Im Eimer

18 02 2016

„Iech chabe niecht gewuust!“ Sofia Asgatowna, noch in ihrer bunten Kittelschürze, rang die Hände in wilder Verzweiflung. „Wenn iech chette gewuust, daan iech chette gaanze Ateljeeh niecht gepuutzt, da?“

Annes Perle, die nun seit Jahren auch meinen Haushalt betreute und die Küche nach mancher Beanspruchung wieder wie neu aussehen ließ, war eine aus tiefster Seele reinliche Person. Das aber hatte ihr den denkbar größten Ärger eingebrockt – ein echter Joe Shlabynsky war hinüber, genauer gesagt die Installation Sitting Waiting, ein Meisterwerk, das aus einem fettig verdreckten Klapphocker bestand und in der Galerie des neuen Mandanten Taubenheim einen eigenen Raum einnahm. „Chooker war vool Miest“, bekräftigte Sofia, „sah unmeeglich aus, so iech chabe gepuutzt den Chooker wie Boden!“ „Das ist ja schön und gut“, versuchte ich sie zu bremsen. „Aber dieses Ding da, das war Kunst.“ „Kuunst?“ Sie stemmte die Fäuste empört in die Hüften. „Wenn daas iest Kuunst, iech bien Wassili Wassiljewitsch Kandinski, da!“ Ich seufzte.

Da summte die Tür. Erschöpft kam Anne in die Kanzlei zurück, warf ihren Talar über den Kleiderständer und ließ die Aktentasche fallen. „Sagt mir“, stöhnte sie, „dass das alles nicht wahr ist.“ Luzie schob ihr das Schälchen mit den Keksen hinüber. „Wir haben schon hin und her überlegt, und da bin ich auf folgende Idee gekommen: sie ist ja eine außerordentlich reinliche Kraft.“ Sofia Asgatowna nickte eifrig und erfreut, wiewohl sie der Sekretärin wohl nicht zu folgen vermochte. „Ob man das nicht, sagen wir mal, als Berufskrankheit anerkennen lassen könnte, dann wäre wenigstens ihre Schuldfähigkeit…“ Anne winkte ab. „Das ist ja alles ganz hübsch, Luzie. Aber das ändert nichts daran, dass Generaldirektor Taubenheim den Schaden wird gerichtlich einklagen wollen, und dann hat Sofia ein Problem. Und ich bin meinen wichtigsten Mandanten gleich wieder los.“ „Iech werde Waaschbeecken puutzen“, verkündete Sofia und verschwand hinter der Tür gegenüber des Eingangs. Keine Minute zu früh.

Denn just in diesem Moment marschierte der Generaldirektor ein, wutgeschwellt und durchaus für einen Mord zu haben. „Sie hat mir meinen Shlabynsky ruiniert“, heulte er, „das habe ich nur Ihnen zu verdanken! Sie und Ihre verdammte Feudelfrau!“ „Ich freue mich auch, Sie zu sehen.“ Anne musterte ihn kühl von oben bis unten. „Sie wollten sicherlich noch drei der ausstehenden Raten für die letzten Schriftsätze bezahlen, richtig?“ Taubenheim keuchte. „Meine Installation, das kriege ich doch so nie wieder hin! Sie hat den Hocker mit Fettlöser behandelt. Mit Fettlöser! Dieses Weib ist absolut wahnsinnig! Wenn sich das in der Kunstwelt herumspricht, die Leute werden mich auslachen!“ Leise klapperte es hinter der Tür zu den Toiletten, doch das kümmerte nun keinen.

„Sehen Sie nur, hier.“ Mit der flachen Hand schlug Taubenheim auf die Seite des Katalogs. Das Foto eines schmutzverkrusteten Hockers war von viel wichtigem Text eingerahmt, wichtiger noch: der Künstler wurde als Geheimtipp gepriesen. Unrasiert und mit glasigem Blick glotzte er aus dem Druckwerk. Luzie stutzte, dann spielte ein maliziöses Lächeln um ihren Mund. „Augenblick mal“, sagte sie und rollte zum Aktenschrank, zog eine Mappe und legte sie auf den Tresen. Anne schlug den Deckel auf. „Hans Joachim Schlabinski, vorbestraft wegen… also auf jeden Fall arbeitet er bei der Müllabfuhr.“ „Sperrmüll“, präzisierte die Vorzimmerdame. Kein Wunder, dass Luzie Freese die Papiere ihrer Chefin mit luziefr zeichnete. „Sperrmüll – aber wie soll ich jetzt…“

Ich huschte kurz hinter die Tür. Ein Griff, dann hatte ich Sofias alten Eimer entwendet – sie hatte erst vorgestern feucht durchgewischt und konnte den Kübel entbehren – und ihn behutsam auf den Tisch gestellt. „Eigentlich“, verkündete ich, wollten wir es zur jährlichen Triennale in Tokio mitnehmen, aber dieses wunderbare Stück passt viel besser in Ihre Sammlung. Taubenheim beäugte das Blechding skeptisch. Er setzte die Lesebrille auf. „P II“, entzifferte er die Gravur am Rand, wo jede Menge Kalk sich abgelagert hatte. „Ein echter Boris Sergejewitsch Raschtschuschkin“, nickte ich. „Dafür werden Spitzenpreise gezahlt.“ Anne biss sich auf die Unterlippe; hektische rote Flecken stiegen ihren Hals hinauf. „Aber da steht P“, begehrte er auf. „Natürlich“, schaltete sich Luzie ein. „Raschtschuschkin – das ist ein kyrillisches R.“ Taubenheim nickte befriedigt. „Außerdem sehen Sie an der Datierung“, dozierte ich weiter, „dass es sich um eine Arbeit aus der vorrevolutionären Zeit handeln muss. 1911. Also ist das Stück älter als die Arbeiten aus dem Westen. Es ist das erste Ready-made der Kunstgeschichte.“ Taubenheim schluckte. „Wie viel“, fragte er heiser.

„Muuß kaufen Ejmer fier Ersaatz“, entrüstete sich Sofia. Aber Anne hatte sie rasch beruhigt. „Dafür kommen Sie um eine Klage herum und können weiterhin in seiner Galerie putzen.“ Luzie rückte ihre Brille zurecht. „Sie dürfen nur nicht aus Versehen Ihren alten Eimer… Sie wissen schon.“ Entrüstet ballte Sofia Asgatowna die Fäuste. „Daas iest die Chöhe! Ween daas iest mejn Puutzejmer, iech erkjenn daas – iest daas Kuunst!?“

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