Eigentlich immer

22 02 2016

„Morgen, Krawuttke.“ „Guten Morgen, Chef!“ „Und, wie sieht’s aus?“ „Sie wissen ja, wie es ist. Wenn man sich ranhält, reicht das Material, aber irgendwie fragt man sich schon, wie man das alles schaffen soll.“ „Na, keine Müdigkeit vorschützen! Kommen auch wieder bessere Zeiten. Die guten Leute fallen halt nicht vom Himmel.“ „Wem sagen Sie das, Chef!“

„Wobei, das mit den Flüchtlingen ist ja so eine Sache.“ „Bei uns in der Siedlung wohnen schon welche. Komische Leute.“ „Und?“ „Die machen das ganze Viertel kaputt. Die Fresse polieren sollte man denen. Erst neulich hat’s wieder gekracht.“ „Machen die Ärger?“ „Nee, die lassen sich ja zum Glück nirgends blicken.“ „Ist wohl auch besser so.“ „Das sage ich Ihnen, Chef: einer von denen bei mir vor dem Zaun, dem hau ich so eins aufs Maul…“ „Na, regen Sie sich mal nicht auf, Krawuttke. Die ziehen weiter. Wenn einer merkt, hier ist nichts zu holen, was meinen Sie, wie schnell die wieder fort sind.“ „Wollen wir’s mal hoffen, Chef. Lange schau ich mir das Theater nicht mehr mit an.“

„Regen Sie sich mal nicht auf, Krawuttke. Am besten, wir ignorieren die.“ „Geht doch nicht, Chef. Die bringen doch Unfrieden, nichts als Unfrieden.“ „Rahn erzählt, die haben neulich einen mit einem Fahrrad ertappt?“ „Fabrikneu! Skandal!“ „Und die Polizei konnte nichts machen?“ „Der hat dem Wachtmeister erzählt, er hätte sich das gekauft. Sogar den Kassenzettel soll er ihm gezeigt haben!“ „Naja.“ „Die fälschen sogar schon Kassenzettel, das müssen Sie sich mal vorstellen! Und der eine von denen, so ein Junger, Schnurrbart…“ „Ist ja nichts Ungewöhnliches, was?“ „Ach was, so läuft man doch nicht mehr herum – der geht jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe zur Bahn, dann kommt er spät am Abend zurück. Hat eine alte Aktentasche dabei. Eigentlich immer. Das ist doch nicht normal?“

„Was ich sagen wollte, Krawuttke – die zweite Stanze ist ja nun wieder repariert.“ „Ich weiß, Chef. Wir kriegen das nicht hin, Ehlert und ich. Uns fehlt ein tüchtiger Mann, wir haben schon überlegt, ob wir einen von der Löterei holen.“ „Und wer lötet dann? Krawuttke, Sie sind doch ein alter Hase. Wir brauchen einen, der stanzt und bördelt und nietet, das sage ich seit Wochen.“ „Ja, Chef.“ „Der letzte Auftrag ging an Weißmeyer & Söhne, wir müssen die Abteilung wieder voll kriegen!“ „Ja, Chef.“ „Bis dahin hauen Sie hier gefälligst einen Schlag weiter rein, Krawuttke. Ich lass mich nicht lumpen, das wissen Sie – was an Überstunden anfällt, das wird gezahlt.“ „Selbstverständlich, Chef.“ „Nur das mit dem Ausschuss muss mal aufhören, Krawuttke. Bei Ihnen will ich nichts gesagt haben, aber Ehlert fabriziert ja mehr Löcher als Blech.“ „Nein, Chef. Da lassen wir uns was einfallen. Am Wochenende rede ich mal mit ihm.“

„Oder gibt’s da Probleme?“ „Ja, nein – Chef.“ „Wie jetzt, ja oder ja?“ „Sein Neffe. Sie wissen doch.“ „Ach so, ja. Die Kollegen ziehen ihn immer wieder damit auf?“ „Ich sage ihm auch, da muss er drüber stehen. Ist ja nicht sein Filius.“ „Eben, Krawutte. Abrücken, das hält man sich besser aus dem Pelz.“ „Herrgott, ich weiß es doch auch nicht! Er fragt mich immer, ob seine Schwester ihn als Kind zu sehr verwöhnt hat oder ob man sich das in der katholischen Schule holt.“ „Was zerbrechen Sie sich Ehlerts Kopf. Ist doch seine Verwandtschaft.“ „Manchmal sagt er, er drückt seinem Schwager die Flinte in die Hand, und wenn er nicht will, dann schießt er das Drecksbalg selber über den Haufen.“ „Das soll er mal schön bleiben lassen. Wenn ich eins in meiner Belegschaft nicht brauche, dann ist das Skandal, sagen Sie das Ehlert.“ „Ja, Chef.“ „Und außerdem ist es vielleicht nur eine Phase. Das verwächst sich. Wenn er die Richtige findet. Und sonst, schicken Sie ihn in den Puff, daran ist noch keiner gestorben.“

„Und wenn wir eine Stellenanzeige in die Zeitung setzen?“ „In den Kurier?“ „Und in die Abendpost. Die lesen ja eher die Arbeiter.“ „Aha, Ihre Flüchtlinge. Vergessen Sie das, Krawuttke. Die wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Meinen Sie, Chef?“ „Habe ich schon mal eine Bewerbung von einem bekommen? Marotz reicht mir immer nur die rein, die er selbst einstellen würde. Ist aber keiner dabei.“ „Vielleicht kriegt man die billiger?“ „Für billig hab ich kein Geld, Krawuttke. Wir machen seit fünfzig Jahren Qualität, da kann ich mir keine Experimente erlauben.“ „Natürlich nicht, Chef. War ja auch nur so ein Gedanke.“

„Und sonst?“ „Muss ja, Chef. Aus dem einen Lehrling, da kann richtig was werden. Der ist jetzt bei Lüdemann.“ „Beim Tiefziehen?“ „Erstklassig, der haut eine Wanne nach der anderen raus.“ „Na sehen Sie, und wir dachten erst, der sei auch so ein Drückeberger.“ „Man steckt eben nicht drin, Chef. Wie meinte mein Großonkel immer: man kann den Leuten bloß bis vor die Stirn gucken.“ „Ja, da sagen Sie was, Krawuttke. Da sagen Sie was.“ „Wenn wir jetzt die neue Profilmaschine hätten, Chef, dann…“ „Langsam, langsam. Es läuft ja nicht schlecht, aber die Investitionen mache dann doch immer noch ich.“ „Ja, Chef. Nichts für ungut, Chef.“ „Dann mal frisch ans Werk! Noch eine Schicht Krawuttke, und dann ist Wochenende.“ „Endlich!“ „Und Sie gehen doch hin, Krawuttke?“ „Selbstverständlich, Chef. Ich und meine Frau, wir wählen beide Adenauer!“

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