Lösungsorientierte Berichterstattung

11 02 2016

Siebels kaute gelangweilt auf seinem Zahnstocher. „Vermutlich sind sie inzwischen pleitegegangen.“ „Es sind erst zwei, höchstens drei…“ „Zu lange“, knurrte er. Da summte der Türöffner. Das also war die Redaktion, die bis jetzt keiner betreten hatte.

„Selbstverständlich arbeiten wir hier genauso hart wie in allen anderen Häusern.“ Wiedenbrücker schwitzte, er schwitzte so stark, dass man es nicht nur sehen konnte. „Das ist, weil wir unter einem sehr großen Erfolgsdruck stehen und mit unserem Konzept ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Medienmarkt haben, das wir keinesfalls gegen die anderen Medien verteidigen müssten, aber Sie wissen ja – das Business ist halt komplex.“ Gut drei Dutzend Redakteurinnen und Redakteure saßen im abgedunkelten Großraumbüro, sie starrten auf Monitore und hörten angestrengt in Telefonhörer hinein, als ob dort jemand viel zu leise und zu schnell zu ihnen spräche. „Unser Produkt ist ja, wie gesagt, sehr speziell, und…“ „Sie sind der weiße Kanal“, sagte Siebels trocken. „Warum auch nicht, einen schwarzen hatten wir ja schon.“

„Wir wollen natürlich zunächst einmal eine Ausgewogenheit herstellen auf dem Medienmarkt.“ Siebels verzog das Gesicht, als hätte er einen leisen, aber lästigen Zahnschmerz verspürt. „Sie liefern also ein Produkt“, fragte ich, „das anders ist als andere Produkte auf dem Markt, richtig?“ Er nickte verwirrt. „Wer“, bohrte ich weiter, „stellt denn dann die Ausgewogenheit her, Sie oder der Verbraucher? oder ist dafür etwa der Markt selbst zuständig?“ Wiedenbrücker schwitzte, wenn möglich, noch ein bisschen mehr. „Wir reagieren auf die vielen schlimmen Nachrichten, die im Moment auf die Menschen einstürmen, und gesellschaftlich sind wir dabei höchste sensibel: die Ja-Sager werden so oft abgelehnt, während…“ „… die kritischen Leser von Ihnen keinen Respekt zu erwarten haben“, schoss Siebels. Der Zahnstocher zuckte nur leise. „Aber wir müssen den Leser immer wieder für uns gewinnen und ihm Angst nehmen“, stammelte Wiedenbrücker. „ Ob wir mal in die Redaktion gehen?“

Sie tippten in erhöhter Geschwindigkeit; auf dem Schirm des Redakteurs sahen wir, dass die Zahl der Geisterfahrer beständig zurückginge. „Das ist hübsch“, nickte ich. „Und ob“, freute sich Wiedenbrücker, „eine hervorragende Entwicklung in diesem Land.“ Ich runzelte die Stirn. „Das wird jeden beglücken, der bei einer Kollision auf der Autobahn stirbt, und jeden, der die internationalen Vergleichszahlen zu Gesicht bekommt.“ Noch immer versuchte er, seinen Schweißausbruch unter Kontrolle zu bekommen. „Aber wie sollen wir es denn sonst positiv darstellen? Wir haben nicht viel, und das wird unser großer Politik-Aufmacher für die nächsten beiden Tage.“ Der Redakteur hatte immerhin einen Absatz des fünfspaltigen Artikels getippt, es war also noch nichts verloren.

„Nur als Frage“, hakte Siebels ein, „Wirtschaft hat bei Ihnen kein eigenes Ressort?“ „Ich verstehe nicht“, stammelte Wiedenbrücker. „Ach, ich wollte es bloß wissen.“ Siebels spuckte den Zahnstocher in einen Papierkorb. „Wenn Sie Ihren positiven Journalismus verkaufen, dann wäre es ja immerhin vorher gut zu wissen, für wen er positiv ist. Für Aktionäre, Steuerfahnder, Steuerzahler, Banken oder deren Kunden, für Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Börsenspekulanten. Da wäre ja für Sie eine ganze Artikelserie drin, falls Sie nicht von vornherein objektiv berichten wollen. Und überhaupt, welche Meldungen erscheinen denn bei Ihnen?“ Wiedenbrücker schwitzte. „Wir haben alles, das müssen Sie mir glauben!“ Langsam zog Siebels einen neuen Zahnstocher aus der Jackentasche. „Dann wüsste ich gerne: welche Nachrichten erscheinen denn bei Ihnen nicht?“

Der Chefredakteur schluchzte, das heißt: ganz genau konnte man es hinter der Tür nicht hören, aber am ehesten war es Schluchzen, was man vernahm. „Lassen Sie sich nicht beeindrucken.“ Ich lächelte. „Wenn er jetzt ein bisschen weint, dann ist mir das doch vollkommen…“ Siebels winkte ab. „Das war mir klar, aber ich meine die Worthülsen. Lösungsorientierte Berichterstattung, oder wie Sie als objektiver Kritiker es nennen: Lügenpresse. Das ganze Zeug ist doch nicht viel mehr als billiger Hurratütenjournalismus.“ Auf dem Monitor neben mir erschien ein Text über die vielen wunderbaren Ergebnisse der letzten Klimakonferenzen – eine Folge großer Zugeständnisse an die wirtschaftliche Expansion der westlichen Industrienationen, ein Füllhorn riesiger Versprechen und tief empfundener Selbstbezichtigung, was wir in den vergangenen Jahrzehnten an Umweltsünden auf uns gehäuft haben. Die Konsequenz aus diesen internationalen Treffen war, dass wir sofort und konsequent in Richtung Klimaschutz umkehren, alle gemeinsam und als Menschheit, ohne uns in Arm und Reich, Ost oder West trennen zu lassen. Außerdem stand dort, dass wir den ganzen Dreck gemeinsam seit Jahrzehnten ignorieren, aber den Platz brauchten sie sicher für Reklame.

„Wir haben nächste Woche eine Kakteenausstellung“, rief Wiedenbrücker, „und ein Turnier im Schleuderball – es gibt Blasmusik und wir feiern, dass wir seit zehn Jahren keinen Anschlag auf ein…“ Da kam noch eine Meldung. „Aber immerhin haben wir Blasmusik! Das müssen Sie doch gut finden, jeder mag doch Blasmusik, oder? Oder?“ Aber Siebels hatte längst die Tür geschlossen.

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