Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXX): Gute Vorsätze

12 02 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hallöle und Schalömchen, da ist sie wieder, die miese Laune beim Blick in die Diätkohlsuppe. Nie mehr wieder einen Eimer Schnaps, keine Zigarre auf nüchternen Magen, täglich hundert Kniebeugen. Glücklicherweise ist der Januar irgendwann passé, die Likörfabriken haben vor Weihnachten reichlich Rücklagen bilden können, die Fitnessbuden haben neunundneunzig Prozent ihrer Jahresabonnements verkauft – was ihnen im Durchschnitt eine fünf- bis siebenfache Überbelegung eingebracht hätte – und sind nun wieder so angenehm leer, wie man es vom Rest des Jahres kennt. Keine hektische Hausfrau schiebt verschämt die Vollmilchschokolade auf dem Kassenlaufband unter die Vollkornnudeln. Die Angestellten wissen, dass es eine Treppe in den dritten Stock gibt, haben aber Mitleid mit leeren Aufzügen. Da ist das Leben wieder. Es war schön mit Euch, Ihr guten Vorsätze. Tschö mit Umlaut.

Abgesehen davon, dass sich die Welt mit dem Überspringen der Datumsgrenze nicht ändert, es ändert sich auch nichts in der Impulskontrolle von konditionierten Äffchen, die alle zwölf Monate in Heldenmut verfallen, der Bratwurst abschwören und eine Zweitkarriere als Supermann starten. Vielmehr, sie wollen, aber sie können nicht, denn nichts ist kontraproduktiver als der aufgedrückte Wille, sofort und unter öffentlicher Beobachtung im Rattenrennen jede Etappe zu nehmen. Eine ganze Gesellschaft wird pünktlich mit dem Glockenschlag zu angehenden Siegertypen, turnt bis zum Knarren der Gelenke und jagt den Würfelzucker durchs Klo – wer’s glaubt. Der Drang, sich nach dem Kalender neu zu erfinden und das alte Gewohnheitstier an der Autobahnraststätte zu entsorgen, er stammt aus der Zeit, als die Rituale noch metaphysisch unterfüttert waren: Advent war noch eine Phase der Kasteiung, um sich auf das weihnachtliche Sperrfeuer mental vorzubereiten, heute bleibt allenfalls ein matter Reflex, indem die hysterische Druckbefüllung zur Winterzeit ungebremst in einen postkalorischen Depressionsschub mündet. Die Erfindung der Körperfettwaage wird nicht ganz unschuldig daran sein, und was der Ganzkörperspiegel nicht schafft, erledigt die Apothekenzeitschrift.

Doch was dann? Der leistungsbewusste Depp reagiert, wie er erzogen wurde, und fällt von einem Extrem ins nächste. Eben noch hat er sich Gans und Butterstolle in den Verdauungstrakt geschoben, um auch ja selbst an seinen Wohlstand zu glauben, schon schnallt er das Fitnessarmband enger und schwiemelt sich Funktionsfutter mit null Nähwert hinters Zäpfchen. Dabei achtet er verbissen auf den Erfolg, denn es kommt ja nicht darauf an, besser zu schlafen oder den Blutdruck zu senken, wenn nicht der Nachbar von den täglich zehn Kilometern auf dem Laufband erfährt und den hundert Gramm, die man mit Flennkost abnimmt, bevor sie mit Verstärkung wieder zurückkommen.

Am besten nimmt sich der Bescheuerte Dinge vor, die man täglich erledigt; das erhöht schon nach zwei ausgefallenen Trainingsläufen, weil der Hund zum Tierarzt musste und das Meeting wieder länger gedauert hat, enorm die Frustration. Sich Ziele zu setzen, möglichst auch noch konkrete, wie: zwanzig Kilo abnehmen, nur noch einmal in der Woche bis zum Umfallen saufen, das tun sich auf Kurzstrecke getrimmte Egonauten nicht an. Der postmoderne Optimierungswahn, agil und bauchfettfrei bis zur Rente durchs Feld zu hüpfen, zermürbt die Querkämmer planmäßig und nicht unwillkommen, denn wer sowieso an sich zweifelt, obwohl er gerade seine Heldenfassade hochzieht, wird auch sämtliche systembedingten Nackenschläge der turbokapitalistischen Gesellschaft stumm wegstecken. Und die Heldenfassade hochziehen.

Längst ahnt der Beknackte leise etwas von seiner Rolle und nimmt sich inzwischen immer öfter vor, im neuen Jahr den Stress einzudämmen. Die Sinnlosigkeit beginnt, an den Rändern etwas auszufransen.

Wir optimieren uns also für die Galerie – der moralische Anspruch an unser eigenes Handeln ist demnach nicht mehr als eine Art besonders lauter Geltungskonsum. Wie man sich einen SUV vors Reihenhaus klotzt und Goldkettchen um den vom Epidermistuner neu belederten Hals hängt, protzt eine porentief erneuerte Disziplin der mangelhaften Umwelt vor, man habe sich von Teilzeitsünden befreit und dem Dämon final die Visage geputzt. Weil die Gewohnheit nichts anderes ist als eine in ihrer Grundstruktur für gut befundene und an die Lebenswirklichkeit geschmeidig angepasste Lösung für die Probleme, vor denen die Trimmdummies athletisch wegjoggen, solange sie ihr Sägemehl-in-Leitungswasser-Smoothie trägt, ist auch klar, wer den Kampf gewinnt. Der innere Schweinehund ist immer nur da, wo man gerade an ihn denkt, ihn hasst oder fürchtet. Und in der Spinatplörre stecken eine Bockwurst und zwei Schokoriegel. Minimum. Gut zu sein ist halt anstrengend. Für alle Beteiligten.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s