent „Sieg Heil!“ sagen kann. Darauf muss Beate erstmal einen Magenbitter kippen.

08:58 – Die beiden Uwes eröffnen ihrer Freundin, dass sie mal eben zur Sparkasse müssten. Hastig packen sie schwarze Sturmhauben, fabrikneue Kunstlederjacken und Handschuhe in eine Tasche. Sie schärfen ihr ein, dass sie beide nur zu einer längeren Landpartie aufgebrochen seien. Für den Fall, dass sie innerhalb von zwölf Stunden nicht wieder zu Hause zurückkehren, weisen sie Zschäpe an, nach Leipzig zu fahren. Sie ist verwirrt und weist die beiden nicht einmal darauf hin, dass sie ihre Schreckschusspistolen auf dem Küchentisch vergessen haben.

09:00 – Mundlos hat wieder kein Bier mitgebracht. Dann eben Kirschwasser.

09:13 – Ein Anruf schreckt die zurückgelassene Frau in der Küche auf. Eine männliche Stimme stellt sich als Kommando Kanakentod vor und gibt eine geheime Botschaft durch: Der Döner explodiert um Mitternacht. Sie notiert die Nachricht zur Vorsicht auf einem Zettel, solange die Feinmotorik noch zum Schreiben reicht.

09:45 – Die Vormittagsseifenoper fängt an. Zschäpe steht vor einer existenziellen Entscheidung: Sekt oder Selters? Zum Glück muss sie nicht an den Kühlschrank, auf dem Wohnzimmertisch steht noch eine angebrochene Flasche Pfefferminzlikör.

10:11 – Kater Dolfi erbricht sich auf den Teppich vor dem Fernseher. Gut, dass in der Küche noch ein Rest Wodka lagert, um den unangenehmen Geruch zu überlagern. Beate holt bei der Gelegenheit gleich Spülmittel gegen die Hinterlassenschaft des Haustiers.

10:40 – In der Wohnungstür wird der Schlüssel umgedreht. Sofort ist die züchtige Hausfrau zur Stelle und schimpft ihre Männer aus, weil sie schon wieder nicht ihre Schuhe vor der Tür ausgezogen haben. Sie schwingt den Schrubber. In ihrer Wohnung soll es ja nicht aussehen wie bei Türken.

10:53 – Die Uwes sind verdrossen. Erst beim Betreten der Sparkasse fiel ihnen auf, dass die Hälfte der Ausrüstung noch zu Hause lag. Sie sind sich jedoch sicher, dass ihre Ausrede mit dem Sonnenbrand auf der Nase gezogen hat – schließlich mussten sie mit Masken im Gesicht ihre Miete einzahlen.

11:11 – Böhnhardt zieht sich in sein Zimmer zurück, um ein bisschen zu meditieren. Die beiden anderen bekommen allmählich Hunger. Mundlos schaut in sein Adressbuch: der nächste Gemüsehändler ist zu weit weg. Sie einigen sich auf Pizza. Das passt auch zu der angebrochenen Flasche Rotwein, die neben Zschäpes Bett steht.

11:55 – Der Pizzabote kommt. Es gibt enorme Schwierigkeiten, als Beate die Lieferung nur mit einem 500-Euro-Schein aus ihrem Portemonnaie bezahlen kann. Sie einigen sich darauf, dass die Pizza im nächsten Monat umsonst kommt.

12:04 – Auf Böhnhardts Mobiltelefon geht eine SMS ein. Das Landesamt für Verfassungsschutz stellt fest, dass die beiden maskierten Täter am Vormittag sehr auffällige Schuhe getragen hätten. Der Referatsleiter ordnet deren umgehende Entsorgung auf einer Mülldeponie an.

12:29 – Eine Tonbandkassette war hinter die Küchensitzbank gerutscht. Mundlos schien sich mit italienischer Musik auszukennen. Jedenfalls beschließt Zschäpe, bei Gelegenheit auch mal ein paar Lieder von diesem Corelli zu hören.

12:38 – Die Rumrosinenschokolade aus dem Supermarkt war der richtige Nachtisch, auch wenn der Ouzo darauf ein bisschen stark kontrastiert.

12:53 – Der Modekatalog mit den neuen Sportklamotten war in der Post. Beate guckt, ob es diese Kapuzenshirts mit den einen Meter langen Zipfelmützen auch in braun gibt. Weiß wird bei ihr immer so schnell fleckig.

13:08 – Uwe B. ist fertig mit den Vorbereitungen für den – wie er selbst sagt – nächsten Wochenendausflug. Er hat ein schwarzes Pulver zusammengemischt, das er am Wohnzimmertisch in kleine Kunststoffbeutel abfüllt. Aus Versehen hat er die Sporttasche im Auto vergessen. Unter dem Sofa findet er noch eine unbenutzte Blechdose mit der Aufschrift Dresdner Butter-Stollen. Das sollte erstmal reichen.

13:19 – Jetzt muss Zschäpe doch in den Keller: der Sektnachschub fehlt. Sie steckt den Schlüssel ein und nimmt die Taschenlampe aus dem Flurschrank mit. Das Leuchtgerät summt beim Einschalten, bleibt ansonsten aber dunkel. Kein Wunder, dass diese beiden Männer im Leben noch nichts Großes auf die Beine gestellt haben.

13:23 – Als Zschäpe die Kellertreppe hinaufsteigt, bemerkt sie einen Mann mit Schlapphut, der sich unauffällig vor den Briefkästen aufhält. Er drückt ihr wortlos einen Einkaufsbeutel mit mehreren Granaten in die Hand. Sie wundert sich nicht darüber. Gefährliche Dinge hätte sie zur Sicherheit auch nicht mit der Paketpost verschickt.

13:24 – Kaum ist sie wieder in der Wohnung, muss sie sich Vorhaltungen von Uwe M. anhören. Sie hat, wie schon öfter, den Gasherd nicht abgestellt. Der Wohn- und Volksgenosse ist wütend. Er wirft ihr vor, sie werde irgendwann noch das ganze Haus in die Luft sprengen.

13:29 – Böhnhardt gehen die lauten Streitereien auf den Geist. Er möchte in Ruhe eine Dokumentation über Hitlers Topfpflanzen sehen. Mundlos schreit ihn an, er werde ihn bei nächster Gelegenheit abknallen.

14:02 – Das Telefon klingelt. Zschäpe ist zunächst etwas perplex, da sich die ältere Dame am anderen Ende als RAF-Mitglied vorstellt, verspricht dann aber, ihr behilflich zu sein. Sie gibt ihr einige Adressen von Banken durch, die die beiden Uwes noch nicht besucht haben.

14:40 – Der Sekt ist jetzt angenehm kühl. Beate stellt ihren Cognacschwenker auf die Spüle und hebelt den Korken aus der Flasche.

14:56 – Mundlos erkundigt sich telefonisch beim Fundbüro, wann die nächste Versteigerung stattfinden wird. Er zeigt sich außerordentlich zufrieden, dass Fahrräder ohne Mengenbegrenzung abgegeben werden. Schnell ruft er noch seinen Kumpel an, ob dieser ihm für den Transport sein Wohnmobil leiht.

15:15 – Langsam wird es Kaffeezeit. Zschäpe gießt sich schon mal Marillenlikör ein.

15:44 – Beate Z. fällt es wie Schuppen von den Augen: sie hat den ganzen Tag noch nicht daran gedacht, Kater Dolfi zu füttern. Sie erinnert sich dunkel daran, dass auch Katze Eva irgendwo in der Wohnung sein muss. Sie fühlt sich in diesem Augenblick zu unschuldig und schwach, um die Küche zu verlassen.

16:12 – Kumpel Ralf ruft an und lädt die drei zu einem Kameraden ein, der neu nach Thüringen gezogen ist und seine Haftentlassung feiert. Bei einem weiteren Glas Schaumwein sprechen sich die drei kurz ab, ob Zschäpe diesmal die Schwester des einen Uwes ist und die Verlobte des anderen, oder aber andersherum. Sie können sich nicht einigen. Mundlos kramt drei Granatensicherungsstifte aus dem Besteckkasten. Böhnhardt zieht den Kürzeren.

16:35 – Es gibt Probleme mit Uwe B.s Freundin Mandy, und diesmal ist es endgültig. Eine Trennung lässt sich nicht mehr vermeiden, denn neben Mandys Ventil ist ein Loch. Eine von Uwe M. mit dem Fahrradflickzeug improvisierte Notoperation bringt nicht den gewünschten Erfolg.

17:20 – Beate hat den Trennungsprozess bei einer dreiviertel Flasche Weinbrand verkraftet; jetzt wird sie aktiv. Sie verstaut die löcherigen Überreste der Freizeitpartnerin in einen Schuhkarton und will sie in der Mülltonne entsorgen, doch Böhnhardt rät davon ab. Leiche sei Leiche, sagt er, und will auf Nummer sicher gehen.

17:28 – Gemeinsam mit dem Karton sowie einer Luftpumpe verlassen M. und B. die gemeinsame Wohnung. Sie haben sich zuvor kurz abgesprochen, eine Autobahnbrücke an der A4 auf der Karte ausfindig gemacht und beschlossen, die Puppe von einer Brücke abzuseilen. Es wird ein langer Abend.

18:00 – Die Abendnachrichten beginnen. Bei einem Gläschen Erdbeerwein vernimmt Zschäpe, dass am Vormittag die Zwickauer Sparkasse Ziel eines versuchten Raubüberfalls geworden war. Sie macht sich Vorwürfe, dass sie ihre beiden Freunde einfach so in die Gefahr geschickt hat – was da alles hätte passieren können!

18:19 – Jetzt fällt ihr auf, dass sie den ganzen Tag noch nicht dazu gekommen war, die Post zu erledigen. Zwölf Briefumschläge müssen mit Schwarzpulver präpariert, an diverse Redaktionen der Lügenpresse adressiert und abgeschickt werden. Beate Z. ist so deprimiert, dass sie die Briefe in die Umschläge steckt, ohne sie vorher zu lesen. Die beiden Uwes werden schon das Rechte geschrieben haben, denkt sie sich.

19:08 – Ein rhythmisches Würgen verrät es: Eva ist im Wohnzimmer. Jetzt erbricht sich das braune Tier auf den Teppich. Zeit für einen Himbeergeist.

19:26 – In der Tüte mit den Handgranaten befindet sich ein Schreiben. Der Verfassungsschutz fragt an, ob sie im Falle eines gewaltsamen Umsturzes gemeinsam mit der Polizei gegen die Bundesregierung vorgehen würden. Sie trennt die untere Hälfte ab, füllt das Antwortformular aus und steckt es ebenfalls in einen Briefumschlag.

19:33 – Z. überlegt einen kurzen Moment, ob sie das Schreiben in der Küchenspüle verbrennen soll. Sie sucht eine Kunststoffflasche mit Benzin, die üblicherweise unter der Spüle steht, doch sie findet nur mehrere Metallrohre, die an beiden Enden mit Draht versehen sind.

19:45 – Der deutsche Whisky ist auch schon fast leer. Zeit für eine neue Flasche Sekt.

20:08 – Die Tagesschau verläuft für Zschäpe enttäuschend. Den ganzen Tag lag wurden keine Ausländer erschossen, es gab nirgends in Deutschland Bombenangriffe, nur zwei Idioten wurden gesichtet, die den Verkehr auf der A4 mit einer herabhängenden Puppe für mehr als eine Stunde lahmgelegt haben.

20:35 – Müde und verschwitzt kehren die beiden Männer zurück. Sie haben auf dem Weg noch schnell einen Supermarkt besucht, um ein paar Kleinigkeiten (zehn Flaschen Sekt, eine Tüte Kartoffelchips, einen Beutel Feinschnitt, 20.000 Euro in kleinen Scheinen) zu besorgen.

20:38 – Nach einer längeren Diskussion willigt Zschäpe ein, noch eine Flasche Sekt zu öffnen. Sie sagt, sie wolle nicht von den Aktionen der beiden Männer profitieren, worauf sie ihr zu verstehen geben, sie solle sich dann doch bitte in Zukunft aus ihren Angelegenheiten auch komplett raushalten.

21:55 – Es ist spät geworden. Beate kriegt den Korken nicht mehr in die Flasche, andererseits lohnt es sich auch nicht mehr, das bisschen Sekt aufzuheben. Mundlos liegt bereits im Bett, Böhnhardt putzt noch eben schnell die Fingerabdrücke von der Česká und deponiert sie im Brotkasten.

22:13 – Von einem gewaltigen Knall geweckt fährt Mundlos im Bett hoch – es war nur Zschäpe, die mit der Kornflasche gegen die Tür gepoltert war. Nur noch wenige Augenblicke, dann liegt auch sie auf der Matratze. Ein sonores Schnarchen verkündet, dass auch sie eingeschlafen ist. Eva und Dolfi blicken sich stumm an. Gemessenen Schrittes gehen sie ins Wohnzimmer. Endlich Ruhe.

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2 responses

2 02 2016
Alice Wunder

Ich mag Kater Dolfi. Katzen gehen im Internet immer.

2 02 2016
bee

Ein vernünftiges Wesen muss ja mitspielen

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