Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXI): Das Smoothie-Biedermeier

19 02 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Grunde war die Wiederkehr der Staubschicht auf den gesellschaftlichen Sollbruchstellen recht zwanglos. Man gab wieder Geld für schweineteure Küchenmaschinen aus. Sich auf dem Sofa den Steiß wund zu sitzen hieß Cocooning und war auf einmal voll cool. Dreißigjährige Pärchen guckten sich die Hollywoodschmonzetten bei dreißigjährige Pärchen an. Die Kinder hießen, wie die Hunde der Eltern geheißen hatten. 1984 war technisch schon machbar und wurde versuchsweise schon praktiziert, deshalb sucht man sich möglichst einen Freundeskreis ohne Privatstasi aus. Ab und zu guckten sie aus dem Fenster, um aus dem Vogelflug zu sehen, ob es da draußen immer noch so schlimm sei. Manchmal öffneten sie die Fenster sogar, aber das geschah zuletzt immer seltener. Wozu auch, drinnen blieb ja alles gleich.

Die Bionade-Fraktion war immerhin noch von gesundem Hedonismus geprägt und ging jedem mit der Anschaffung des ultimativen Wäscheständers auf die Plomben. Handgesägt, Nussbaum, Bio-Hanfschnur! Der teuerste Kinderwagen, die einzig wahren Schuhe mit Sohlen aus Recycling-Reifen! Nachhaltig! Vegan! Repressionsfrei rundgelutschtes Soja! Nur ganz manchmal, wenn ihnen die eigene Unfähigkeit, mit Fair-Trade-Bapperln beklebten Müll als Ersatzhandlung für Glück zu akzeptieren, diese kleinen wütenden Tränen in die Augen trieb, wie bei einem grenzenlos enttäuschten Kind, das nie wieder einen Luftballon haben will, weil dies Dreckding nicht von alleine wieder vom Baum runterkommen will, genau dann haben sie sich gehasst, denn sie waren Spießer, unironisch, und spätestens als es in jedem Discounter Litschis gab, als jeder irgendwas mit Medien machte und in der Mittagspause Holunderplempe soff, da hatten sie kapiert, dass die Realität nur für die geeignet ist, die nicht mit Drogen umgehen können.

Und dann kam der Smoothie, ein wie vorgekaut anmutendes Surrogat von bizarrer Provenienz. Der Grünkohl feierte seinen Relaunch. Dreißigjährige Pärchen kippten sich Biogurke hinters Zäpfchen. Das gab ihnen Power, um wieder am richtigen Leben teilzunehmen – nein, nicht am Fenster, das brauchten sie auch nicht im neuen Job als Social Media Manager, wo man Bilder von Biogurken vor und nach der Sonderbehandlung austauscht, eher im Wohnzimmer mit dem Erwachsenenmalbuch. Sie radikalisieren sich im Internet, wo sie die neuesten Tricks für mehr Awareness kennenlernen: Wasser trinken, ayurvedisches Yoga in New York, bewusst atmen. Alles das wird von den richtigen Medien im Komplettpaket vermarktet, und wer genug Kohle hat, kann hinfort leben wie ein erleuchteter Bettler im Endstadium der Entrückung.

Vielleicht ist es ihnen ja nie wirklich leicht gefallen, dem Diktat von Schlankheit und Mode willig zu folgen, doch was sie hier unternehmen, ist so gar nichts von Rebellion, um wenigstens die gröbsten Symptome einer kompletten Verdeppung aus dem Weg zu räumen. Sie folgen lieber dem nächsten Megatrend, wer die tolleren Zeitschriften mit noch mehr fluffigen Detox-Tipps auf dem verschissen hässlichen Designertischchen liegen haben kann. Es ist nicht der Rückzug ins Private, es ist die Regression zu einer Herde blökender Waschlappen, formvollendet konfliktunfähig, lauter infantile Breichenlutscher, die sich verhalten, als könnte man sie frei von Gewissensbissen direkt in den nächstbesten Pflegecontainer kloppen. Eine Generation, die im Neoliberalismus mit Konservierungsstoffen aufgewachsen ist, hat auf einmal Angst, sich an Spaghetti zu stechen und noch mal hundert Jahre wegzupennen. Das Unverfängliche, hier wird’s Ereignis.

Dabei sind sie intellektuell damit überfordert, Wandfarbe beim Trocknen anzugucken. Ihr geistiger Horizont hat Spannungskopfschmerz von den eng sitzenden Scheuklappen – die Fenster haben sie zur Sicherheit gleich zugemauert, damit es sich kuschelig wie im Bunker anfühlt, miefig warm und ein bisschen dunkel an den Rändern. Aber das wird auch nichts mehr helfen.

Man könnte so viel ändern. Die Eskapisten in die Flüchtlingsunterkünfte scheuchen, sie mitsamt ihren verschwiemelten Achtsamkeitspostillen jagen, in denen die bewusste Frau noch erfährt, wie man grundwasserneutral Taschentücher aus Recycling-Mumie einspeichelt, um Pedro-Elias und Xiang-Marlene Schmadder aus dem Gesicht zu feudeln, direkt in die Kleiderkammern rein, wo sie fremde Menschen anfassen müssen, auf die Gefahr hin, dass sich das bisschen aufgeblähter Wohlstand mit Bachblüten und Holzspielzeug hinterher wie eine von Mario Barth miserabel nachgeturnte Monty-Python-Nummer anfühlt. Man könnte ihnen überhaupt mal einen groben Überblick verschaffen von der Gesellschaft, in der sie leben. Vielleicht hilft es ihnen, wenn sie begreifen, dass sie so überhaupt nicht interessant sind. Es ist völlig egal, ob sie unter der Erde leben, keiner würde durch ihre Fenster hineingucken wollen. Grünkohl zu lutschen ist definitiv nicht sexy. Noch ein Grund mehr, das mit den Drogen noch mal zu probieren.

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